08.01.2012
.
.
.
.
Da steht sie. Die Mutter. Tatjanas künftige Schwiegermutter. Bemerkenswert und blickfängig in Hülle und Fülle, was hier bedeutet, dass die „Fülle“ sich auf den Leibesumfang bezieht und die „Hülle“ auf das lange, breite, barbarisch bunte und mit einem hypnotisierenden Ethnomuster versehene Gewand an eben diesem Leibe verweist.
„Bitte die Schuhe aus!“
Tatjana ist beeindruckt. Augenscheinlich hat sie es hier mit einer wortgewandten Walle-Walle-Walküre zu tun. Jetzt nur nett sein und lächeln, denn der erste Eindruck zählt. Die Fülle entfernt sich aus dem Türrahmen und wirft Tatjana zwei Pantoffel hin, bellt „Hausschuhe“ und mustert die arme Tatjana von oben bis unten. „Da hat der Gregor sich ja was eingefangen, was?“, knurrt die Schwiegermutter in spe, quetscht ihr die Hand und geht wieder zurück in die Küche. Das klang gerade, als sei Tatjana ein Virus. Die Schwiegermutter in spe ruft aus der Küche: „Vati sitzt im Wohnzimmer, geht ihm mal ´Guten Tag´ sagen!“
Das tun sie. Da stehn sie. Der Gregor und die Tatjana. Vor der Krawatte des allmächtigen AlleskönnendenÜbervaters. Im Nebenzimmer bellt der eingesperrte Familienhund.
Der Vater gibt Tatjana die Hand, schaut ihr in die Augen und meint: „Gibt dann gleich Kaffee.“
Keine Fragen. Keine „schön-Dich-kennenzulernen“-Bekundung. Jetzt weiß Tatjana, dass sie hier nicht wohlgelitten ist. Sie schluckt und fragt sich, wie schlimm es werden kann, mit diesen Menschen zu essen, die noch steifer sind als die Tischbeine des gutbürgerlichen Mahagonitischs im Esszimmer. (Denn natürlich haben sie ein Esszimmer. Tatjana hingegen hat nicht mal mehr Eltern.)
Sie holt die Kekse, die Gregor und sie gebacken haben, jeder eine Sorte, und stellt sie auf den Tisch. Es wird unkommentiert hingenommen. Sie setzen sich und Gregor gibt Tatjana unter dem Tisch seine Hand. Sein Blick sagt: „Nimm es nicht so ernst“, aber Tatjana hat nur Augen für die Klinikatmosphäre. Fragt sich, ob hier überhaupt schon mal irgendwo ein Stäubchen gelegen hat. Fühlt sich erinnert an diesen abscheulichen Absaugedurchgang, den sie manchmal vor irgendwelchen Laboren haben. So einer, der alles keimfrei macht.
Sie schielt zu Gregor und fragt sich, ob er wohl als Kind hier in diesem Wohnzimmer gespielt hat. Sie kann es sich kaum vorstellen.
Die Mutter kommt und setzt sich mit an den Tisch. Blickt irritiert auf die Kekse, die sie dort nicht hingestellt hat. Gregor erklärt. Die Mutter nickt, winkt ab. Gießt Kaffee ein. Tatjanas Blase fängt an zu drücken. Das kommt bestimmt, weil sie so nervös ist. Aber kein Kaffee ist auch keine gute Idee. Wirkt sicher unhöflich oder so.
Es ist so still. Nur das Hemd des Vaters raschelt. Der hat ganz strenge Falten um den Mund. Tatjana schaut weg. Besser kein Gespräch mit ihm anfangen. Der haut bestimmt gleich zu, verbal.
Die Mutter packt ihr von dem Marmorkuchen auf den Teller. Tatjana fängt an, darin rumzustochern. Die Stille am Tisch ist bedrückend. Sie traut sich nicht einmal mehr, Gregors Blick zu suchen. Schlägt die Beine übereinander und versucht, den Beckenboden anzuspannen. Stochert in dem Marmorkuchen, trinkt einen Schluck Kaffee, macht Matsch in ihrem Mund.
Tatjana sitzt ganz stocksteif da. Muss dringend pinkeln. Kippt ihr Becken vor und zurück, mal geht es so besser, mal so. Verdammt. Sie traut sich nicht, nach der Toilette zu fragen. Das gilt hier bestimmt als unanständig. Sie stellt sich vor, welche Blicke die Eltern sich zuwerfen würden, ginge Tatjana auf Toilette. „Pfui“, würden die Blicke sagen, „jetzt hat er auch noch eine erwischt, die pinkeln muss. Typisch, unser Sohn hat immer nur Pech mit den Frauen. Nie kann man mit ihnen zufrieden sein.“
Sie drückt die Oberschenkel enger zusammen. Gregor berührt unter dem Tisch ihr Knie. Man hört sie alle kauen. Gregors Vater schlürft den Kaffee.
„Und“, fragt er – Tatjana zuckt zusammen, „was machen Sie beruflich?“ Er schaut nicht einmal auf dabei. Tatjana hat Angst vor dem Fragenkatalog der heiligen Inquisition.
Tatjana: „Ich bin Studentin.“
Der Vater schaut zu seiner Frau. Beide kräuseln die Lippen. Abfällig, wie Tatjana nicht umhinkommt zu bemerken.
Der Vater: „Ach noch in der Ausbildung, noch nicht fertig, mh, mh. Verdient noch kein eigenes Geld, ah.“
Tatjana: „Nein, das dauert etwas länger bei mir, ich finanziere mein Studium selber, ich arbeite nebenbei.“
Jetzt schaut er sie doch an. Gregor drückt unter dem Tisch ihr Knie.
Der Vater: „Ach, tut sie das.“
Tatjana ignoriert, dass von ihr gerade in der dritten Person gesprochen wird, sie sagt: „Ja, ich mache manchmal so was wie Straßenkunst, also, ich bin da so Kreidemalerin auf öffentlichen Plätzen.“
Der Vater lehnt sich zurück. Wischt sich mit der Serviette den Mund ab. Legt sie neben sich. Blinzelt irritiert. Die Mutter starrt Tatjana unverhohlen an, die Hand mit dem Löffel ist auf dem Weg zum Mund erstarrt.
Die Mutter: „Ah, nee. Ne Künstlerin.“
Sie tötet Gregor mit einem einzigen Blick. Du bist eine ewige Enttäuschung, mein Sohn.
Der Vater schaut verächtlich zur Seite, schnauft.
Der Vater: „Und was studiert sie, wenn man fragen darf?“ Er leiert. Ein Leierkastenmann. Tatjana fühlt sich wie der Affe, der auf seinem Leierkasten sitzt.
Tatjana, kleinlaut: „Philosophie studiere ich.“
Der Vater: „Ah ja, mh. Geisteswissenschaften.“ Er nickt wissend, macht eine Geste mit Hand als wöllte er etwas wegwerfen.
Die Mutter übt sich im irritierten Wimperklimpern.
Die Mutter: „Ja, und was wollen Sie dann mal werden?“
Tatjana starrt auf die Tischplatte vor sich. Spürt Gregors Hand an ihrem Knie nicht mehr. Wünschte, sie könne sich so klein machen, dass sie in eine der Furchen im Mahagonholztisch versinken dürfte.
„Professionelle Graffitikünstlerin im Eventbereich“, sagt Tatjana und weiß, dass das Gespräch hiermit beendet ist.
Irgendetwas drückt hinter ihren Augen. Und in ihrem Bauch. Da ist Wasser überall, das will raus. Und da ist ein Kloß im Hals, der geht nicht runter.
Später sitzen sie auf der Couch, so recht kommt kein Gespräch in Gang. Gregor hält tapfer ihre Hand, streichelt Tatjanas taube Finger, erzählt seinen Eltern, was er gerade so macht. Versucht, Tatjana wieder ins Gespräch hinein zu bringen. Aber Tatjana weiß, seine Eltern haben sie längst abgeschossen. Sie glaubt, allein in deren Haltung ihr gegenüber wahrzunehmen, dass sie sich wünschten, diese Beziehung hielte nicht lange. Ginge schnell vorbei. Diese Marotte ihres Sohnes. Vielleicht nimmt er sich ja noch was Ordentliches. Was Handfestes. Eine Krankenschwester.
Tatjanas ist des gutbürgerlichen Ingenieurssohns unwürdig. Das spürt sie. Wozu noch das steife Theater? Sie sitzt auf der Sofakante und rutscht ein bisschen hin und her. Hat das Gefühl, eine Luftballonwasserbombe im Bauch zu haben. Wünschte, sie könnte die Bombe aus dem Fenster werfen. Von hier oben hören, wie sie unten aufprallt. Wie es platscht. Und im Moment des Aufpralls erreichte sie die Erleichterung. Aaaahhh…
Gregor: „Tatjana?“
Tatjana: „Ja, bitte?“
Gregor: „Ich habe gerade meiner Mutter erzählt, dass wir die Kekse zusammen gebacken haben.“
Tatjana: „Ah, ja, so, ja, das haben wir.“
Tatjana blickt die Mutter an. Die Mutter blickt zurück. Beide wissen, die mitgebrachten Kekse stehen noch unberührt in der Küche, in die die Mutter sie nach dem Kaffee gebracht hat. Tatjana, an allen Orten der Welt außer diesem ansonsten die ungekrönte Königin der Kekse, glaubt, in dem Blick der Mutter Ekel zu sehen. Tatjana glaubt, die Mutter glaubt, die Kekse bestünden gewiss aus irgendetwas, das mit IgelInnerein zu tun hat.
Dann wieder die Stille.
Der Vater hat sich an die Lehne der Couch gesemmelt, signalisierend, dass er Tatjana nicht für würdig hält, seine Manieren bewundern zu dürfen. Schluss mit Anstand. Ist ja nur eine, die wieder vorüber geht. Hoffentlich.
Er schaut aus dem Fenster. Tatjana folgt seinem Blick.
Da draußen ist der Frühling. Da draußen sind grüne Knospen. Da draußen ist eine Pfütze auf dem Gehsteig, Tatjana leidet, eine Pfütze. Wasser. Ein Hund kommt vorbei und pinkelt an einen Baum. Rennt weiter. Erleichtert. Tatjana atmet tief ein. Hat das Gefühl, das Pipi quillt ihr gleich aus den Augen.
Ein älteres Pärchen läuft auf dem Gehsteig vorbei. Hält Händchen.
Tatjana: „Ach, schau doch mal, wie lieb die sich haben.“
Sie drückt Gregors Hand. Gregor drückt zurück.
Gregor: „Ja, die haben sich sehr, sehr lieb.“
Der Vater, schnaufend: „Jetzt küssen die sich auch noch!“
Die Mutter: „Widerlich.“
Tatjana spürt ein Brennen zwischen den Beinen. Oh Gott. Jemand lässt Benzin durch ihre Harnröhre laufen. Es brennt. Da gluckst irgendetwas. Zwischen ihren Beinen, da gluckst doch etwas!
Tatjana steht auf.
Tatjana: „Darf ich bitte ich müsste mal wo ist denn hier…“
Da plätschert es auch schon leise und friedlich auf den teuren Teppich.
Die Eltern, gerade noch angewidert und fasziniert von dem küssenden Rentnerpärchen, starren nun angewidert und fasziniert auf Tatjana.
Gregor springt von der Couch auf. Nimmt ihre Hand. Es ist so wundervoll warm zwischen ihren Beinen. Beruhigend warm. Aus irgendeinem Grund steigen Tatjana die Tränen in die Augen. Dabei müsste doch jetzt eigentlich alles raus sein. Sicher ist Tatjana aber nicht. Vom vielen Sitzen und Schenkel zusammen kneifen und von der heftigen Bauchwasserbombe ist da nur noch das Gefühl von Taubheit zwischen ihren Beinen. Und irgendetwas in ihr fühlt sich an wie Muskelkater. Tatjana hat gar keine Blase mehr. Tatjana hat auch kein Gespür für das Unverständnis, das ihr entgegengeblickt wird.
„Du meine Güte“, stößt die Mutter schließlich entsetzt hervor.
Mit einem Schlag fühlt sich Tatjana wie eine Außerirdische. Sieht die Situation von außen, als stünde sie im Türrahmen. Was sie sieht, schaut aus wie eine ganz bestimmte Szene aus dem Film „Der Exorzist“.
Klappe. Move. Gregor packt ihr Handgelenk. Plötzlich wieder Bewegung überall. Die Mutter springt auf. Läuft zu Tatjana hin. Bleibt schockiert stehen. Glotzt. Sagt, das könne doch unmöglich wahr sein.
Der Vater steht auf, würdigt Tatjana keines Blickes und verlässt zügigen Schrittes den Raum. Mit so einer Sauerei will er nichts zu tun haben. Sein Haus ist entehrt.
Gregor stammelt, flucht, hält ihre Hand. Will erklären und entschuldigen. Macht alles nur noch schlimmer.
Stottert: „Das ist nur, weil sie, das ist, sie fühlt sich wie Zuhause, das ist, sie vertraut euch sozusagen!“
Gregor läuft rot an. Kennt doch nur Ausreden für nicht stubenreine Hunde.
Der Familienhund, ein Beagle, stubenrein übrigens, kommt und schnuppert begeistert an dem nassen Fleck auf dem Teppich. Hockt sich hin.
Der Vater knallt die Tür.
Tatjana weint.
„Das tut mir Leid“, sagt sie. Gregor atmet tief durch, zieht sie an der Hand in Richtung Bad. Endlich, denkt Tatjana, endlich wird mir gezeigt wo das verdammte Klo ist.
Die vollgesogenen Hausschuhe fatschen bei jedem Schritt, wenn es das Pipi rausdrückt. Fatsch. Fatsch. Fatsch.
Für Tatjana klingt es, als wate man im Moor. Da möchte sie gern sein jetzt und versinken. Mit einem einzigen saugenden Schmatz.
Fatsch.
Gregor führt sie ins Bad. Das Bad ist schön und groß und hell und riecht gut. Tatjana fühlt sich wie in Trance und riecht nicht gut. Setzt sich auf den Badewannenrand und heult. Gregor sagt nichts. Hockt vor ihr und schnauft. Holt tief Luft und seufzt. Weiß augenscheinlich nicht, was er sagen soll.
„Jetzt komm“, sagt er schließlich doch, „zieh doch jetzt mal das Zeug aus.“
Und Tatjana zieht sich aus, legt die nasse Hose auf den Badezimmerboden, die nassen Socken, die nasse Unterhose. Hat Tränen in den Augen. Will in die Dusche steigen, als Gregor sie plötzlich heftig umarmt, sie an sich zieht, ihr übers Haar streichelt. Tatjana braucht Trost. Reißt ihm die Kleider vom Leib und rumpelt mit Gregor in die Dusche, lässt sich dort unter dem laufenden Wasser liebhaben. Schreit.
Draußen vor der Tür steht Gregors Mutter und glaubt, ihr Schwein pfeift.
Danach ist Tatjana schwindelig. Die Scham, der Sex, das heiße Wasser. In ihrem Kopf dreht es sich. Sie setzt sich auf den Klodeckel. Atmet tief aus. Gregor lacht.
Sagt: „Nicht umkippen, ich hol dir einen Keks, Zucker hilft.“
Tatjana sagt, sie müsse jetzt eine rauchen.
Gregor geht, die Tür klappt zu. Tatjana sitzt im feuchten Nebel und denkt, sie ist so eine, die kopuliert für ´ne Kippe und ´nen Keks. Darüber muss sie lachen.
Die Badezimmertür fliegt auf, Gregor wirft ihr die Kippenschachtel zu und einen Keks. Er betritt den Raum nicht, erst jetzt fällt Tatjana auf, dass hier alles überschwemmt ist. Sie fängt alles auf, nickt dankbar. Gregor sagt, er hole ihr jetzt was zum Anziehen. Dreht sich um, lässt die Tür offen. Ruft, offensichtlich aus dem Schlafzimmer, er habe vergessen welche Größe sie habe.
„36“, ruft Tatjana zurück und spürt den kalten Windzug an den bloßen Füßen.
Draußen auf dem Flur schnauft eine dicke Dame verächtlich ob dieser anmaßenden Maße.
Tatjana ist jetzt wieder alleine im Badezimmer. Mit einem frischen Hemd. Von Gregors Vater. Und einer Schlüpfer von Gregors Mutter. Gregor hat natürlich nichts in ihrer Größe gefunden. Die Mutterunterhose in Größe 42 schlackert um Tatjanas Oberschenkel, rutscht runter. Tatjana will nicht undankbar sein, fühlt sich eh besser. Schaut sich das nasse, überschwemmte Badezimmer an. Isst den Keks. Denkt, wenn sie hier Ordnung macht, wird alles wieder gut. Wenn sie sich selbst wieder präsentabel macht. Dann ist es sicher nicht mehr so schlimm.
Sie hat noch Zeit. Sie ist allein. Tatjana denkt, das Badezimmer hier sei der beste Rückzugsort auf ewig. Das Drama wird erst wieder weitergehen, wenn sie es verlässt.
Sie will rauchen. Knöpft sich das Hemd zu. Öffnet das Fenster. Lehnt sich hinaus, fingert das Feuerzeug aus der Schachtel und steckt sich eine an. Spürt den Rauch in der Lunge, zieht ihn tief hinein. Ersticken. Herrlich.
Sie ist wieder. Existiert wieder. Wenn auch nur als RauchRebell und QuarzQuerulant.
Sie bläst den Rauch aus, schaut nach rechts. Da steht Gregors Vater im Vorgarten und raucht ebenfalls. Verbittert schaut er sie an. Wirft die Kippe auf den Boden. Tritt sie mit seinen Lackschuhen aus. Hebt sie auf und wirft sie in einen eigens dafür präparierten Blumentopf. Geht verbitterter Miene wieder ins Haus hinein. Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht das gleiche, merkt Tatjana. Sie starrt auf den Blumentopf, aus dem quillt Rauch. Die Kippe ist noch nicht ganz aus. An Tatjanas Oberschenkeln brennt der Heizkörper Schamesröte als Schandmal auf ihren Leib. Verschwendung.
Tatjana raucht trotzdem auf. Hat Steine im Magen. Wünscht sich hinfort. Kann da, aus dieser Badezimmertür, unmöglich wieder hinausgehen. Niemals. Wenn sie das tut, wird sie sterben.
Sie wirft die Kippe ins Klo. Spült. Die Kippe schwimmt oben. Tatjana spült nochmal, die Kippe bleibt der Sieger. Tatjana flucht. Greift ins Klo. Holt die Kippe raus. Weiß nicht, wohin damit. Steckt sie schließlich in die Hosentasche ihrer vollgepissten Hose. Wohin überhaupt mit den Klamotten? Tatjana verfällt in hektischen Tatendrang. Denkt, die Klamotten müssen raus aus ihrem Blickfeld. Macht die Dusche auf. Wirft das nasse, stinkende Bündel da hinein. Macht die Dusche zu. Aus den Augen, aus dem Sinn. Tatjana tut was sie kann.
Tatjana macht das Fenster zu. Hofft, dass es hier drin nicht mehr nach Rauch riecht. Merkt, dass sie selber vielleicht gerade nach Rauch riecht. Blickt sich fieberhaft um, findet aber kein Mundwasser. Putzt sich also die Zähne mit irgendeiner Zahnbürste, entdeckt im Spiegel, dass sie etwas zwischen den Zähnen hat, geht ganz nah ran, vergisst, das Putzen zu unterbrechen, spritzt den blanken Badezimmerspiegel mit blauweißen Sprenkeln zu. Flucht. Knallt die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand. Vergisst sie da. Reißt Klopapier ab, rubbelt am Spiegel, wirft irgendwas um. Es ist eine Packung Heilerde, die sich jetzt auf den Weg gen Boden stiebt, sogleich verwandelt sich der braune Staub in Schlamm. Tatjana beißt sich auf die Lippe. Wirft das blaue Klopapier ins Klo. Vergisst vor Schreck zu spülen. Kniet sich hin, versucht, die nasse Heilerde wieder in die Packung zu schaufeln. Scheitert. Denkt, Klopapier könnte reißen, nimmt also das Lieblingshandtuch von Gregors Mutter – das mit den großen Blumen, sehr offensichtlich nicht für Gäste gedacht! – und legt den Sumpf trocken, so gut es geht. Das braune, schmaddrige Handtuch packt sie mit in die Dusche. Sie weiß nicht, wo hier der Wäschekorb ist.
Tatjana will sich den Schlick von den Händen waschen, nimmt zu viel Flüssigseife, drückt mit rosa Gel an den Händen erneut auf den Spender, alles fließt runter, den Waschbeckenrand entlang. Tatjana schrubbt und schrubbt sich die Hände, bis auch die rosarot sind.
Tatjana zieht die Nase hoch. Findet, jetzt müsse sie sich aber mal ein bisschen beeilen. Sie schaut in den Spiegel. Sieht nasse Haare. Versteht nicht, wieso sie jetzt so viel zu tun hat, zerrt einen Fön aus einem Korb im Regal, fönt sich die Haare. Kämmt sie danach. Hat keine Zeit mehr, die schwarzen Haare auf dem überschwemmten Fußboden zu bemerken, will nur nicht in die braune Brühe treten. Tatjana lässt den Fön im Waschbecken liegen. Schaut auf ihre Beine. Sieht, dass sie sich lange nicht mehr die Beine rasiert hat. Will so unmöglich Gregors Eltern entgegentreten. Hat ja keine Hose an. Schnappt sich also den Nassrasierer vom Badezimmerspielrand – es ist augenscheinlich der von Gregors Vater – und rasiert sich die Beine, schneidet sich, weint fast, fühlt sich überfordert.
Gregor klopft an die Tür, fragt, ob alles in Ordnung ist. Tatjana schüttelt den Kopf und ruft, sie sei gleich fertig.
Denkt, eigentlich sei sie das doch schon, und zwar völlig.
Blut tropft auf den Boden, Tatjana verwischt es mit den bloßen Füßen, macht den Nassrasierer unter dem Wasserhahn sauber, bemerkt den Fön, der da noch im Waschbecken liegt. Tatjana kann nicht mehr, zieht den Stecker und legt den nassen Fön wieder in den Korb im Regal. Den Nassrasierer wieder an seinen Platz. Wühlt noch ein bisschen im fremden Medizinschrank herum, entscheidet sich schließlich für eine wunderschöne helllila Pille und öffnet die Badezimmertür. Verlässt das Schlachtfeld.
Tatjana ist der Albtraum, der Gregors Eltern von nun an jede Nacht heimsuchen wird. Dabei wollte sie doch nur ihr Bestes geben. Es besonders gut machen. Nur mit der Ablehnung hat sie nicht so gerechnet. Und mit dem spontanen Wasserlassen. Unterdrückte Aggressionen, denkt Tatjana, und Angst vielleicht auch. Wie bei einem Hund. Ich kann froh sein, denkt Tatjana, dass ich nicht um mich gebissen habe.
Sie läuft in die Küche. Da steht Gregor. Mit seiner Mutter. Der Vater lehnt an der Küchenzeile, hält ein Schnapsglas in den Händen.
Gregor schaut sie an, wie sie da steht, mit dem Hemd und der viel zu großen Unterhose.
„Ich habe eine Hose für dich gefunden“, sagt er, und Tatjana lacht wie durch Watte, fragt sich, warum sie jetzt lacht, aber da ist so ein eigenartig warmes Grinsen auf ihrem Gesicht, das sich mit einem Mal ganz breit anfühlt.
Tatjana hat plötzlich so gar keine Pöbelparanoia mehr. Gregors Eltern kommen ihr mit einem Mal furchtbar lieb vor. „Ist noch Kuchen da?“, fragt Tatjana, „der war köstlich, wir sollten ihn aufessen, waren wir eigentlich wirklich schon fertig?“
Der Vater schüttelt den Kopf. Schaut den Hängeschrank an. Führt irgendein telepathisches Gespräch mit dem Schrank, der der einzige ist, der ihn versteht.
Die Mutter blinzelt Tränen weg. Streichelt die Tischplatte. Sagt, sie würden ihnen jetzt das Geld für ein Taxi geben, wenn sie gingen.
„Wieso gehen“, fragt Tatjana, „wieso gehen, das wäre doch unhöflich, jetzt zu gehen, ich dachte, wir bleiben noch ein bisschen.“
Gregor schaut auf irgendeinen Punkt hinter ihr. Tatjana hat wieder Watte im Mund.
Was haben die denn bloß, fragt sich Tatjana, und fühlt die Übelkeit die Kehle heraufkribbeln. Ich will es doch nur richtig machen. Gut machen. Alle ganz zufrieden machen.
Mit einem Schlag kommt sie sich wieder schlecht vor. Wie ein böses Kind. Wie ein TrotzTroll. Unartig. Und jetzt sind alle böse auf sie.
Konntest du nicht Krankenschwester werden, geißelt Tatjana sich selbst, dann könntest du deine Schwiegereltern in spe jetzt wenigstens standesgemäß ruhigstellen. Sie ist so enttäuscht von sich selbst. Kann von Gregor wohl auch keinen Trost mehr erwarten, überhaupt, von keinem. Bekommt kalte Füße.
„Es war sehr schön bei Ihnen. Vielen Dank.“, rutscht Tatjana eine Wort- oder Patronenhülse aus dem Mund, unbemerkt.
Da knallt Gregors Vater sein Schnapsglas mit einem Ruck auf den Tisch, es klatscht wie eine Ohrfeige. Und Tatjana zuckt zusammen und macht sich erschrocken, leise, warm und beinahe zärtlich wieder ins Hemd. In sein Hemd.
© Morné Mirastelle, Hartung / Januar 2012
geschrieben am 08.01.2012 um 20:25 in Allgemein von Morné Mirastelle · RSS 2.0-Feed der Kommentare.
Schreibe ein Kommentar oder setze einen Trackback auf deine Seite.

Thoros of Myr sagt:
09. Jan 2012 um 13:05 Uhr
Endlich, endlich hören wir wieder einen Herzschlag! Wir brauchen diesen weichen Bass als Grundrauschen, welches den Lärm der literarischen Lauheit leise liquidieren lässt.
Doch wie, ja, wie denn wird erst einmal Gregors Vater reagieren, wenn er das morganatische Matrimonium mitbekommt? Das klatschende Schnapsglas scheppernd, als psychisches und physisches Schrapnell schießt es surrend, sucht schimmernd die sanfte Seele zu schmerzen.
Schutz schafft nur der Kreis, gezogen mit wuschigem Fell und warmen Finger, im wehrstarken Wald.
Flink fließende Flüsse, bukolisch blätterbedeckte Bäche sagen Dir: Lass den Nöten des Lebens seinen natürlichen Lauf.
Brandpfahl sagt:
16. Mrz 2012 um 06:59 Uhr
Die Sonnengöttin blinzelt durch die Waldbaumkronen im Spätsommer…
…aaand youuu maaake me craaazy!
Im Schallkreis des Radiogerätes verstirbt mit diesem Momemt alles ruhende und zappelnde Leben.
Vom Himmel fallen tote Singvögel.