28.07.2010

Viertes und vervorletztes Staubozeanmärchen


Es liegt ein Ding im Bett des Königs, im Bett der Könige liegt ein Ding. Einen hellernen Holzring hat es um den Finger, der ist genauso scheintot, genauso schreinrot wie das Ding, das diskrete Ding, das wartet dass die Sonne aufgeht irgendwann. Eine Sphinx steht vor dem fliederfarbenen Felsen und weint, im grünen Gras ihr hellschwarzer Schatten, die Tränen grau, grauunsichtbar, verloren in maroden Maschen mäandernder Mädchenaugen.


Rätselrunen auf den Wangen und Bomben im Blick, das Letzte, so ver-letzt. Drei Tauben fliegen über ihre Schulter bis zum Haar, am besten, man bände ihr die Hände beide, sonst ist sie nicht freiwillig willig.

Und stäche ihr die Augen aus, der Hure, die sich selbst ver-rückt, ein Möbelstück im Wahntraum der Anderen. In immergleichen innigen Burgen wohnt die Seele, rau, vermodert, ruineneben, immerhin von Efeu umrankt. Vögel schreien, Katzen streunen darum umher. Die Dornenhecke aber donnert sonnenkristallgleich nur am Horizont und wird nie über die Berge steigen.

Zeig-dich.

Zeitig –

denn das

Zeit-ich

macht dich

Hübsch nur das sonst bist du nicht freiwillig willig.

Nur das zählt. Die Zeit. Nur das zählt die Zeit. Die Zeit bist du wert. Nur das. Bist du.

Wert. Gegenwert. Die Seele, den Körper. Die Zeit. Was ist das wert?

Du.

Bist nichts.

Wert.

Da nicht

Ge-ehr-t.

Mehr. Nicht mehr.

Und da das so ist, kann ja jetzt jeder kommen, in dir kommen, denn du bist ja freiwillig willig.

Da kann ja jeder kommen!

Einer war ja schon da, der hat dich dazu gemacht, die anderen nutzen es doch nur.

- Aus. –

Das kann ihnen niemand verübeln.

Denken sie.

Denken sie?

Aufgehängt wurde er, der kleine Keimzellenkeim, im grellen Licht der Neonröhren, im finsteren Unheimlich einer scheinroten, warmen, pulsierenden Gefahr. Was liebt, muss nicht leben unbedingt und unbedarft, es darf auch sterben, ungeliebt und ungefragt, in weißen, vollbeschmerzten, vollbetäubten Hinterzimmern, die das schon kennen, die das schon wissen, die dafür sind und dafür da sind.

Mit all ihrem Zugehör, den Menschen, die keine Mentalität mehr haben, den Maschinen, die menschelnder sind als die Menschenskinder, die Menschenopfer fordern immer und stets und wieder. Und immer scheint, sie müssen auskratzen, was abkratzt, sie müssen aufschwatzen, was man anderen abschwatzt, ausschaben, was… Schabe ist und schäbig ist.

Es liegt ein Ding im Bett des Königs, im Bett der Könige liegt ein Ding. Es wendet sich da immer noch, goldschmuckbehangen und lächelnd und ohne Seele; zu oft ungewollten Einlass gefordert, das bedeutet, Löcher zu haben in dem, was anderen Menschen das Selbst ist. Aber wir sind nicht freiwillig willig.

Hat man dir so weh getan? Die Geigensehne streicht kalt über den Knochen einer Kuh, es singt und bebt in unserem Spinnwebenhaar, noch ist ein Nabel in Sicht, die Füße jedoch sind schon alt. Und Narzissen blühen am Wegesrand, aber das, was einmal die Seele los sein wird, wird Röschen genannt. Das eigene Fleisch kommt auf den Tisch, und auch aufs Bett, und die zerstörten Geistesreste auf die Gedecke anderer, die sagen: es, das Ding, war doch freiwillig willig.

Niemand wurde gezwungen, bezwungen, hat sich gewunden in der Zange, das lautlose, leise Lächeln ist in die Ecken einer jeden Wohnung gekrochen. Tausend Augen in der Nacht, aber nur für die, die sie nicht schliessen dürfen, nie mehr, aus Angst. Träume und Alpträume und vergessene Horizonte, und dabei: die Vorstellung eines weiten, weiten Sees, in dessen Wellen man sich gehen-lassen darf, in dessen Weiten ängstliche, gezwungene Schamhafte ins Wasser gehen dürfen – denn das hätten sie gerne ( – die Anderen. Die Stille.)

Der Augenblick der Verwandlung ist immer auch der Augenblick der Verzweiflung. Ein fürchterlicher Frauenschuh liegt auf den Geleisen, die geleiten niemanden mehr.

Gefallene frevelnde Frauen verfallen der Feme und das wird niemalsimmer so sein, dazwischen gibt es nichts, nur das Nichts.

Unter dem Hollunderbusch liegen wir und stellen die Käthchenfrage:

Träumst du –

das selbe –

wie ich?

Wir sind nicht eins. Wir sind Legionen. Millionen.

Aber eben nur Goldkronen…

© Morné Mirastelle, 27. Juli 2010


geschrieben am 28.07.2010 um 16:02 in Scheitern von Morné Mirastelle · RSS 2.0-Feed der Kommentare.
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2 Kommentare zu “Viertes und vervorletztes Staubozeanmärchen”

  1. Patricia O´Shaunessy

    Patricia O´Shaunessy sagt:


    28. Jul 2010 um 21:52 Uhr

    Keines Gefühles tiefster Schrei klingt so durchdringend, grässlich: den Verstand hoffentlich verlierend, bevor der Gedanken Vernunft den Schmerz erfassen. Kein Märchen für Erwachsende – abgestorben, verzweifelt, geliebt. Verzweifelte Furcht vor dem, was man(n) Liebe nennt. Zurecht? Die Erinnerung schreit ja.

  2. WorteWerdenWaffen

    WorteWerdenWaffen sagt:


    30. Jul 2010 um 17:29 Uhr

    Grau-Sam!

    Ein jeder ist sein eigener Raum ohne Fenster und ohne Tür!
    Wie kommen,liebe Mo,solch Wahn-sinnige Gedanken in dein Zimmer?
    Welch Monster keuchte da einst vor deinen Mauern?

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