03.10.2011

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Guten Abend, gestatten, ich bin auf der Flucht. Ich sitze im Zug, um wieder in der Heimat zu hausen, denn ich wurde vertrieben und ich, ich muss auch was austreiben.

In die überstürzte Flucht schlug mich das indiskrete Internet (auch Weltnetz oder Geißel Gottes genannt), welches mir stündlich neue elektronische Post zustellte, die ich jedoch gar nicht haben wollte, weil sie meistensteils von einer Gruppe Menschen stammte, die ich, für mich, heimlich, die „Arbeitsaufschwätzer“ nenne. Ihre Anliegen sind immer bis gestern zu erledigen, Notfälle von überzeugender Relevanz, überlebenswichtige zu erledigende Projekte, und sie selbst kennen weder Gnade noch Wochenende.

Irgendwann kam ich nicht mehr hinterher, die Mails zu beantworten. Geschweige denn, die mir auferlegten Aufträge zu bearbeiten. Irgendwann wuchs mir mein eigenes Postfach über den Kopf, in dem bereits die drei Dämonen Selbstzweifel, Selbstbeschimpfung und Selbsthass wohnten. Ich brauchte, wie mir auffiel, einen Exorzismus, sozusagen. Als erstes mussten die Schwätzer weg. Die Dämonen. Oder ich. Und so fing es an: mit dem Gedanken an das weg.

Was, dachte ich mir, würde eigentlich passieren, wäre ich weg? Dann würde keiner mehr die E-Mails beantworten. Kann doch aber gut sein, man ist mal weg. Sitzt auf einem Stein auf dem Acker, oder auch darunter. Oder ist Zelten auf dem Sonnenblumenfeld. Oder baut sich aus den bei IKEA halblegal mitgenommenen Bleistiften ein Holzhaus im Wald.

Eine Zuflucht. In der, so wurde mir klar, würden sie mich nicht finden. Die Arbeitsaufschwätzer nicht. Die Dämonen nicht. Und das Internet vielleicht erst in ein paar Jahren, wenn es möglich ist, per Google Persons Menschen ausfindig zu machen.

Es war ein guter Plan.

Und so schnappte ich mir meine Miez und eine Reisetasche voller IKEA-Bleistifte und nahm den Zug gen Zuhausedorf. Und da sitze ich jetzt im Abteil und überlege, dass es rattert. Eigentlich war ja der Plan, mir das IKEA-Holzhaus zu bauen, drei Kinder machen zu lassen und in meinem Arbeitszimmer Bücher zu schreiben, während die Kinder draußen spielen und die Katze sich sonnt. Und nachts vögel ich dann mit dem Förster. Es sei denn, der Förster hat einen Dackel namens Waldi. Weil, das fände ich dann irgendwie auch pervers.

Oder nein. Ich brauche vielleicht gar keinen Förster. Gegen Dämonen hilft wohl ein Priester am besten. Der kann sie mir austreiben, das wird sicher lustig. Aber es muss ein Priester sein, mit dem man auch so was anfangen kann, das heißt, er muss mich an meinem weichsten, verletzlichsten Punkt treffen können: meinem Sprachzentrum. So wird es sein. Wir schreiben uns einfach die Geschichte von der Hexe und dem Priester.

Zuallererst muss der alte Priester in meinem Heimatdorf weg. Ich bin eine, die Segen sammelt, aber so ein alter-seniler-Sack-von-Priester-Segen ist nicht so schön. Was also gedenke ich zu tun? Man könnte sich in die heilige Messe setzen und ihn einfach anstarren, bis er tot umfällt. Dann muss ein neuer kommen. Ein junger, ein noch staunender, einer noch ganz ohne Falsch. Noch wehrlos und so unglaublich hingerissen. So verfallen, so hingegeben, so im Staunen, dass es einem fast ein schlechtes Gewissen macht. Und schön lachen muss er können. Und noch am Träumen muss er sein.

Wenn ich ihn mir genau betrachte, ist er natürlich ganz schön katholisch. Und irgendwie so seltsam rechtskonservativ. Aber was solls, das ist wohl ideologische Nachhaltigkeit. Warum sollte man eine neue Weltanschauung nehmen, wenns die alte auch noch tut? Dann betreibe ich mit ihm eben einfach ein bisschen Klassenschande. Ich werde ich schon überzeugen: make love not Widerstand.

Denn ich mag ja keine Eliten. Und keine elitären Menschen. Dabei bin ich selber so. Der Proll in jeder gehobenen Gesellschaft und der Bildungsbürger auf jeder Baustelle. Eigentlich bin ich hier die elitäre Person und sollte mich was schämen, aber der Priester und Platon sagen, die Elite besteht aus denen, die  keine Elite sein wollen. Und so werden wir, die Hexe und der Priester, zur Dorfaristokratie ohne Anspruch. Mit seinem Hund und meiner Katze sind wir komplett und bilden die Elitebande. Jaaa.

Denn das habe ich so ausgependelt.

Und dazu gehört, uns das Dorf zu unterwerfen, denn unser Dorf soll schöner werden. Ich stelle mich auf den Berg an den Wiesenbrunnen und werfe mit einer allumfassenden Geste einen Bannkreis bis zum Horizont. Was mir gehört, bestimme ich! Und das ist jetzt mein Universum.

Es wird ein heiliges und verhextes Dorf zugleich. Hier können wir leben, ohne dass die Welt außerhalb der Dorfgemeinschaft von unserem schändlichen Tun und Treiben erfährt. Hier gibt es kein Internet. Kein Telefon. Und um dem Bischof von unserer illegitimen Beziehung brieflich berichten zu können, müsste man erstmal des Schreibens kundig sein.

Wir bannen die Welt und machen das Dorf unsichtbar. Und eines Tages wird die Welt unseren schönen Flecken Erde vergessen haben.

Und so bleibt es dabei: What happens in the village, stays in the village.

Aber es geht den Menschen hier so gut. Sie haben alles, was sie brauchen. Den Seelensegen vom Priester. Den Erdsegen von der Hexe. Und den Himmel, den teilen wir uns.

Und im Frühjahr nach der Saat vögeln wir heimlich und hemmungslos in den Ackerfurchen, wie die alten Ahnen es getan haben, damit die Felder fruchtbar werden.  Dann geht es den Bauern prächtig.

Und was zu tratschen haben sie auch immer, denn sie vermuten natürlich, dass wir was tun, aber sie wissen nicht, was es ist, was Hexe und Priester da treiben. Fiese Folter.

Doch gruselige Gerüchte machen ja auch glücklich, und wenn wir es richtig anstellen und uns tagsüber angiften und gegenseitig des falschen Umgangs mit den Gewalten bezichtigen, bleibt auch das Weltbild der Menschen im Weiher heil. Und auch das ist wichtig.

Und wenn wir auf dem Feld unter dem einzigen Baum sitzen und ich ihm einen Apfel andreh, dann sind wir uns ganz sicher, dass Gott uns nicht aus unserem sächsischen Paradies vertreiben wird. Und ich tausche meine gestohlenen Äpfel gegen die priesterlichen Freikarten in den Himmel, und die bewahre ich gut auf, falls eines Tages doch der Ticketkontrolleur in Form eines Kirchenfuzzis im krassen Kleidchen vor meiner Tür steht und die Karten sehen will. Dann zeig ich einfach das Dauer- und Sparabo vom Priester und werde für mein hexisch-heidnisches Himmelreich nicht bestraft.

Aber sicherlich kann der Priester mit seinem Litanei-Latein unsere Elite-Bande auch so ganz gegen sämtliche Bann- und Angriffe schützen. Und wenns Not tut, werf ich noch meinen Besen dazu. Nur bekehren soll er mich nicht, wo ich doch fürs Fegen zuständig bin. So als Fegefeuerfeger und Apfelandreherin. Und allem, was böse ist, stehlen wir einfach die Steine und wünschen es eher trüb- als tiefgesinnt.

Und wir heiraten heimlich auf hexisch, necken uns in der Nacht und spielen Theater am Tag. Hauptsache, der Bischof siehts ni, denn sonst kommen wir in die Hölle Hölle Hölle, zusammen mit dem Schwarzen Mann, dem Buhmann und dem bösen Mummumm.

Und die Gemeinde, die Geturtel-Gestapo, wird’s auch nicht sehen, nicht offensichtlich, denn der Priester wird wie gewohnt die Dorfhäuser segnen und den alten Mütterchen Gebete zum Schutz vor bösen Geistern und Hexen geben. Und sonntags in der Predigt schimpfen und auf die Kanzel hauen und böse guggn und jede Menge Anspielungen auf eine gewisse Person machen, aber meinen Segen muss er mir ja dann doch geben, wenn ich mich vor ihn hinwerfe wie alle und ihn mit meinen Blicken bezwinge.

Was soll man auch machen, wenn sich einem jemand vor die Füße wirft. Da kann man sehen, wie man kommt. Und wie man klar kommt.

Aber es sei gewiss, wenn keiner hinschaut, beblicken wir uns wohl ganz liebevoll.

Und des nachts, wenn der Dorfausrufer die Runde gegangen ist, verwandel ich mich in eine Katze und beschnurre ihn am Pfarrhaus. Dann muss er mich wohl auf den Schoß nehmen, auch wenn er sich dabei um Kopf und Priesterkragen streichelt.

Und nachts wühle ich lilabeglitzert meine Hände wild in die alte Ackererde und spreche meinen Segen dazu.

Denn so bin ich zur Erde. Call me Caritas.

Und tags sitzen wir am steinernen Torbogen an der Kirchhofmauer und sind Eule und Rabe. Oder wir schleichen über die Apfelwiese und suchen nach den Maulwölfen, die jaulen in der Däämmerung.

Und im He-He-Herbst braue ich meine Gewitter und heiße alle Wesen willkommen im Hexenkessel.

Genau so wird es sein. Und wir halten einander bei den Händen und reiten zusammen in den Untergang, ähm, in den Sonnenuntergang. Und alles, was wir wollen, ist das Ansammeln von Alliterationen.

Als ich meine Sinne wieder aufschlage, sitzt neben mir im Zug ein Mensch und reißt an meiner Realität und beißt an meinem Bild.

Menschen sollten keine gelbe Kleidung tragen und auch keine Schnauzbärte. Und sie sollten erst recht nicht mit offenem Mund auf Leberwurstbrötchen rumkauen. Das ist so… so falsch. So unwürdig.

Es wird so Zeit für unser Dorf.

© Morné Mirastelle, Oktober 2011

(Für J. „H.“, quasi Mitautor)


geschrieben am 03.10.2011 um 20:55 in Schemenhaftes von Morné Mirastelle · RSS 2.0-Feed der Kommentare.
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3 Kommentare zu “Als ich verschwand Oder: Wie ich mir mein Seelenheil zurückerzwang”

  1. Patricia O’Shaunessy

    Patricia O'Shaunessy sagt:


    08. Okt 2011 um 15:28 Uhr

    Wenn es nur so wär! Sich des Himmels Licht in die Hexe eingräbt und ihre Seele ganz gülden färbte: verrückt nach Liebe, ihren Kindern, ihren Worten, ihrer Katze, der Unabhängigkeit und den ausgesprochenen und gestoßenen Segnungen ihres Priesters. Und dürfte ich da wohnen, in ihrem Dorf – wissend und abgeschieden-unschuldig, verfangen in allem, was mir wichtig. Ich könnte die Zäune richten und den Alten helfen, an nichts glaubend, außer an den Anfang, und ich brächte meine Lehrerin mit, die mir eine Königin, und wir teilten uns die Ackerfurchen mit der Hexe und ihrem Galan – sie des nachts und wir am Tag, und alles was an Schmerz, an Verlust und Furcht durch’s Hier drängt, wäre dort vergessen. Gewiss.

  2. J. “H.” V.

    J. "H." V. sagt:


    13. Nov 2011 um 18:34 Uhr

    Wenn es nur so wäre? Nein – wann es nur so ist!

    Glocken im Kirchturm klingen, Rauschen raunt durch alte Wälder, rufen: Morné, Morné!
    Kein Segen dringt durch unsre Blätter, und auch kein Sonnenstrahl,
    kein Pfarrer ruft zum Beten auf, niemand trägt das Hexenmal!

    Kein Nebel und auch keine Hecke, keine Zauberwelt
    kein Angelus kein Weihwasser, das Äcker besprenkelt.

    Kein Rauch steigt auf, keine Vanille, kein Kätzchen hier miaut,
    niemand der, in Nacht und Stille, ins traute Waldhäuschen abhaut.

    Befreie Dich, Morné, und werde frei. Als Heilspenderin Segen empfangen, durch verteiltes Glück glücklich werdend.

    In Dankbarkeit,
    Dein „H.“

  3. Ostpohl

    Ostpohl sagt:


    07. Jan 2012 um 00:37 Uhr

    Was für Unsinn:in diesem Universum,auf dieser Erde,an diesem Ort,kommt der Tag,an welchem wir nicht mehr kämpfem müssen.

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