13.11.2011

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Es war einmal in den sächsischen Landen, da lebte ich in Eintracht und Frieden mit meiner Katze in einer Wohnung und schrieb Texte und las Märchen und aß Kartoffelbrei und alles war schön, bis der Tag kam, an dem meine Freunde beschlossen, mich zu verkuppeln, damit ich im nahenden Winter nicht so alleine sei, und ihre Wahl war gefallen auf einen jungen, ein bisschen ver- oder gestört wirkenden Mann namens Hubert.

Hubert wurde mir vorgestellt und bereits der erste Eindruck verdeutlichte mir, was meine Freunde gedacht haben mussten, als sie sich dafür entschieden hatten, uns zusammenzuführen: dass Hubert, genau wie ich, ein Resozialisierungsprogramm nötig hatte.  Das war bereits seiner äußeren Erscheinung anzumerken, die von beginnender Verwahrlosung zeugte: in ein freundliches Schwarz gekleidet präsentierte sich Hubert mit leider ungewaschenen, langen, lockigen Loden, einem Bandshirt,  dessen Schrift mich eher an die architektonischen Winkelzüge gotischer Kirchtürme erinnerte und dessen Ausdünstungen an die kircheneigene Krypta, in schwarzen Militärhosen und Stiefeln, denen man ansah, dass ihren Stahlkappen schon das ein oder andere niedliche kleine Rehkitzköpfchen zum Opfer gefallen war. Seine nach außen gerichteten Nietenbänder, mit denen er sich über und über garniert hatte, signalisierten hingegen ein freundliches „Komm her und kuschel mich“. All das aber war nichts gegen die mürrische Miene und den starrenden Blick, mit dem er mich die ganze Zeit fixierte, während mir meine Freunde erklärten, der Hubert sei eigentlich ein ganz Netter, nur ein bisschen schüchtern.

Wie auf Stichwort trat der zwei Meter große und zwei Meter breite Koloss also auf mich zu, und ich wollte gerade entsetzt nach hinten zurückweichen, weil ich befürchtete, er würde mir jetzt mit seinen Baggerschaufelpranken eine runterhauen, da öffnete er den Mund und tönte in tiefstem Bass:

„Duä. Un ich. Mäddel. Am Samstach. Forschdähsd du dos?“

Und da ich mich nicht traute zu widersprechen, nickte ich nur und versuchte, mir nicht in die Hosen zu pinkeln vor Angst. Jetzt gab es kein Zurück mehr: ich würde also – wenn ich das richtig verstanden hatte – am Samstag mit diesem Stück Holz auf ein Metalkonzert gehen. Und, vielleicht, wenn alles gut ging, sogar wiederkommen.

Eine kleine Liste der Dinge, die Hubert mir verschwiegen hat, die mir meine Freunde allerdings nach dieser Begegnung der dritten Art freundlicherweise noch mitteilten:

  1. Hubert wohnt irgendwo in Sachsen in einem Wald.
  2. Das Metalkonzert der Band, von der ich noch nie gehört habe und die ich nicht aussprechen kann, findet auch auf einer Felsenbühne im Wald statt.
  3. Wir werden also Samstagabend zu dem Konzert vom einen Wald in den anderen Wald gehen müssen. Zu Fuß. Durch Dunkelheit und einen anderen Wald.
  4. In das Dorf, an dessen Wald Hubert wohnt, fährt ein einziger Bus am Samstag rein. Und nur einer wieder heraus: am Sonntag.
  5. Daraus folgt, das von mir erwartet wird bei Hubert zu schlafen.
  6. Der fast dreißigjährige Hubert wohnt noch bei seiner Mutter.

(Erinnert das den geneigten Lesen zufällig an den Film „Psycho“? Mh, nun – mich auch.)

Folgerichtig versuchte ich, mich zu weigern, aber meine Freunde schlugen mich, bezichtigten mich der Feigheit und des Vorurteilehabens und begründeten die Notwendigkeit eines Treffens mit Hubert mit der unwiderlegbaren Tatsache, ich hätte es nötig und müsste mal wieder raus. (Und damit meinten sie augenscheinlich, raus in einen Wald, aus dem ich nie wieder herausfinden würde.) Derart mürbe gemacht ergab ich mich schließlich und verpflichtete mich tränenden Auges dazu, ein Wochenende mit Neandertaler Hubert zu verbringen. Allein. Im Wald. Bei ihm. Und seiner Mutter.

Also ergab ich mich zwei Wochen darauf meinem Schicksal, behängte meinen Leib in Erwartung dessen, was passieren würde, schon mal mit schwarzen Kleidungsstücken und fuhr mit dem Bus eineinhalb Stunden in die sächsische Pampa, in ein Dorf, das genauso viele Einwohner wie Buchstaben im Namen hat und an dessen einziger Bushaltestelle ein schwarzgewandeter Klotz namens Hubert auf mich wartete, der mich mit einem freundlichen: „Mir gehen jetz zu meiner Muddor. Forschdähst du das?“ begrüßte, um die nächste halbe Stunde wortlos neben mir herzustapfen, bis wir an einem alten, ein bisschen verfallenen Haus im Wald ankamen, aus dessen Schornstein Rauch stieg. Hubert riss die Tür auf, stürmte hinein und schmiss seine Stiefel in die Ecke und bedachte mich keines Blickes. Das tat dafür aber seine Mutter, eine freundliche, etwas gebeugte scheinende, verschüchterte Frau – wer will es ihr verdenken! -, die mich, darum bemüht, ihren randalierenden Sohn in seinem Wüten nicht im Wege zu stehen, von oben bis unten musterte und mich dann fragte, ob ich Hunger hätte.

(Erinnert das den geneigten Leser zufällig an das Märchen von Hänsel und Gretel? – Mhm, nun… Mich auch.)

Ich verneinte dies und ließ mich von Hubert in seine Höhle, also, sein Zimmer schleifen, dessen Jugendzimmereinrichtung mit Totenköpfen und Plakaten von schreienden und bemalten Männern dekoriert war. Dort warf Hubert sich dann auf die Couch, blaffte: „Isch zeich dir ma por Wideohs, forschtähst du das?“ und führte mir dann den gesamten Nachmittag Musikvideos vor, zu deren gefolterten Gitarren und geschrienen Flüchen in jedem einzelnen Filmchen mindestens eine nackte junge Frau in einem einsamen Wald darniedergemetzelt und dem Satan geopfert wurde, was mich, in Kombination mit Huberts seltsamen Seitenblicken und der Tatsache, dass all dies in völligem Schweigen unsererseits geschah, langsam aber sicher in eine Art Angststarre verfallen ließ.

Auf meinen Einwand, ich fände das wenig lebensbejahend, sondern eher sexistisch und krank, meinte Hubert nur locker: „Dos forschdähst du ni.“, und er sollte Recht behalten.

Als nun der Abend graute und auch mir, zogen wir uns unsere Jacken über und liefen in der Dämmerung geschlagene eineinhalb Stunden durch den Wald, was ich nicht sonderlich schlimm gefunden hätte, hätte meine Begleitung nicht aus einem mürrischen Mann bestanden, der, in eisernes Schweigen verfallen, voranstürmte, mich keines Blickes würdigte und irgendwie wütend zu sein schien.

Das hörte sich ungefähr so an:

Er: „Stampf stampf stampf stampf.“

Ich: „Trippel trippel trippel, keuch.“

Er: „Stampf stampf stampf stampf.“

Ich: „Trippel, trippel, trippel, keuch.“

Vogelzwitschern. Laubrascheln.

Ich (von hinten): „Könntest du, bitte, eventuell ein bisschen langsamer laufen, ich kann nicht mehr.“

Er (mir weit voraus): „Growwwwl.“

Ich: „Hallo? Hallo, Hubert? Würdest du bitte mal auf mich warten? Wenns dir nichts ausmacht, meine ich? Also, ich kann auch einfach zurückgehen, wenn du keine Lust hast, mit mir da hinzugehen. Wir müssen das hier nicht machen, wenn, äh, meine Gesellschaft dir unangenehm ist!“

Er: „Growwwwlllmmmma. Isch muss dän Wäch suchne, forschdähsd du dos?“

Ich: „Ja, okay, aber, ich mein, weißt du, also, du redest nicht mit mir und so, ich hab grad nicht das Gefühl, dass du, mh, mit MIR hier sein willst.“

Hubert: „OH DOCH. Abor dos forschähsd du ni.“

Ich: „lautes schlucken“.

Der Rest des Weges: Schweigen.

Irgendwann, es war inzwischen duster geworden, kamen wir auf eine Waldlichtung, an der eine Felsenbühne stand ebenso wie allerhand menschlicher Abschaum, der uns mit lauten Gegröle begrüßte. So sahen also Huberts „Freunde“ aus. Hubert ließ mich sogleich im Stich und kam seiner Pflicht nach, das heißt, er stellte sich wie viele andere vor die Bühne, auf der bereits die Vorband spielte, und schleuderte in der Pose des einsamen, verbitterten Kämpfers sein verfettetes Haupthaar durch die Gegend, während ich mich weiter hinten auf eine der Bierbänke setzte und mir immer wieder sagte, dass das hier doch wenigstens noch als Sozialstudie tauge, vielleicht würde sogar noch ein lustiger Text dabei rumkommen, wenn ich es überlebte.

Doch die nächsten drei Stunden strapazierten mein Gemüt aufs Äußerste. Irgendjemand schien mir etwas in meinen Apfelsaft getan zu haben, denn ich war irgendwann nicht mehr in der Lage, Musik zu vernehmen, mir kam es eher so vor als würde ich die ganze Zeit angeschrien und verflucht. Zudem begann mein Herzschlag sich dem 170bpm-Trommelwirbeln anzupassen – bambambambambambambam! –, was mich in enormen Stress und Schnappatmung versetzte und in Kombination mit dem Gekreisch und dem gereimten Rülpsen des „Sängers“ unglaublich A!G!G!R!E!S!S!I!V!!!11elf machte, sodass ich irgendwann einfach nur dasaß, hyperventilierte und großäugig das Astloch auf der Bierbank anstarrte, von dem ich der festen Überzeugung war, es würde sich vergrößern um mich irgendwann zu verschlingen.

Wären nicht die überdeutlichen Annäherungsversuche einiger Metaller gewesen, die mir anboten, mir den Minirock hochzuschieben, damit ich mich leichter auf ihre Schultern setzen könne um das Geschehen auf der Bühne visuell zu verfolgen, wäre ich wohl in eine Art Hypnose verfallen, und so verbrachte ich also die drei Stunden damit zu versuchen nicht zu weinen, während ich Kopfschmerzen bekam und, ganz nebenbei, aus der Unterhaltung der sprachgestörten Menschen neben mir einige Synonyme für männliche wie weibliche Geschlechtsteile lernte, die ich noch nie gehört habe (und hier auch nicht wiedergeben will).

Irgendwann war der Krach mit einem Schlag zu Ende, nur das Pfeifen in meinen Ohren und das Wummern meines eigenen Herzschlages dröhnten noch in meinem Inneren nach, und dann löste sich die riesige Hubertgestalt aus der Menge, stampfte auf mich zu, schlug die Hand eines Nebenbuhlers mitsamt dem Nebenbuhler weg, umklammerte mich an der Schulter und schleifte mich von der Bierbank weg in den Wald mit den Worten: „Dös wor doll, abor nu müssmer gehen. Forschähsdn du dös?“

Oh mein Gott, mir war so schlecht. Halb weinend, halb erbrechend taumelte ich willenlos hinter Hubert durch den Wald, mein baldiges Ende erwartend, ja, in Anbetracht meiner Leiden und meines Gemütszustandes beinahe schon ersehnend. Ich meine, ich bin immerhin ein sensibler Mensch. Als ich damals, während meines Freiwilligen Sozialen Jahrs, noch im Hort gearbeitet habe, war ich mal mit den Kindern im Kino, wir haben „Ice Age“ geschaut, und die einzige, die geheult hat, als der Tiger starb, das war ich, während sich um mich eine mich streichelnde Kinderbande scharrte, die mir tröstenderweise immer wieder versicherte, der Tiger sei doch gar nicht wirklich tot. So eine bin ich. So eine wie mich darf man nicht mit einem Haufen Irrer nachts in den Wald schleppen und mit Krach und Geschrei zudröhnen. Da muss ich weinen von.

Kurz gesagt, es ging mir nicht so gut, zudem war es im Wald auch stockduster und weder Hubert noch ich waren im Besitz einer Taschenlampe, was aber wenigstens ihm nichts auszumachen schien, denn er stampfte fast fröhlich neben mir her und heiterte ab und an mit dem lockeren Spruch „Hörsd du däs ooch?“ die Stimmung auf.

„Hörsd du däs ooch?“, „Hörsd du däs ooch?“, „Hörsd du däs ooch?“ – bis ich wirklich begann etwas zu hören. Laubrascheln. Knackende Zweige. Das Gegrummel meines Gefährten und meinen eigenen wild rebellierenden Magen, den ich schließlich urplötzlich und auf einer Lichtung entleerte, weil es auch furchtbar anstrengend ist, stundenlang der Angst wegen diese kotzgrottige Übelkeit ertragen zu müssen.

Hubert beobachtete mich und meine Tätigkeit so interessiert wie teilnahmslos, kommentierte das Geschehen mit keinem einzigen Wort, erzählte mir, um mich aufzumuntern, allerdings eine knappe Viertelstunde später von dem Drang, der ihn ab und an überfalle, nämlich, anderen Menschen mal eine Gabel ins Auge zu stechen, einfach so, um zu sehen, was dann passiert und wie die Reaktion sei, aber das „förschdähsd du beschdimmd ni.“

Wir stolperten weiter durch den Wald, ich versuchte, mir Hubert nicht mit Besteck vorzustellen. Im Laufe der Zeit wurde mein Gefährte zunehmend unruhiger und mürrischer, was in mir einen schlimmen Verdacht aufkommen ließ: Wir hatten uns verlaufen. Nach einer halben Stunde des Grübelns darüber, ob das jetzt eine so gute Idee sei, fragte ich dann doch nach, und siehe da: „Des is nurn glainor Umwech, in zwei Stundne simmer daheeme, ich orientier mich einfach äm Mönd, so schwer is des ni, und mir müssne nach Osdn, forschähsd du das, nach Osdn.“

(Erinnert das den geneigten Leser zufällig an einen Film namens „Blair Witch Project“? – Mhm, nun… Lassen wir das besser.)

Ich war so müde. Mir tat der Kopf so weh. Mir war so schlecht. Es ging mir so übel, dass ich nicht mal mehr Angst hatte, und als unser Weg aus dem Nichts heraus von einer Bande Wildschweinen gekreuzt wurde, war ich kurz davor, mich vor ihnen auf den Weg zu werfen und sie zu bitten, mich mitzunehmen oder wenigstens zu fressen, so sehr bedurfte ich des Beistands und des Trostes und eines normalen, nicht geistesgestörten Wesens.

Meine Füße schmerzten unglaublich, aber nach nur insgesamt zwei Stunden des durchdenWaldirrens mit einem Psychopathen, des Frierens und Nichtssehens verkündete Hubert, er wisse jetzt wieder, wo wir seien, und es könne sich nur noch um eine halbe Stunde handeln, bis wir unser Ziel erreicht hätten, und dann erzählte er mir irgendetwas von Igeln und von Juden, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen, „abor däs forschdähsd du ni“. Allerdings war ich schon zu müde, um Angst zu bekommen vor den Igeln oder den Juden oder Hubert, und so schlurfte ich gebrochen und verzweifelt hinter ihm her, bis wir tatsächlich an das Haus kamen, in dem Hubert hauste. Ich konnte es kaum glauben.

Hubert gab sich große Mühe, liebenswürdig zu sein, und so lud er mich noch auf einen kleinen Snack in die Küche ein, den ich aber ablehnen musste, als sich mir das Bild von Hubert mit einer Gabel in der Hand darbot, und so verschwand ich unter dem Vorwand, mir sei noch zu übel, unter der Dusche, wo ich dann überlegte, was Hubert wohl nun da unten in der Küche täte, bis ich zu dem Schluss kam, er esse dort unten allein ganz sicher rohes, noch blutiges Ziegenfleisch zum Nachtmahl.

Auf der Suche nach einer Schlafstatt entdeckte ich im Flur auf allen Schränkchen Osternester, die sämtlich mit Schokolade und Keksen sowie einem Zettel versehen waren, auf dem Huberts Mutter mir mitteilen ließ, wenn ich Hunger bekäme, solle ich mich doch bitte bedienen. Ich war irgendwie gerührt. Wahrscheinlich war ich die einzige Frau überhaupt, die Hubert jemals mit nach Hause gebracht hatte, und ich fühlte mich unglaublich schuldig, wenn ich daran dachte, dass ich bereits morgen den zarten Keim der Hoffnung dieser mit einem Ungetüm von Sohn geschlagenen Dame würde zerstören müssen, indem ich ging und nie wiederkehrte, so viel stand für mich nämlich schon fest.

In Huberts Zimmer nun wartete eine Couch auf mich, auf der ich nächtigen durfte und die Hubert ganz nah an sein Bett heranschob mit der Bemerkung, das sei, damit ich keine Angst haben müsse, denn hier im Wald habe es manchmal komische Geräusche von draußen, „forschdähsd du däs?“, und ich nickte nur und dachte, dass das einzige, wovor ich mich fürchtete, sei doch eigentlich hier drinnen sei, in diesem Haus, in diesem Zimmer, direkt neben meiner Schlafcouch, aber ich sagte nichts, legte mich erst darnieder, als Hubert sich bereits in seinem mit Rennautos bedrucktem Bettzeug verkuschelt hatte und versuchte, in der Dunkelheit nicht zu atmen, um Hubert nicht an meine Anwesenheit zu erinnern, als dieser mit einem Mal aufsprang, die Fliegenklatsche neben seinem Bett ergriff und wie wild begann, irgendetwas mit selbiger zu jagen, wobei er auf alle möglichen Gegenstände im Zimmer schlug und einige davon auch umrannte, bevor er sich beruhigte, sich schwer atmend auf seine Bettkante setzte, mich mit einem irren Blick bestarrte und mir mitteilte, das sei eine Fliege gewesen, und die machten ihn dann immer so furchtbar aggressiv, „forschähsd du dös“, und obwohl ich mir sicher war, nichts gehört zu haben, nickte ich wie wild und versicherte ihm, ja, ich verstünde, bis Hubert mit einem Schlag wie ein Stein ins Bett fiel, sich umdrehte und schnarchte, was ich ganz gut fand, weil es mich daran hinderte einzuschlafen und eventuell die nächste Aktion Huberts nicht mitzubekommen. Die ganze Nacht sagte ich mir immer wieder, wenn ich diese Nacht überlebte, würde ich nie wieder vor etwas Angst haben müssen. Und irgendwann färbte die Morgensonne das Zimmer rot, Hubert erwachte, grunzte, warf mir einen bösen Blick zu und meinte, er habe so tief geschlafen weil er Tabletten nehme, „forschähsd du däs“, und um ehrlich zu sein, ja, das verstand ich, ich hatte mir das irgendwie schon gedacht, ja.

Auf das Frühstück verzichtete ich, ich hätte es nicht ertragen, Huberts Mutter am Küchentisch sitzen zu sehen, die, wohl schon in froher Erwartung einer Verlobungsverkündung, meiner harrte, während ihr wahnsinniger Sohn Hubert neben ihr saß und todsicher ein kleines Kind oder abgehackte Frauenbrüste zum Frühstück verschlang. Stattdessen beschäftigte ich mich damit, meine eigenen Haare und alles, was entfernte Ähnlichkeit damit aufwies, aus dem Abflusssieb der Dusche zu friemeln, nachdem Hubert mir versichert hatte, gestern Abend nach dem Duschen eins meiner Haupthaare in der Dusche gefunden zu haben, und wenn er mir Böses wolle, könne er durchaus damit Voodoo betreiben und mich verhexen, aber das sei gar nicht sein Anliegen, so sei er nicht und er wolle mir nichts Böses, „forschdähsd du das“.

Nun war die Zeit des Abschieds gekommen und der wahnsinnige Hubert, ganz Gentleman, brachte mich schweigend zur Bushaltestelle und wartete da mit mir, bis selbiger endlich erschien, doch bevor ich mich in ihn retten konnte, bellte er mich noch an: „Üsch mog düsch! Forschdähsd du das?!“, und ich machte, dass ich davonkam.

Nach diesem meinen Survivalwochenende ist mir eines klar geworden. Ich habe nichts gegen Kuppelversuche. Oder gegen Metaller im Allgemeinen. Oder gegen die Menschen, die ich vor dieser Aktion mal „meine Freunde“ genannt habe. Ich hab auch nichts gegen Männer. Okay, Psychos sind sie alle, aber verdammt, beim nächsten Kuppelversuch will ich das bitte wenigstens nicht gleich in der ersten Nacht merken. Ist das klar?!

„Forschähsd du das?!“

© Morne Mirastelle, Nebelung / November 2011


geschrieben am 13.11.2011 um 16:57 in Allgemein von Morné Mirastelle · RSS 2.0-Feed der Kommentare.
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2 Kommentare zu “Wie ich den Glauben an die Menschheit verlor Oder: Von einer die auszog das Fürchten zu lernen”

  1. J. “H.” V.

    J. "H." V. sagt:


    13. Nov 2011 um 17:49 Uhr

    „Verstehst Du das?“, fragt mich die Stimme des inneren Psycho.

    Grauverwaschene Kappelen-T-Hemden im Schrank. Sie riechen nach Weichspüler. Mutti macht´s.

    Ich rücke mein Sofa wieder an die Wand, wo es seit vielen Jahren stand. “Das ist auch besser so”, sagt der innere Psycho, “denn sie verstand uns nicht.”

    ———————

    Dein Seelenheil findest Du zwar im Wald, aber nicht mit Hubert. Vielen Dank dafür, dass wir dieses Erlebnis wie aus tausend und einem Horrorfilm mitgehen durften.

    Der andere “H.”

  2. ulti

    ulti sagt:


    16. Jan 2012 um 01:42 Uhr

    „Verstehst Du das?“, fragte der Psychopath nach endlosen Ergüssen ergreifenden Irrsinns
    über Emanzipation und Ideale der Endlösung an Orten des Friedens…

    Ich habe verstanden! xD

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