07.06.2011

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Durch einer Geister Welt schien ich zu wandeln

Und fühlt mich selbst als Schatten eines Traums.“

Lord Alfred Tennyson (1809 – 1892), „Die Prinzessin“


Ob es einen Unterschied machen würde, wenn der kleine Karl wüsste, dass es jede Nacht exakt dieselbe Uhrzeit ist, zu der er aufwacht? Jede Nacht um 3 Uhr 8 wacht der kleine Karl auf, jede Nacht. Aber auch ohne dass er es weiß, ist es für ihn ja stets dieselbe Uhrzeit: die Zeit, um die er den Schlaf verlässt. Daran orientiert sich alles. Was das in Zahlen bedeutet, ist gleich. Karl kann die Uhr ja so oder so noch gar nicht lesen.

Ein Zuckerzauber: heute Nacht war da der Winter. Der Winter und ein tiefer, gefrorener See. Der Horizont erstreckte sich bis zum Himmel, und die Erde war platt und glatt wie ein gebügeltes Bettlaken, und genauso weiß. Der Himmel so weit oben, als wäre kein Ende in Sicht, und wolkenwärts und ackerab nur Schnee und Schnee und Schnee und sonst nichts. Graue und weiße Flocken von oben und unten. Himmel und Erde berühren sich nicht, so weit das Auge reicht. Sie sind einander fremd und unerreichbar. Und mittendrin ein See aus Eis.

Auf dem steht Karl. Auf dem See. Auf dem Eis. Er hört den Schneeflocken beim Fallen zu, es klingt, als landeten flauschige Federn auf einem Bett, es klingt nach einem weißen, weichen Nichts. Vor ihm auf dem Eis, auf dem See, auf dem Karl steht, durchbricht ein Loch den Frieden des Bildes, ein Eisloch. In diesem Eisloch schwimmt ein Mädchengesicht. Es atmet nicht, es schaut Karl nur an. Und weil Karl weiß, dass, was er erschaut, das einzig Lebendige weit und breit ist, hockt er sich nieder und streckt dem Mädchen die Hand hin. Ein paar Sekunden später ist Karl nicht mehr alleine auf dem See und in dieser Welt. Kaum hatte die eisigklirrende Luft das emporgetauchte Mädchengesicht erreicht, atmete jemand mit ihm in diese grauflockige Welt hinein. Karl kennt das Mädchen, das er da an seinem kleinen Finger in das Leben hineingezogen hat. Es heißt Anastasia und ist in seinen Träumen jede Nacht.

Karl erwacht. Es ist dunkel und dämmrig und Karl sieht sich um. Umrisse und Schattenrisse. Jemand sitzt in diesem Schummernebel auf der Bettkante, Karl spürt es. Derjenige sitzt schon lange da. Karl rührt sich nicht, sein Körper ist noch nicht wach, er braucht noch eine Weile, um zu begreifen, dass die Welt nachts anders ist, weicher, ohne Übergänge, ohne Grenze zwischen Wesen und Farben und Karl selbst. Ein Wolkenschatten legt sich auf Karl nieder, das vom Warten erschöpfte Geschöpf auf der Bettkante beugt sich über Karl. Karl kann die dunkelgraue Wattewolke an seinem Ohr spüren, und ein Gedanke geht in Karl hinein, der sagt: Jetzt ist eine andere Zeit, Karl, wir sind alle hinübergegangen, auch du. Niemand weiß von nichts. Du darfst nichts vergessen. Lass nichts liegen. Zieh dich um, zieh aus und verstecke alles in deiner Seele, was nach Weite und Salz und Ostsee riecht. Alles, was noch hellblau ist. Wie wir alle.

Da vorne steht die hässliche Hexe, das weiß Karl. Die linke Ecke vor der Kinderzimmertür, das ist ihr Winkel. Sie steht da im Schwarz und schaut ihn böse an. Sie wartet darauf, dass er erwacht, weil sie nicht weiß, dass er schon längst wach ist. Sobald sie es bemerkt, wird sie fauchen und Karl wird zusammenzucken. Wellen aus Furcht werden gegen sein Herz branden und Karl wird nicht wissen, ob es standhält auch dieses Mal in dieser Nacht. Karl traut sich nicht, anders als steif zu sein und Schlafatem vorzutäuschen mehrere Zeiten lang. Er weiß, dass er aufstehen muss. Er muss Anastasia doch suchen gehen. Irgendwer muss Anastasia doch suchen gehen. Vielleicht ist heute diese Nacht, vielleicht findet er sie heute. Jemand muss sie doch finden irgendwann. Er muss raus aus dem Bett, aber er ist wie gelähmt. Es ist wie jede Nacht. Karl kann sich nicht rühren vor Angst, stundenlang.

Die erste Aufgabe ist immer schwer. Karl muss an der Hexe vorbei.

Er bewegt sich. Ganz, ganz langsam. Mit bloßem Auge wird es nicht zu erkennen sein. Karl gleitet auf die Bettkante zu. So langsam, wie ein Haus sich zur Seite neigt. Niemand bemerkt etwas. Er braucht viele Stunden, bis er sie erreicht hat. Viele, bestimmt tausend.

Karl steht auf. Er bemüht sich, nicht in die dunkle Ecke neben der Tür zu schauen. Da muss er jetzt hin. Da muss er dran vorbei. Und Karl weiß, in der Ecke steht die Hexe, in ihrem Winkel gefangen, und sie wartet nur darauf, ihn zu erschrecken. Karl spürt ihn, den hasserfüllten Blick, der auf ihm ruht. Er atmet ganz flach. Sie darf nichts hören. Er darf sie nicht provozieren. Er muss so tun, als sei er gar nicht da. Als sei sie gar nicht da. Als bemerke er sie nicht und wisse nicht, dass er selbst in bitterer Bedrängnis wandelt bis zur Tür.

Der Fußboden ist irre kalt. Prompt hat Karl das Bedürfnis, sich zu erleichtern. Er hat Angst. An der Tür spätestens passiert es sicher sowieso. Wenn sie faucht, hat Karl solche Angst, dass er alles vergisst. Dabei ist er doch schon vier.

Aus der Ecke strahlt saphirgrüne Wut. Spitze kleine Nadelstiche treffen Karls Haupt, ein graueisiges Prickeln wie von tausend niederfallenden Eiszapfen. Eine düstere Ahnung kriecht seinen Hals hinauf und legt ihm einen Felsen auf den Kehlkopf. Karl kann nicht mehr schlucken. Das wäre auch zu laut. Schritt für Schritt. Kaffeebohne für Kaffeebohne. Zur Tür. Sein Blick haftet am Boden. Links ist die böse Ecke, und Karls linker Arm wird kalt, als er sie beinahe erreicht hat. Tausend kleine Sonnen, denkt Karl. Tausend kleine Sonnen sind auf meinem Schlafanzug.

Leise atmen. Gleich ist es vorbei.

Als er die Hand auf den Türgriff legt, als er sich nach ihm streckt, passiert es: ein leises, zischendes Fauchen. Ein Geräusch, als schöbe jemand einen Eisblock durch das Zimmer. Karl fühlt sich böse beblickt von oben bis unten. Da ist keine freie Stelle mehr an ihm. Alles ist Frösteln. Sie sitzt in der Kinderzimmerecke, die sie niemals verlassen darf, und ist gebündelter Kummer. Und sie ist böse. Auf Karl. Weil er lebt. Weil er sich bewegt.

Deswegen bedroht sie ihn mit ihrer Anwesenheit.

Die einzige Möglichkeit, die Karl hat, ist, sie zu ignorieren. Er darf ihr seine Angst nicht zeigen, das weiß er. Sonst ist er verloren. Es ist ein Spiel um seine Seele jede Nacht.

Er steht trotzdem auf und läuft zur Tür. Es gibt etwas sehr, sehr wichtiges zu tun. Und niemand kann es tun außer Karl.

Karl muss zu der schwarzen Katze. Vielleicht sagt sie heute Nacht etwas. Die Katze ist die letzte, die seine kleine Schwester Anastasia gesehen hat. Sie muss doch wissen, wo Karl Anastasia suchen kann.

Die Türklinke fühlt sich warm an, als wäre sie gerade berührt worden. Karl drückt sie nach unten und schlüpft durch die Tür. Schließt sie. Schließt die Hexe ein in seinem Kinderzimmer. Steht auf dem Flur und versucht, nicht zu weinen vor lauter ausgestandener Angst. Atmet tief ein. Schaut und hört und fühlt sich um.

Andere sind da. Als Geister, als Wesen, als Stimmung. Als Wattewolken, scharfe Schattenrisse, als Kraftfelder. Sie flirren durch den Flur wie Licht im Wasser. Geschöpfe, die Karl kennt. Aber keins von ihnen ist böse wie die Hexe. In diesen Ecken lauert nichts Gekränktes, mit Gift getränktes. Wo ist Anastasia?

Karl schleicht über den Flur. Wird zu einem von den schemenhaften schlurfenden Wesen, die sich bewegen, als puste man flüssige Farbe über ein Blatt Papier.

Am elterlichen Schlafzimmer vorbei. Karl weiß, dass Mama und Papa jetzt nicht wirklich da sind. Sie sind in einer anderen Welt. Sie wissen nicht, dass Karl etwas sehr, sehr wichtiges zu tun hat. Dass es eine Möglichkeit gibt, Anastasia wieder zu finden. Dass das seine Aufgabe ist. Wenn die Katze nur endlich mit ihm sprechen würde!

Im Flur ist ein Fenster. Karl sieht den Baum davor, er steht ganz still. Das Mondlicht hat ihn zu Blei gegossen, und schwarze Blütenästenornamente zieren ein gemalt und bemalt anmutendes Mondscheibenlicht. Karl staunt. Der Baum ist in den Himmel gewachsen und hat sich mit dem Mond vermählt. Unter dem Baum schimmert ein sich spiegelnder schwarzer Teich. Die moorige Flüssigkeit ist sicher zäh. Da steigen nachts sicher die Gespenster raus. Kämpfen sich frei und irren dann durch die Gegend. Suchen nach klarem Wasser und Korallen.

Und dahinter die Berge. Die Berge sind so heilig und alt, dass man sie nicht besteigen kann. Das weiß Karl, ohne dass ihm das jemand hätte sagen müssen. Da wohnt ein weises Wesen, das nicht spricht.

Etwas fällt vom Himmel. Ein schillerndes Ding. Was halt so vom Himmel fällt. Kinder. Sterne und Atombomben.

Karl steht am Fenster und hält Zwiesprache. Mit dem Baum, mit dem Berg, mit dem Mond. Mit dem Hauch, der darin wohnt, und der Jahrtausende alt ist. Jahrmillionen. Sie verständigen sich mit einem Wimpernschlag, bis Karl sich leise verabschiedet. Er muss weiter. Karl öffnet das Fenster, er möchte, dass es hereinkommt als Wind. Er braucht jetzt Stärke und Beistand. Solche Angst hat er, enttäuscht zu werden.

Er dreht sich um und da steht sie. Wie jede Nacht. Sie wird ihm über die Küchenfliesen helfen.

Vor denen fürchtet sich Karl. Er öffnet die Küchentür. Nur durch die Küche kommt er in die Stube und von da in Anastasias Kinderzimmer, in dem sie schon lange nicht mehr ist. Wenn er sie gefunden hat, wird er sie fragen, warum sie so plötzlich nicht mehr da war.

Mama und Papa haben ihm nicht gesagt, wo sie hingegangen ist, seine kleine Schwester, aber das müssen sie auch nicht. Das können sie auch nicht. Sie wissen es sicher selber kaum. Anastasias Seele hat sich eines Tages einfach so aus der Wiege geschaukelt. Und deswegen sind die Tage jetzt so bleischwer und so abgrundtief traurig. Und seine Mama weint nur noch. Und mit Karl redet keiner mehr so richtig.

In der Küche ist Winter. Es ist kalt. Das hochgewachsene Mädchen an seiner Seite atmet Schneeflocken. Es ist ganz zart. Und ganz weiß. In seinem Haar liegen Eissplitter. Und die Augen sind so hellblau, als schwämmen tausend Tränen darin. Karl hat das fast durchsichtige engelhafte Wesen Clara genannt. Weil es so klar ist, dass man hindurchschauen kann.

Clara pflückt eine Sonne von Karls Schlafanzug und pustet sie über die Fliesen hinweg durch die ganze Küche bis zu der anderen Tür. Der Goldstern hüpft auf den geschliffenen Steinen. Er springt einen Weg für Karl. Jede Fliese, auf der die kleine Sonne gelandet ist, ist jetzt nicht mehr Karls Feind. Karl darf sie betreten. Sie wird ihm nichts tun.

Die kleine Sonne hüpft einem Flummi gleich durch den Raum, bis sie an der Tür zum Wohnzimmer langsam erlischt. Clara nimmt seine Hand. Sie ist kühl und fühlt sich gut an. Danke, Clara, denkt Karl ihr zu, und dann holt er so viel Luft in seine Lunge wie er kann und läuft los.

Die Aura Clara bleibt stehen, wo sie immer stehen bleibt. Hinter ihm. Durch die Küche laufen muss er allein. Clara von der hohen Erde pustet die Sonne jede Nacht. Jede Nacht pflückt sie eine Sonne von seinem Schlafanzug. Irgendwann werden sie alle sein. Es sind sicher schon nicht mehr tausend.

Er spürt ihren Blick im Rücken und kämpft die Panik nieder. Eigentlich muss er keine Angst haben. Er hat sich doch jede sonnenbehüpfte Fliese eingeprägt. Er weiß, welchen Weg er zu gehen hat. Ein Schritt. Und noch einer. Er gibt sich große Mühe, nicht auf den Fugen zu landen mit dem Fuß. Es ist nicht sicher, was dann geschieht. Vielleicht geschieht nichts. Vielleicht etwas ganz schlimmes.

Tap tap – tap. Tap. Die auch noch. Da war die Sonne drauf. Hab keine Angst, Karl. Clara steht am Rand des Fliesenfeldes und schaut dir hinterher. Das Fliesenfeld ist rot und braun. Es hat viele kleine Risse, weil es lange nicht geregnet hat. Tap tap tap. Tap.

Karls Atem beginnt zu zittern. Er hat die Mitte des Feldes erreicht. Mit dem linken Fuß auf der einen, dem rechten Fuß auf einer anderen Fliese steht er wie im Schritt erstarrt. Er lauscht dem Flüstern. Jetzt kommen sie. Aus den Ecken, in denen Gräser wachsen und Blumen. Viele kleine anmutige schwarze Frauen kommen auf ihn zu aus allen Winkeln. Sie wispern und sie wuseln.

Da ist Entsetzen hinter Karls Augen, das drängt hinaus. Die schwarzbiegsamen Weidenrutenfrauen flüstern ganz leise und laufen umher auf den Fliesen, die die Sonne nicht berührt hat. Sie wuseln umher und knien auf den Rechtecken, auf denen nie wieder etwas wachsen wird. Irgendwo in weiter Ferne tropft ein Wasserhahn Leben in die tote Erde.

In der Mitte des Feldes steht Karl und weiß, dass es ein Gräberfeld ist. Unter jeder Fliese liegt ein Toter. Karl steht auf dem Feld und es ist riesig weit. Ihn erschauert. Die Frauen flüstern. Karl atmet so flach wie möglich. Wagt zögernd einen neuen Schritt. Würde lieber fliegen, hat aber keine Kraft mehr. Die versteinerte rotbraune Erde lähmt ihn irgendwie, zieht alle Kraft aus ihm heraus. Er darf nicht auf die falschen Fliesen treten. Nur die, die die Sonne geküsst hat, sonst keine. Ein Schritt, ein Sprung und immer weiter.

Die Erde wird schlammig um ihn herum. Mit einem Mal schwemmt es Dinge an die Oberfläche, die verborgen bleiben sollten. Karl springt über die letzten Fliesen wie eine Figur über ein Schachbrett, er hängt sich förmlich an die ihn rettende Wohnzimmertür. Hinter ihm bilden sich bodenwärts Totenmasken aus Schlamm.

Es ist wie jede Nacht: Karl geht buchstäblich über Leichen für seine kleine Schwester. Dass auch sie auf einem Gräberfeld liegt, weiß Karl nicht. Seine Eltern haben ihm ja nichts gesagt. Und Karl wäre sicherlich auch viel zu klein, das zu verstehen.

In der Stube sieht es aus wie in einem Aquarium. Das kommt von dem Efeu, das vor dem Fenster leuchtet. Ein Aquarium, in dem Bücher schwimmen.

Etwas platscht in der Heizung. Platsch, tropf. Platsch.

Karl weiß, das ist der Teufel. Das Platschen verändert seinen Rhythmus, wird schneller. Je schneller es ist, desto näher ist er. Wie die Eltern da drüben bloß schlafen können? So ruhig und unwissend darüber, dass sich die Welt nachts so verändert. So unbedacht im Angesicht der Dinge, die des nachts an ihnen geschehen.

Auf der Couch liegt Karls Fuchs. Den hat er gestern am Tage hier liegen lassen. Karl geht zu ihm, streicht ihm trostsuchend über das rostrote Fell, aber der Fuchs beginnt mit einer Stimme zu reden, die Karl nicht kennt, die ihm fremd vorkommt, und er sagt böse Dinge, Dinge, die Karl nicht versteht, Dinge, die seine Seele aufwühlen und bloß und verletzt und nackt liegen lassen wie eine von Wildschweinen zerwühlte Wiese.

Karl schluckt. Von der Decke blicken ihn die Stuckköpfe heimtückisch an. Sie wirken wie Gesichter aus Stein, deren Schattenfall sie leise lebendig macht.

Mit einem Mal schlägt die Standuhr. Dong. Dong Dong. Dong. Die Zeiger beginnen, sich auf dem Ziffernblatt wie wild zu drehen, so schnell, dass Karl sie kaum noch erkennen kann. Sie bilden eine rasende dunkle Scheibe, bis mit einem schrägen Ton und einem lauten Knall die Gewichte zu Boden fallen.

Etwas öffnet sich. Ein Ort, an dem einen ein entsetzliches Grauen packt. Ein Wesen, das keine Ahnung hat von Karls Anwesenheit. Es wirft die Tür hinter sich lärmend zu, läuft durch den Raum und verschwindet in der Mauer.

Karl zittert. Vögel flattern. Kreischende Krähen kreisen über Kreuzwegen. Irgendwo auf der Welt verliert ein Verrückter den Verstand. Ein unheimlicher Zauber gespenstert durch den Raum und träumt Düsteres.

Erschüttert erhebt sich Karl. Durchläuft den Raum. Hat große Angst. Würde sich am liebsten auf den Boden werfen und schlafen. Etwas anderes wahrträumen.

Seine Augen suchen die Tür zu Anastasias Zimmer. Hinter ihr liegt das erste Buch seiner kleinen Schwester. Das mit der schwarzen Katze vorne drauf. Die kann sogar quietschen, die Katze, denn das Buch ist aus Gummi. Man kann es sogar mit in die Badewanne nehmen, wenn man will. Die Katze ist die letzte, mit der seine kleine Schwester gesprochen hat. Sie weiß, was zu tun ist. Karl muss zu ihr. Die Katze ist Karls Orakel. Nur sie allein kennt die Wahrheit.

Da, ein Riss. Karl verstummt vor Furcht. Etwas Anwesendes überwältigt ihn, da donnert ein Poltergeist alle Bücher aus dem Regal, alle. Das Getöse und Geschmetter ist ohrenbetäubend. Als rutschte eine ganze Burg vom höchsten Berg der Welt. Hunderte, tausende Bücher fallen, regnen vor Karl hernieder, ihre dicken Einbände schlagen auf dem Boden auf, lassen die Welt erzittern. Und es hört nicht auf, vor Karl türmt sich ein Gipfel hoch wie eine Mauer. Donner und Blitz ergießen sich über Karl, und eine eisige Kälte kriecht in den Raum jahrhundertelang.

Über den Berg muss Karl. Zur Zimmertür. Aber er ist erschöpft und seine Kräfte schwinden. Er zieht die Nase hoch. Holt die Tränen zurück in seinen Kopf. Allein den Fuß, den Arm zu heben macht ihn schwer wie Beton. Karl muss hier weg. Er weiß, dass man sich mit einem bösen Ort verbindet, wenn man zu lange an ihm verweilt.

Karls Seele schwebt schon an der Schädeldecke, so gottverlassen und matt fühlt er sich. Er beginnt zu klettern, er will über den Berg. In das Kinderzimmer. Das Sonnenkind muss zum Sternenkind. So ist die Bestimmung. Karl erklimmt den Berg, er rutscht oft ab, nichts Festes ist unter seinen Füßen. Bücher rutschen lawinenartig, lassen ihn zurückfallen. Neben dem Berg äussert sich etwas Ausserweltliches. Ein Mann steht da und erzählt von Schlaf an Kreuzwegen und vor seiner Rede ist kein Entkommen. Karl weint. Er ist so müde. Er würde so gerne schlafen. Die Bücher lassen sich nicht mehr greifen, sie werden zu Pappe, sie biegen sich, Karl hat keinen Griff, keinen Halt mehr, er schwankt auf dem Bücherberg, als sei er ein Herbstsonnenstrahl auf stürmischer See. Von großen Veränderungen erzählt der Mann, von kosmischen Zeiten und kosmischen Zeichen. Karl ist schon ganz wirr im Kopf. Er spürt, dass das Vergessen nach ihm greift. Dass ihm entfällt, was er tun soll. Dass es einfach aus seinem Kopf herausfällt, auf die Bücher, und den Berg hinunterkullert. Der alte Mann saugt alle Kraft aus ihm heraus und alles Ziel. Mit jeder Träne vergiesst und vergisst Karl, was seine Aufgabe ist. Seltsame Stimmen surren und zirpen um ihn herum, und die Klage des alten Mannes ist ein lila Farbstrom im Flussbett.

Um sich zu trösten, beginnt Karl zu summen. Und zu singen über die knöchernen Körper hinweg: da wird es wieder still im Raum, nur Karls Lied tönt über allem, lullt das wirre Waldwesen ein und treibt seine grausigen Gedanken von Karl weg. Der alte Mann spricht nicht mehr. Karl erinnert sich daran, welches Buch ihm so wichtig war. Und wo es ist. Er rutscht den Bücherberg auf der anderen Seite hinab, stolpert, als er auf dem Boden aufkommt. Die Müdigkeit macht, dass ihm übel ist. Karl ist so erschöpft. Als seine Hände die Türklinke zu Anastasias Zimmer herunterdrücken, zittern sie, als wären es die Hände eines alten Mannes.

Aber in Anastasias Zimmer herrscht Frieden. Da steht das Gitterbett, und von draußen gleißt ein strahlendes Licht durch Steinkreise. Es wird die Toten wecken.

Karl geht zum Gitterbett. Hebt sich unter Aufbietung der letzten Kräfte über das Gatter und lässt sich fallen. Liegt in einem grünen Garten voller Blumen. Ein weißer Zaun umgibt ihn, nichts Böses wird jemals darüber hinwegsteigen können. In lilienweißes Holz hat seine kleine Schwester mit ihren Zähnchen Zeichen eingeritzt. An diesem Ort herrscht Frieden.

Hier liegt Karl zusammengekrümmt wie ein ungeborenes Kind. Er ruht wie auf Watte. Beinah fallen ihm die Augen zu, er kann sie kaum noch offen halten. Neben ihm im Gittergartenbett liegt das Gummibuch. Als Karl es in die Hand nimmt, quietscht es.

Da ist die schwarze Katze. Die muss er fragen. Nur sie weiß, wo seine kleine Schwester ist. Wo er sie noch suchen kann.

So wird es sein jede Nacht: Karl findet seine kleine Schwester Anastasia im Traum. Sie sitzt da im Schnee und braucht jemanden, der ihr eine Decke gibt und einen neuen Namen. Karl erwacht und sucht. Jede Nacht geht er den weiten Weg durch die elterliche Wohnung, steht Ängste und Furcht aus, begegnet großer Gefahr. Sucht seine kleine Schwester und findet nur eine stumme Katze.

So wird es sein jede Nacht, bis die tausend Sonnen alle sind und Anastasia wiederkommt.

Und so werden die Eltern Karl finden, wenn es hell wird: Karl liegt im Bett seiner kleinen Schwester. In seinen Händen hält er ihr Lieblingsbuch, das Buch mit der schwarzen Katze vorne drauf. Das erste Hell fließt in Anastasias Kinderzimmer, das nicht leer ist. Denn darin liegt ihr vier Jahre großer Bruder und träumt von ihr. Und neben ihm räkelt sich eine schwarze Katze im Licht von tausend kleinen Sonnen. Und sagt nichts.

© Morné Mirastelle, Brachet / Juni 2011


geschrieben am 07.06.2011 um 07:48 in Schemenhaftes von Morné Mirastelle · RSS 2.0-Feed der Kommentare.
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2 Kommentare zu “Tausend kleine Sonnen”

  1. gahi

    gahi sagt:


    08. Jun 2011 um 09:30 Uhr

    Meisterwerk! :)

    Ich schniefe immer noch…sooooo schön!

  2. Patricia O’Shaunessy

    Patricia O'Shaunessy sagt:


    11. Jun 2011 um 21:14 Uhr

    Ich mag heute nichts anderes mehr hören, denken, sehen oder fühlen – nichts, das mich einen Deut entfernt aus meiner Verlorenheit in Karls Welt. Seit ich erwachsen bin (oder einfach nicht mehr Kind?) glaubte ich an die Unschuld in ihren Leben, daran, dass sich der Kinder Kosmos nicht beherrschen lässt von weltlichen Süchten, Sehnsüchten, Gelüsten. Ach was weiß denn ich? Hab vergessen, was sie bewegt; meine Augen sind nicht mehr scharf, mein Verstand zu alt, die Phantasie verdorben. Du hast mich an die Hand genommen und zurückgeführt; tränenden Auges folgte ich Dir. Hab Dank.

    Gahi, Du hast Recht. :o )

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