05.11.2011

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Nichts passiert vor der Zeit und wir waren alle schon mal tot. Kein Problem.

Wir fragen uns eben nur, wer morgen früh zuerst den Mann, der sich an den Wäschestangen mitten im Plattenbaughetto auf der Grünfläche zwischen Block 3 und Block 4 aufgehangen hat, findet.

Anders gefragt: Was wäre denn schlimmer? Wenn ihn die Oma sieht, die, wie jeden Morgen um 6 Uhr, ihre Blumen auf dem Balkon gießen will, gleich, ob es regnet oder nicht, und die diesmal sogar schon 5 Uhr diese Aufgabe verrichtet, weil ihr Wecker spinnt?

Das muss an den Akkus liegen, vielleicht hat sie vergessen, sie neu aufzuladen, vielleicht hat sie es auch noch nie getan, vielleicht tut das ihr Schwiegersohn aus Block 2, wenn er alle zwei Monate mal mit seiner Familie zum Kaffee trinken vorbeischaut? Vielleicht hat er sich gerade ein Bein gebrochen und ist deshalb unfähig, ihr einen Besuch abzustatten? So muss es sein.

Deshalb hat er die Akkus nicht aufladen können. Deshalb hat der Wecker 5 Uhr schon geklingelt. Deshalb fiel die senile alte Dame dem Glauben anheim, es sei 6 Uhr. Und deshalb goss sie ihre Blumen.

Aber es war 5 Uhr.

Deshalb ist sie die Erste, die den Mann dort unten an den Wäschestangen auf der spärlichen begrünten Fläche baumeln sieht. Das wäre schlimm, ein Trauma zweifelsohne.

Aber es geht noch schlimmer:

Vielleicht sehen ihn ja auch die Kids zuerst, die sich noch vor der Schule die sie entweder schwänzen oder mit der Pumpgun besuchen, vor den TV setzen, um sich gewaltverherrlichende Cartoons reinzuziehen. Daher auch die Pumpguns, ganz klar. Vielleicht will es der Zufall, dass sie allesamt und im selben Moment vom TV aufschauen und einen Blick aus dem Fenster werfen.

Aber wieso sollten sie das tun? Nun, vielleicht fliegt gerade en US-Bomber vorbei, in Richtung Afghanistan, Nordafrika oder Bayern, um Demokratie zu bringen. Angezogen von dem gewalt- und bildschlagzeilenversprechenden Geräusch stürzen sie alle zum Fenster. Und sehen den Mann aus Block 4. Tot. Ein Trauma sondergleichen.

Man stelle sich vor! Alle Kinder aus Block 3 und Block 4 traumatisiert! Das kommt rum. Gerüchte machen sich breit. Wenn sie groß werden, sofern dies nicht vorher von Pumpguns oder Koks oder der Zugehörigkeit zur falschen Ghettobande vereitelt wird, wird keiner sie einstellen wollen. „Die traumatisierten Kinder von Block 3 und Block 4“, wird es heißen, „weißt du noch?“

Dann eben kein Arbeitsplatz für die.

Weitere Aussichten: Prostitution / Zuhälterschaft, Drogen, Knast, Bewährung, wieder Drogen, Talkshowgastauftritte, Goldener Schuss.

Also soll doch lieber die Oma den Mann zuerst sehen, den toten.

Vielleicht schafft er es aber auch gar nicht, zu sterben. Das ist sehr wohl möglich. Dann müssten wir uns auch nicht die Frage stellen, für wen der Anblick eines entseelten Körpers an der Wäschestange schlimmer wäre, für die Oma oder für die Kiddies. Aber warum sollte er überhaupt sterben wollen?

Nichts liegt klarer auf der Hand als das. Er sitzt bei voller Deckenbeleuchtung bis nachts um 2 Uhr vor seinem PC. Vielleicht im Arbeitszimmer. Und seine Frau, die liegt im Schlafzimmer im Bett und liest Groschenromane und wartet. Die Groschenromane hat sie aus dem Wartezimmer des Arztes ihres Vertrauens weggefunden. Und sie ist sauer. Sie liegt also da und ist sauer und liest Groschenromane. Nachts um 2 Uhr. Und dem Einfluss des Verlags Bastei-Lübbe ist es zu verdanken, dass sie glaubt, dass ein eheliches Sexualleben sich auch anders gestalten kann als das ihre. Selbst nach 25 Ehejahren. Und überhaupt will sie erstmal wieder ein Sexualleben. Und ihr Mann sitzt vor dem PC. Das macht sie sauer.

Und morgen früh, denkt sie, morgen früh ist er wieder müde. Wer bis nachts um 2 Uhr vor dem PC sitzt – oder noch länger! -, der ist früh um 6 Uhr müde. Aber morgen früh um 6 Uhr macht der Zeitungsladen zwischen Block 28 und Block 29 auf. Und der führt die BILD. Und die Ehefrau denkt sich: Wenn ich schon kein Sexualleben haben kann, dann will ich wenigstens die BILD. Und zwar morgen früh um 6 Uhr. Und sie kombiniert: Mein Mann wird morgen früh nicht in der Lage sein, mir die BILD zu holen, wenn er noch länger vorm PC sitzt. Also geht sie rüber ins Arbeitszimmer und wirft ihm einen Pantoffel an den Kopf mit dem Fluch, er möge das Licht jetzt verdammt nochmal löschen und dann erledigt sie das doch gleich selbst. Und dann dreht sie sich um und geht wieder ins Schlafzimmer.

Und der Mann sitzt im dunklen Arbeitszimmer vor dem PC, dessen blaues Monitorlicht den Raum nur ungenügend beleuchtet, und fasst es nicht. Nach 25 Ehejahren! Und er sagt sich, dass es ihm jetzt reicht. Dass er das nicht mehr mitmacht. Nach 25 Ehejahren!

Seine rebellische Ader erwacht. Ja, sie erwacht erst nach 25 Ehejahren, weil er einen Ödipuskomplex hat. Nie hat er sich von seiner Mutter, deren auserkorener Liebling er gewesen war, lösen können, und gerade, als er, zeitlich gesehen, dazu in der Lage gewesen wäre, hat er geheiratet. Und die Braut, diese seine Frau, die ihm gerade den Pantoffel an den Kopf geworfen hat – nach 25 Ehejahren! – war natürlich ein Tipp seiner Mutter. Und jetzt trifft er zum ersten Mal in seinem Leben eine Entscheidung. Er hat es satt! Nie hat er unabhängig sein dürfen. Das muss man verstehen.

Und er steht auf und schwört feierlich in den schwachblaubeleuchteten Raum hinein, einsam und nur für sich selbst, maximalst noch für Gott, denn ja, obwohl er auch die BILD regelmäßig liest, glaubt er noch an einen Gott, dass er sich befreien wird. Auch das kann man verstehen, oder? Es reicht ihm! Und er beschließt, sich umzubringen, um es seiner Mutter und seiner Frau mal so richtig zu zeigen. Auch das ist tragisch. Aber wenigstens nicht ganz so tragisch wie die Vorstellung von den traumatisierten Kids aus Block 3 und Block 4, oder dem Gedanken, dass die Akkus der Oma schlappmachen, also, die ihres Weckers. Weshalb sie nämlich zu früh die Blumen gießen würde. Und alles nur, weil sich ihr Schwiegersohn das Bein gebrochen hat!

Aber halt! Er stirbt ja vielleicht gar nicht, unser Mann. Er ist nämlich Schlafwandler, müssen wir wissen. Na also! Ersparen wir uns die Omas und die Kids. Er schläft nämlich ein, weil er sich überanstrengt hat nach diesem ersten Entschluss. Das war ja auch schwer! Und so was hat er schließlich noch nie getan. Und sein Hirn, welches er gerade eben zum ersten Mal aktiviert hatte, setzt aus; er fällt in den Zustand des Schlafes und sein Kopf auf die Tastatur. Und da schläft er nun, in dem schwachblaubeleuchteten Zimmer, den Kopf auf der PC-Tastatur.

Aber nicht lange!

Denn er ist ja Schlafwandler. Also steht er auf und läuft in Richtung Tür. Wie er das eben jede Nacht tut. Nur, diesmal war es eben ein anderer Grund, weswegen er vor dem PC eingeschlafen ist. Nicht etwa, weil er zu lange davor gesessen hätte, so wie sonst, nein, des Beschlusses wegen, den er gefasst hat, weil seine Frau ihm den Pantoffel an den Kopf geschmissen hat, nach 25 Ehejahren!

Jede Nacht saß er vor dem PC. Dann wurden seine Augen müde. Und er schlief ein. Und schlafwandelte in Richtung Tür, stieß mit dem Kopf gegen den Lichtschalter und fiel nach links. Man muss wissen, links neben der Tür des Arbeitszimmers befindet sich nicht nur der Lichtschalter, sondern auch ein Sessel. Wahrscheinlich ein Geschenk von Mutti – ebenso wie seine Frau. Und jede Nacht fiel er nach links, in den Sessel. Und dort fand ihn dann regelmäßig seine Frau – des Morgens. Kein Wunder, dass sie frustriert ist. Nach 25 Ehejahren hat das jede satt! Nach 25 Ehejahren ist die Frustrationsschwelle überschritten! Und deswegen der Pantoffel am Kopf. Zum ersten Mal in 25 Ehejahren!

Aber in dieser Nacht ist alles anders. Denn der Mann, der eben gerade schlafwandelnderweise mit dem Kopf gegen den Lichtschalter stieß, fällt in dieser Nacht nicht nach links in den Sessel, wo ihn am Morgen seine Ehefrau (seit 25 Jahren schon!) finden würde, nein! Er fällt nach rechts. Zum ersten Mal seit 25 Ehejahren fällt er nach rechts. Aber er hat ja heute auch zum ersten Mal seit 25 Ehejahren einen Pantoffel an den Kopf gekriegt. Er fällt nach rechts. Und rechts ist kein Sessel. Er liegt also vor der Tür auf dem Boden. Zum ersten Mal seit 25 Ehejahren liegt er nicht im Sessel, sondern auf dem Boden vor der Tür. Und er schläft.

Und kann sich also gerade nicht umbringen. Aber er hat ein Problem, und das Problem ist seine Frau, und das zwar im Allgemeinen seit 25 Ehejahren, aber im Besonderen jetzt, denn sie hat, im Schlafzimmer liegend, wartend, lesend und sauer, den Aufprall gehört. Zum ersten Mal seit 25 Ehejahren, denn sonst fiel er ja immer nach links, in den Sessel, sanft und leise. Und das hört man ja nicht. Aber diesmal hört sie es, weil er ja nach rechts gefallen ist, auf den Boden. Und sein Problem seit 25 Ehejahren steht auf und will nachsehen, ob etwas passiert ist. Das kommt ihr nämlich komisch vor, dass sie etwas gehört hat. Schließlich hört sie sonst des nachts nie was von ihm: er fällt ja nach links, wie der geneigte Leser inzwischen weiß.

Und nun versucht sie als die Tür zum Arbeitszimmer zu öffnen, aber das klappt nicht. Die Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes lässt sich nämlich nur nach innen öffnen, und drinnen vor der Tür liegt unser Mann.

Und sie bekommt Panik. Das ist ihr noch nie passiert! Noch nie seit 25 Ehejahren! Und sie wirft sich gegen die Tür und schiebt auf diese Weise ihren Mann so weit weg, dass man die Tür ein wenig öffnen kann. Und ihr Mann wacht davon nicht auf, müde, wie er ist, von dem Beschluss, den er gefasst hat. Und seine Frau hat jetzt Angst, weil ihr Mann sich nicht regt. Sie hockt sich hin, hysterisch vor Panik, und will sehen, ob er noch lebt. Und sie hält ihm die Hand vor die Nase, um zu prüfen, ob er noch atmet.

Und er atmet.

Da wird sie sehr, sehr wütend, weil sie glaubt, dass er sie reingelegt hat. Und wenigstens aufwachen hätte er können, als sie solche Angst hatte. Der Gedanke macht sie ganz rasend. Und da schlägt sie ihn mit dem Pantoffel und trifft genau seinen Kopf. Zum zweiten Mal innerhalb einer Nacht, und nach 25 Ehejahren! Ganz klar, dass unser Mann aus Block 4 davon aufwacht. Aber die Frau, die ein Tipp seiner Mutter ist, ist schon längst wieder im Schlafzimmer verschwunden, und er weiß zwar nicht, wieso, aber es steht fest, dass sie ihn die nächsten 24 Stunden ignorieren wird – und dass sie ihn zum zweiten Mal innerhalb einer Nacht und nach 25 Ehejahren einen Pantoffel über den Schädel gezogen hat, hat er auch noch mitgekriegt. Ansonsten funktioniert sein Verdrängungsmechanismus ziemlich gut, und normalerweise hätte er den Suizidbeschluss schon wieder vergessen, aber der erneute Pantoffelschlag erinnerte ihn wieder daran.

Und da steht er auf und greift sich seine Lederjacke und schließt leise die Haustür hinter sich. Und wird doch noch sterben. Und dabei hätte er doch gar nicht sterben müssen, wäre er nach links gefallen, in den Sessel, sanft und leise. Dann hätte seine Frau den Aufschlag nicht gehört und wäre niemals auf die Idee gekommen nachzuschauen. Und sie hätte keine Panik und keine Wut gehabt und hätte ihm nicht den zweiten Pantoffel innerhalb einer Nacht und nach 25 Ehejahren an den Kopf gehauen. Er hätte seinen Entschluss vergessen. Weil doch sein Verdrängungsmechanismus so gut funktioniert.

Aber nein! Er musste ja unbedingt nach rechts fallen, zum ersten Mal seit 25 Ehejahren. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf, und jetzt ist er sowieso schon auf dem Weg zum Wäschesstangenplatz auf der Grünfläche zwischen Block 3 und Block 4. Das ist tragisch. Aber immerhin! Zum ersten Mal scheißt er auf etwas, nämlich auf seine Mutter, die ihn da reingeritten hat, auf die BILD, die er hätte holen müssen, auf das Puhdys-Konzert, auf welches er nächstens zum 25-Jahre-Jubiläum der Ehe mit seiner Frau gegangen wäre, auf die Fliesen, die er am Wochenende aus dem Baumarkt hatte holen wollen, um das Bad neu zu fliesen, auf den Rat seiner Mutter und sehr zum Wohlwollen seiner Frau, und ja, auf seine Frau scheißt er auch, und zwar ganz besonders, und auf das Leben an sich scheißt er jetzt sowieso.

Und er hängt sich auf, an einer Wäschestange auf dem Platz zwischen Block 3 und Block 4, nachdem seine Frau ihm zum zweiten Mal innerhalb einer Nacht und nach 25 Ehejahren einen Pantoffel an den Kopf geschlagen hat.

Und vielleicht sieht ihn gar nicht unsere blumengießende, der Akkus wegen zu früh aufgestandene Oma zuerst, und vielleicht auch nicht die pumpgunisierten, schuleschwänzenden, brachialcartoonschauenden Kids. Vielleicht halten die Akkus der Oma nämlich doch noch eine Nacht lang durch, dann passiert ihr das erst übermorgen, und dann ist unser Mann ja schon seit 24 Stunden tot und hängt bestimmt nicht mehr da.

Und vielleicht fliegt auch kein US-Bomber vorbei, und die Kids haben keinen Grund, ihren Blick vom TV, ihre Nase aus dem Pseudokoks oder die Hände von der Pumpgun zu nehmen und aus dem Fenster zu schauen.

Wenn das alles nicht passiert, dann ist die erste, die ihn sieht, seine Tochter, die früh um 5 Uhr von einer Party wiederkommt, und die überhaupt nur weggeht, weil sie sich in den Taxifahrer verliebt hat. Das heißt, sie sieht den toten Mann, ihren Vater, wenn der Taxifahrer sie nicht bis vor die Haustür fährt und zufällig den Kopf dreht – wohl möglich, dass er sich wegdreht, weil sie ihn küssen will – und so unseren toten Mann noch vor dessen Tochter sieht, unseren toten Mann aus Block 4, der jetzt der Pantoffel und der 25 Ehejahre wegen an der Wäschestange auf dem Platz zwischen Block 3 und Block 4 baumelt.

Ehre sei seinem Andenken.

© 2002, eine samtbassherzschlagTextproduktion präsentiert von Morné Mirastelle in Zusammenarbeit mit Thomas Richter


geschrieben am 05.11.2011 um 18:34 in Allgemein von Morné Mirastelle · RSS 2.0-Feed der Kommentare.
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Ein Kommentar zu “Ein kannibalischer Fleischer aus Dublin kann kein Faschist sein – Oder: Wer findet den toten Mann?”

  1. Thoros of Myr

    Thoros of Myr sagt:


    16. Nov 2011 um 15:42 Uhr

    Nach 25, ja, 25 Ehejahren kann das Leben an einem seidenen Faden – Pardon, an einem filzenen Pantoffel hängen. “Hätte ich mich doch nach links gedreht”, dieses eine Mal, “oder doch lieber auf Mutti gehört?”, die ewige Frage schizoider Geister mit Ödipuskomplex.

    Ich denke, wir können uns alle ein wenig hineinfühlen, in die Geschichte. Als Ehemann, als Ehefrau (immerhin 25 Jahre!), Zuschauer, Tochter…oder zumindest Taxifahrer. Wir waren alle schon mal tot.

    Mein Dank an Morné und den Coautor.

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