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		<title>6. Poetenpalaver in Glashütte</title>
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		<pubDate>Thu, 17 May 2012 08:28:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Schön wars, und schnieke Bilder hat die Rosa Hauch gemacht: http://www.poetenpalaver.de/
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		<title>Aggressiver Angstbeißer Oder: Tatjana schafft traurige Tatsachen</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Jan 2012 18:25:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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Da steht sie. Die Mutter. Tatjanas künftige Schwiegermutter. Bemerkenswert und blickfängig in Hülle und Fülle, was hier bedeutet, dass die „Fülle“ sich auf den Leibesumfang bezieht und die „Hülle“ auf das lange, breite, barbarisch bunte und mit einem hypnotisierenden Ethnomuster versehene Gewand an eben diesem Leibe verweist.
„Bitte die Schuhe aus!“
Tatjana ist beeindruckt. Augenscheinlich hat sie [...]]]></description>
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<p>.</p>
<p>.</p>
<p>.</p>
<p>Da steht sie. Die Mutter. Tatjanas künftige Schwiegermutter. Bemerkenswert und blickfängig in Hülle und Fülle, was hier bedeutet, dass die „Fülle“ sich auf den Leibesumfang bezieht und die „Hülle“ auf das lange, breite, barbarisch bunte und mit einem hypnotisierenden Ethnomuster versehene Gewand an eben diesem Leibe verweist.</p>
<p>„Bitte die Schuhe aus!“</p>
<p>Tatjana ist beeindruckt. Augenscheinlich hat sie es hier mit einer wortgewandten Walle-Walle-Walküre zu tun. Jetzt nur nett sein und lächeln, denn der erste Eindruck zählt. Die Fülle entfernt sich aus dem Türrahmen und wirft Tatjana zwei Pantoffel hin, bellt „Hausschuhe“ und mustert die arme Tatjana von oben bis unten. „Da hat der Gregor sich ja was eingefangen, was?“, knurrt die Schwiegermutter in spe, quetscht ihr die Hand und geht wieder zurück in die Küche. Das klang gerade, als sei Tatjana ein Virus. Die Schwiegermutter in spe ruft aus der Küche: „Vati sitzt im Wohnzimmer, geht ihm mal ´Guten Tag´ sagen!“</p>
<p>Das tun sie. Da stehn sie. Der Gregor und die Tatjana. Vor der Krawatte des allmächtigen AlleskönnendenÜbervaters. Im Nebenzimmer bellt der eingesperrte Familienhund.</p>
<p><span id="more-578"></span></p>
<p>Der Vater gibt Tatjana die Hand, schaut ihr in die Augen und meint: „Gibt dann gleich Kaffee.“</p>
<p>Keine Fragen. Keine „schön-Dich-kennenzulernen“-Bekundung. Jetzt weiß Tatjana, dass sie hier nicht wohlgelitten ist. Sie schluckt und fragt sich, wie schlimm es werden kann, mit diesen Menschen zu essen, die noch steifer sind als die Tischbeine des gutbürgerlichen Mahagonitischs im Esszimmer. (Denn natürlich haben sie ein Esszimmer. Tatjana hingegen hat nicht mal mehr Eltern.)</p>
<p>Sie holt die Kekse, die Gregor und sie gebacken haben, jeder eine Sorte, und stellt sie auf den Tisch. Es wird unkommentiert hingenommen. Sie setzen sich und Gregor gibt Tatjana unter dem Tisch seine Hand. Sein Blick sagt: „Nimm es nicht so ernst“, aber Tatjana hat nur Augen für die Klinikatmosphäre. Fragt sich, ob hier überhaupt schon mal irgendwo ein Stäubchen gelegen hat. Fühlt sich erinnert an diesen abscheulichen Absaugedurchgang, den sie manchmal vor irgendwelchen Laboren haben. So einer, der alles keimfrei macht.</p>
<p>Sie schielt zu Gregor und fragt sich, ob er wohl als Kind hier in diesem Wohnzimmer gespielt hat. Sie kann es sich kaum vorstellen.</p>
<p>Die Mutter kommt und setzt sich mit an den Tisch. Blickt irritiert auf die Kekse, die sie dort nicht hingestellt hat. Gregor erklärt. Die Mutter nickt, winkt ab. Gießt Kaffee ein. Tatjanas Blase fängt an zu drücken.  Das kommt bestimmt, weil sie so nervös ist. Aber kein Kaffee ist auch keine gute Idee. Wirkt sicher unhöflich oder so.</p>
<p>Es ist so still. Nur das Hemd des Vaters raschelt. Der hat ganz strenge Falten um den Mund. Tatjana schaut weg. Besser kein Gespräch mit ihm anfangen. Der haut bestimmt gleich zu, verbal.</p>
<p>Die Mutter packt ihr von dem Marmorkuchen auf den Teller. Tatjana fängt an, darin rumzustochern. Die Stille am Tisch ist bedrückend. Sie traut sich nicht einmal mehr, Gregors Blick zu suchen. Schlägt die Beine übereinander und versucht, den Beckenboden anzuspannen. Stochert in dem Marmorkuchen, trinkt einen Schluck Kaffee, macht Matsch in ihrem Mund.</p>
<p>Tatjana sitzt ganz stocksteif da. Muss dringend pinkeln. Kippt ihr Becken vor und zurück, mal geht es so besser, mal so. Verdammt. Sie traut sich nicht, nach der Toilette zu fragen. Das gilt hier bestimmt als unanständig. Sie stellt sich vor, welche Blicke die Eltern sich zuwerfen würden, ginge Tatjana auf Toilette. „Pfui“, würden die Blicke sagen, „jetzt hat er auch noch eine erwischt, die pinkeln muss. Typisch, unser Sohn hat immer nur Pech mit den Frauen. Nie kann man mit ihnen zufrieden sein.“</p>
<p>Sie drückt die Oberschenkel enger zusammen. Gregor berührt unter dem Tisch ihr Knie. Man hört sie alle kauen. Gregors Vater schlürft den Kaffee.</p>
<p>„Und“, fragt er – Tatjana zuckt zusammen, „was machen Sie beruflich?“ Er schaut nicht einmal auf dabei. Tatjana hat Angst vor dem Fragenkatalog der heiligen Inquisition.</p>
<p>Tatjana: „Ich bin Studentin.“</p>
<p>Der Vater schaut zu seiner Frau. Beide kräuseln die Lippen. Abfällig, wie Tatjana nicht umhinkommt zu bemerken.</p>
<p>Der Vater: „Ach noch in der Ausbildung, noch nicht fertig, mh, mh. Verdient noch kein eigenes Geld, ah.“</p>
<p>Tatjana: „Nein, das dauert etwas länger bei mir, ich finanziere mein Studium selber, ich arbeite nebenbei.“</p>
<p>Jetzt schaut er sie doch an. Gregor drückt unter dem Tisch ihr Knie.</p>
<p>Der Vater: „Ach, tut sie das.“</p>
<p>Tatjana ignoriert, dass von ihr gerade in der dritten Person gesprochen wird, sie sagt: „Ja, ich mache manchmal so was wie Straßenkunst, also, ich bin da so Kreidemalerin auf öffentlichen Plätzen.“</p>
<p>Der Vater lehnt sich zurück. Wischt sich mit der Serviette den Mund ab. Legt sie neben sich. Blinzelt irritiert. Die Mutter starrt Tatjana unverhohlen an, die Hand mit dem Löffel ist auf dem Weg zum Mund erstarrt.</p>
<p>Die Mutter: „Ah, nee. Ne Künstlerin.“</p>
<p>Sie tötet Gregor mit einem einzigen Blick. Du bist eine ewige Enttäuschung, mein Sohn.</p>
<p>Der Vater schaut verächtlich zur Seite, schnauft.</p>
<p>Der Vater: „Und was studiert sie, wenn man fragen darf?“ Er leiert. Ein Leierkastenmann. Tatjana fühlt sich wie der Affe, der auf seinem Leierkasten sitzt.</p>
<p>Tatjana, kleinlaut: „Philosophie studiere ich.“</p>
<p>Der Vater: „Ah ja, mh. Geisteswissenschaften.“ Er nickt wissend, macht eine Geste mit Hand als wöllte er etwas wegwerfen.</p>
<p>Die Mutter übt sich im irritierten Wimperklimpern.</p>
<p>Die Mutter: „Ja, und was wollen Sie dann mal werden?“</p>
<p>Tatjana starrt auf die Tischplatte vor sich. Spürt Gregors Hand an ihrem Knie nicht mehr. Wünschte, sie könne sich so klein machen, dass sie in eine der Furchen im Mahagonholztisch versinken dürfte.</p>
<p>„Professionelle Graffitikünstlerin im Eventbereich“, sagt Tatjana und weiß, dass das Gespräch hiermit beendet ist.</p>
<p>Irgendetwas drückt hinter ihren Augen. Und in ihrem Bauch. Da ist Wasser überall, das will raus. Und da ist ein Kloß im Hals, der geht nicht runter.</p>
<p>Später sitzen sie auf der Couch, so recht kommt kein Gespräch in Gang. Gregor hält tapfer ihre Hand, streichelt Tatjanas taube Finger, erzählt seinen Eltern, was er gerade so macht. Versucht, Tatjana wieder ins Gespräch hinein zu bringen. Aber Tatjana weiß, seine Eltern haben sie längst abgeschossen. Sie glaubt, allein in deren Haltung ihr gegenüber wahrzunehmen, dass sie sich wünschten, diese Beziehung hielte nicht lange. Ginge schnell vorbei. Diese Marotte ihres Sohnes. Vielleicht nimmt er sich ja noch was Ordentliches. Was Handfestes. Eine Krankenschwester.</p>
<p>Tatjanas ist des gutbürgerlichen Ingenieurssohns unwürdig. Das spürt sie. Wozu noch das steife Theater? Sie sitzt auf der Sofakante und rutscht ein bisschen hin und her. Hat das Gefühl, eine Luftballonwasserbombe im Bauch zu haben. Wünschte, sie könnte die Bombe aus dem Fenster werfen. Von hier oben hören, wie sie unten aufprallt. Wie es platscht. Und im Moment des Aufpralls erreichte sie die Erleichterung. Aaaahhh…</p>
<p>Gregor: „Tatjana?“</p>
<p>Tatjana: „Ja, bitte?“</p>
<p>Gregor: „Ich habe gerade meiner Mutter erzählt, dass wir die Kekse zusammen gebacken haben.“</p>
<p>Tatjana: „Ah, ja, so, ja, das haben wir.“</p>
<p>Tatjana blickt die Mutter an. Die Mutter blickt zurück. Beide wissen, die mitgebrachten Kekse stehen noch unberührt in der Küche, in die die Mutter sie nach dem Kaffee gebracht hat. Tatjana, an allen Orten der Welt außer diesem ansonsten die ungekrönte Königin der Kekse, glaubt, in dem Blick der Mutter Ekel zu sehen. Tatjana glaubt, die Mutter glaubt, die Kekse bestünden gewiss aus irgendetwas, das mit IgelInnerein zu tun hat.</p>
<p>Dann wieder die Stille.</p>
<p>Der Vater hat sich an die Lehne der Couch gesemmelt, signalisierend, dass er Tatjana nicht für würdig hält, seine Manieren bewundern zu dürfen. Schluss mit Anstand. Ist ja nur eine, die wieder vorüber geht. Hoffentlich.</p>
<p>Er schaut aus dem Fenster. Tatjana folgt seinem Blick.</p>
<p>Da draußen ist der Frühling. Da draußen sind grüne Knospen. Da draußen ist eine Pfütze auf dem Gehsteig, Tatjana leidet, eine Pfütze. Wasser. Ein Hund kommt vorbei und pinkelt an einen Baum. Rennt weiter. Erleichtert. Tatjana atmet tief ein. Hat das Gefühl, das Pipi quillt ihr gleich aus den Augen.</p>
<p>Ein älteres Pärchen läuft auf dem Gehsteig vorbei. Hält Händchen.</p>
<p>Tatjana: „Ach, schau doch mal, wie lieb die sich haben.“</p>
<p>Sie drückt Gregors Hand. Gregor drückt zurück.</p>
<p>Gregor: „Ja, die haben sich sehr, sehr lieb.“</p>
<p>Der Vater, schnaufend: „Jetzt küssen die sich auch noch!“</p>
<p>Die Mutter: „Widerlich.“</p>
<p>Tatjana spürt ein Brennen zwischen den Beinen. Oh Gott. Jemand lässt Benzin durch ihre Harnröhre laufen. Es brennt. Da gluckst irgendetwas. Zwischen ihren Beinen, da gluckst doch etwas!</p>
<p>Tatjana steht auf.</p>
<p>Tatjana: „Darf ich bitte ich müsste mal wo ist denn hier…“</p>
<p>Da plätschert es auch schon leise und friedlich auf den teuren Teppich.</p>
<p>Die Eltern, gerade noch angewidert und fasziniert von dem küssenden Rentnerpärchen, starren nun angewidert und fasziniert auf Tatjana.</p>
<p>Gregor springt von der Couch auf. Nimmt ihre Hand. Es ist so wundervoll warm zwischen ihren Beinen. Beruhigend warm. Aus irgendeinem Grund steigen Tatjana die Tränen in die Augen. Dabei müsste doch jetzt eigentlich alles raus sein. Sicher ist Tatjana aber nicht. Vom vielen Sitzen und Schenkel zusammen kneifen und von der heftigen Bauchwasserbombe ist da nur noch das Gefühl von Taubheit zwischen ihren Beinen. Und irgendetwas in ihr fühlt sich an wie Muskelkater. Tatjana hat gar keine Blase mehr. Tatjana hat auch kein Gespür für das Unverständnis, das ihr entgegengeblickt wird.</p>
<p>„Du meine Güte“, stößt die Mutter schließlich entsetzt hervor.</p>
<p>Mit einem Schlag fühlt sich Tatjana wie eine Außerirdische. Sieht die Situation von außen, als stünde sie im Türrahmen. Was sie sieht, schaut aus wie eine ganz bestimmte Szene aus dem Film „Der Exorzist“.</p>
<p>Klappe. Move. Gregor packt ihr Handgelenk. Plötzlich wieder Bewegung überall. Die Mutter springt auf. Läuft zu Tatjana hin. Bleibt schockiert stehen. Glotzt. Sagt, das könne doch unmöglich wahr sein.</p>
<p>Der Vater steht auf, würdigt Tatjana keines Blickes und verlässt zügigen Schrittes den Raum. Mit so einer Sauerei will er nichts zu tun haben. Sein Haus ist entehrt.</p>
<p>Gregor stammelt, flucht, hält ihre Hand. Will erklären und entschuldigen. Macht alles nur noch schlimmer.</p>
<p>Stottert: „Das ist nur, weil sie, das ist, sie fühlt sich wie Zuhause, das ist, sie vertraut euch sozusagen!“</p>
<p>Gregor läuft rot an. Kennt doch nur Ausreden für nicht stubenreine Hunde.</p>
<p>Der Familienhund, ein Beagle, stubenrein übrigens, kommt und schnuppert begeistert an dem nassen Fleck auf dem Teppich. Hockt sich hin.</p>
<p>Der Vater knallt die Tür.</p>
<p>Tatjana weint.</p>
<p>„Das tut mir Leid“, sagt sie. Gregor atmet tief durch, zieht sie an der Hand in Richtung Bad. Endlich, denkt Tatjana, endlich wird mir gezeigt wo das verdammte Klo ist.</p>
<p>Die vollgesogenen Hausschuhe fatschen bei jedem Schritt, wenn es das Pipi rausdrückt. Fatsch. Fatsch. Fatsch.</p>
<p>Für Tatjana klingt es, als wate man im Moor. Da möchte sie gern sein jetzt und versinken. Mit einem einzigen saugenden Schmatz.</p>
<p>Fatsch.</p>
<p>Gregor führt sie ins Bad. Das Bad ist schön und groß und hell und riecht gut. Tatjana fühlt sich wie in Trance und riecht nicht gut. Setzt sich auf den Badewannenrand und heult. Gregor sagt nichts. Hockt vor ihr und schnauft. Holt tief Luft und seufzt. Weiß augenscheinlich nicht, was er sagen soll.</p>
<p>„Jetzt komm“, sagt er schließlich doch, „zieh doch jetzt mal das Zeug aus.“</p>
<p>Und Tatjana zieht sich aus, legt die nasse Hose auf den Badezimmerboden, die nassen Socken, die nasse Unterhose. Hat Tränen in den Augen. Will in die Dusche steigen, als Gregor sie plötzlich heftig umarmt, sie an sich zieht, ihr übers Haar streichelt. Tatjana braucht Trost. Reißt ihm die Kleider vom Leib und rumpelt mit Gregor in die Dusche, lässt sich dort unter dem laufenden Wasser liebhaben. Schreit.</p>
<p>Draußen vor der Tür steht Gregors Mutter und glaubt, ihr Schwein pfeift.</p>
<p>Danach ist Tatjana schwindelig. Die Scham, der Sex, das heiße Wasser. In ihrem Kopf dreht es sich. Sie setzt sich auf den Klodeckel. Atmet tief aus. Gregor lacht.</p>
<p>Sagt: „Nicht umkippen, ich hol dir einen Keks, Zucker hilft.“</p>
<p>Tatjana sagt, sie müsse jetzt eine rauchen.</p>
<p>Gregor geht, die Tür klappt zu. Tatjana sitzt im feuchten Nebel und denkt, sie ist so eine, die kopuliert für ´ne Kippe und ´nen Keks. Darüber muss sie lachen.</p>
<p>Die Badezimmertür fliegt auf, Gregor wirft ihr die Kippenschachtel zu und einen Keks. Er betritt den Raum nicht, erst jetzt fällt Tatjana auf, dass hier alles überschwemmt ist. Sie fängt alles auf, nickt dankbar. Gregor sagt, er hole ihr jetzt was zum Anziehen. Dreht sich um, lässt die Tür offen. Ruft, offensichtlich aus dem Schlafzimmer, er habe vergessen welche Größe sie habe.</p>
<p>„36“, ruft Tatjana zurück und spürt den kalten Windzug an den bloßen Füßen.</p>
<p>Draußen auf dem Flur schnauft eine dicke Dame verächtlich ob dieser anmaßenden Maße.</p>
<p>Tatjana ist jetzt wieder alleine im Badezimmer. Mit einem frischen Hemd. Von Gregors Vater. Und einer Schlüpfer von Gregors Mutter. Gregor hat natürlich nichts in ihrer Größe gefunden. Die Mutterunterhose in Größe 42 schlackert um Tatjanas Oberschenkel, rutscht runter. Tatjana will nicht undankbar sein, fühlt sich eh besser. Schaut sich das nasse, überschwemmte Badezimmer an. Isst den Keks. Denkt, wenn sie hier Ordnung macht, wird alles wieder gut. Wenn sie sich selbst wieder präsentabel macht. Dann ist es sicher nicht mehr so schlimm.</p>
<p>Sie hat noch Zeit. Sie ist allein. Tatjana denkt, das Badezimmer hier sei der beste Rückzugsort auf ewig. Das Drama wird erst wieder weitergehen, wenn sie es verlässt.</p>
<p>Sie will rauchen. Knöpft sich das Hemd zu. Öffnet das Fenster. Lehnt sich hinaus, fingert das Feuerzeug aus der Schachtel und steckt sich eine an. Spürt den Rauch in der Lunge, zieht ihn tief hinein. Ersticken. Herrlich.</p>
<p>Sie ist wieder. Existiert wieder. Wenn auch nur als RauchRebell und QuarzQuerulant.</p>
<p>Sie bläst den Rauch aus, schaut nach rechts. Da steht Gregors Vater im Vorgarten und raucht ebenfalls. Verbittert schaut er sie an. Wirft die Kippe auf den Boden. Tritt sie mit seinen Lackschuhen aus. Hebt sie auf und wirft sie in einen eigens dafür präparierten Blumentopf. Geht verbitterter Miene wieder ins Haus hinein. Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht das gleiche, merkt Tatjana. Sie starrt auf den Blumentopf, aus dem quillt Rauch. Die Kippe ist noch nicht ganz aus. An Tatjanas Oberschenkeln brennt der Heizkörper Schamesröte als Schandmal auf ihren Leib. Verschwendung.</p>
<p>Tatjana raucht trotzdem auf. Hat Steine im Magen. Wünscht sich hinfort. Kann da, aus dieser Badezimmertür, unmöglich wieder hinausgehen. Niemals. Wenn sie das tut, wird sie sterben.</p>
<p>Sie wirft die Kippe ins Klo. Spült. Die Kippe schwimmt oben. Tatjana spült nochmal, die Kippe bleibt der Sieger. Tatjana flucht. Greift ins Klo. Holt die Kippe raus. Weiß nicht, wohin damit. Steckt sie schließlich in die Hosentasche ihrer vollgepissten Hose. Wohin überhaupt mit den Klamotten? Tatjana verfällt in hektischen Tatendrang. Denkt, die Klamotten müssen raus aus ihrem Blickfeld. Macht die Dusche auf. Wirft das nasse, stinkende Bündel da hinein. Macht die Dusche zu. Aus den Augen, aus dem Sinn. Tatjana tut was sie kann.</p>
<p>Tatjana macht das Fenster zu. Hofft, dass es hier drin nicht mehr nach Rauch riecht. Merkt, dass sie selber vielleicht gerade nach Rauch riecht. Blickt sich fieberhaft um, findet aber kein Mundwasser. Putzt sich also die Zähne mit irgendeiner Zahnbürste, entdeckt im Spiegel, dass sie etwas zwischen den Zähnen hat, geht ganz nah ran, vergisst, das Putzen zu unterbrechen, spritzt den blanken Badezimmerspiegel mit blauweißen Sprenkeln zu. Flucht. Knallt die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand. Vergisst sie da. Reißt Klopapier ab, rubbelt am Spiegel, wirft irgendwas um. Es ist eine Packung Heilerde, die sich jetzt auf den Weg gen Boden stiebt, sogleich verwandelt sich der braune Staub in Schlamm. Tatjana beißt sich auf die Lippe. Wirft das blaue Klopapier ins Klo. Vergisst vor Schreck zu spülen. Kniet sich hin, versucht, die nasse Heilerde wieder in die Packung zu schaufeln. Scheitert. Denkt, Klopapier könnte reißen, nimmt also das Lieblingshandtuch von Gregors Mutter – das mit den großen Blumen, sehr offensichtlich nicht für Gäste gedacht! – und legt den Sumpf trocken, so gut es geht. Das braune, schmaddrige Handtuch packt sie mit in die Dusche. Sie weiß nicht, wo hier der Wäschekorb ist.</p>
<p>Tatjana will sich den Schlick von den Händen waschen, nimmt zu viel Flüssigseife, drückt mit rosa Gel an den Händen erneut auf den Spender, alles fließt runter, den Waschbeckenrand entlang. Tatjana schrubbt und schrubbt sich die Hände, bis auch die rosarot sind.</p>
<p>Tatjana zieht die Nase hoch. Findet, jetzt müsse sie sich aber mal ein bisschen beeilen. Sie schaut in den Spiegel. Sieht nasse Haare. Versteht nicht, wieso sie jetzt so viel zu tun hat, zerrt einen Fön aus einem Korb im Regal, fönt sich die Haare. Kämmt sie danach. Hat keine Zeit mehr, die schwarzen Haare auf dem überschwemmten Fußboden zu bemerken, will nur nicht in die braune Brühe treten. Tatjana lässt den Fön im Waschbecken liegen. Schaut auf ihre Beine. Sieht, dass sie sich lange nicht mehr die Beine rasiert hat. Will so unmöglich Gregors Eltern entgegentreten. Hat ja keine Hose an. Schnappt sich also den Nassrasierer vom Badezimmerspielrand – es ist augenscheinlich der von Gregors Vater – und rasiert sich die Beine, schneidet sich, weint fast, fühlt sich überfordert.</p>
<p>Gregor klopft an die Tür, fragt, ob alles in Ordnung ist. Tatjana schüttelt den Kopf und ruft, sie sei  gleich fertig.</p>
<p>Denkt, eigentlich sei sie das doch schon, und zwar völlig.</p>
<p>Blut tropft auf den Boden, Tatjana verwischt es mit den bloßen Füßen, macht den Nassrasierer unter dem Wasserhahn sauber, bemerkt den Fön, der da noch im Waschbecken liegt. Tatjana kann nicht mehr, zieht den Stecker und legt den nassen Fön wieder in den Korb im Regal. Den Nassrasierer wieder an seinen Platz. Wühlt noch ein bisschen im fremden Medizinschrank herum, entscheidet sich schließlich für eine wunderschöne helllila Pille und öffnet die Badezimmertür. Verlässt das Schlachtfeld.</p>
<p>Tatjana ist der Albtraum, der Gregors Eltern von nun an jede Nacht heimsuchen wird. Dabei wollte sie doch nur ihr Bestes geben. Es besonders gut machen. Nur mit der Ablehnung hat sie nicht so gerechnet. Und mit dem spontanen Wasserlassen. Unterdrückte Aggressionen, denkt Tatjana, und Angst vielleicht auch. Wie bei einem Hund. Ich kann froh sein, denkt Tatjana, dass ich nicht um mich gebissen habe.</p>
<p>Sie läuft in die Küche. Da steht Gregor. Mit seiner Mutter. Der Vater lehnt an der Küchenzeile, hält ein Schnapsglas in den Händen.</p>
<p>Gregor schaut sie an, wie sie da steht, mit dem Hemd und der viel zu großen Unterhose.</p>
<p>„Ich habe eine Hose für dich gefunden“, sagt er, und Tatjana lacht wie durch Watte, fragt sich, warum sie jetzt lacht, aber da ist so ein eigenartig warmes Grinsen auf ihrem Gesicht, das sich mit einem Mal ganz breit anfühlt.</p>
<p>Tatjana hat plötzlich so gar keine Pöbelparanoia mehr. Gregors Eltern kommen ihr mit einem Mal furchtbar lieb vor. „Ist noch Kuchen da?“, fragt Tatjana, „der war köstlich, wir sollten ihn aufessen, waren wir eigentlich wirklich schon fertig?“</p>
<p>Der Vater schüttelt den Kopf. Schaut den Hängeschrank an. Führt irgendein telepathisches Gespräch mit dem Schrank, der der einzige ist, der ihn versteht.</p>
<p>Die Mutter blinzelt Tränen weg. Streichelt die Tischplatte. Sagt, sie würden ihnen jetzt das Geld für ein Taxi geben, wenn sie gingen.</p>
<p>„Wieso gehen“, fragt Tatjana, „wieso gehen, das wäre doch unhöflich, jetzt zu gehen, ich dachte, wir bleiben noch ein bisschen.“</p>
<p>Gregor schaut auf irgendeinen Punkt hinter ihr. Tatjana hat wieder Watte im Mund.</p>
<p>Was haben die denn bloß, fragt sich Tatjana, und fühlt die Übelkeit die Kehle heraufkribbeln. Ich will es doch nur richtig machen. Gut machen. Alle ganz zufrieden machen.</p>
<p>Mit einem Schlag kommt sie sich wieder schlecht vor. Wie ein böses Kind. Wie ein TrotzTroll. Unartig. Und jetzt sind alle böse auf sie.</p>
<p>Konntest du nicht Krankenschwester werden, geißelt Tatjana sich selbst, dann könntest du deine Schwiegereltern in spe jetzt wenigstens standesgemäß ruhigstellen. Sie ist so enttäuscht von sich selbst. Kann von Gregor wohl auch keinen Trost mehr erwarten, überhaupt, von keinem. Bekommt kalte Füße.</p>
<p>„Es war sehr schön bei Ihnen. Vielen Dank.“, rutscht Tatjana eine Wort- oder Patronenhülse aus dem Mund, unbemerkt.</p>
<p>Da knallt Gregors Vater sein Schnapsglas mit einem Ruck auf den Tisch, es klatscht wie eine Ohrfeige. Und Tatjana zuckt zusammen und macht sich erschrocken, leise, warm und beinahe zärtlich wieder ins Hemd. In sein Hemd.</p>
<p>© Morné Mirastelle, Hartung / Januar 2012</p>
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		<title>Wie ich den Glauben an die Menschheit verlor Oder: Von einer die auszog das Fürchten zu lernen</title>
		<link>http://samtbassherzschlag.de/2011/11/13/wie-ich-den-glauben-an-die-menschheit-verlor-oder-von-einer-die-auszog-das-furchten-zu-lernen/</link>
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		<pubDate>Sun, 13 Nov 2011 14:57:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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Es war einmal in den sächsischen Landen, da lebte ich in Eintracht und Frieden mit meiner Katze in einer Wohnung und schrieb Texte und las Märchen und aß Kartoffelbrei und alles war schön, bis der Tag kam, an dem meine Freunde beschlossen, mich zu verkuppeln, damit ich im nahenden Winter nicht so alleine sei, und [...]]]></description>
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<p>.</p>
<p>.</p>
<p>Es war einmal in den sächsischen Landen, da lebte ich in Eintracht und Frieden mit meiner Katze in einer Wohnung und schrieb Texte und las Märchen und aß Kartoffelbrei und alles war schön, bis der Tag kam, an dem meine Freunde beschlossen, mich zu verkuppeln, damit ich im nahenden Winter nicht so alleine sei, und ihre Wahl war gefallen auf einen jungen, ein bisschen ver- oder gestört wirkenden Mann namens Hubert.</p>
<p>Hubert wurde mir vorgestellt und bereits der erste Eindruck verdeutlichte mir, was meine Freunde gedacht haben mussten, als sie sich dafür entschieden hatten, uns zusammenzuführen: dass Hubert, genau wie ich, ein Resozialisierungsprogramm nötig hatte.  Das war bereits seiner äußeren Erscheinung anzumerken, die von beginnender Verwahrlosung zeugte: in ein freundliches Schwarz gekleidet präsentierte sich Hubert mit leider ungewaschenen, langen, lockigen Loden, einem Bandshirt,  dessen Schrift mich eher an die architektonischen Winkelzüge gotischer Kirchtürme erinnerte und dessen Ausdünstungen an die kircheneigene Krypta, in schwarzen Militärhosen und Stiefeln, denen man ansah, dass ihren Stahlkappen schon das ein oder andere niedliche kleine Rehkitzköpfchen zum Opfer gefallen war. Seine nach außen gerichteten Nietenbänder, mit denen er sich über und über garniert hatte, signalisierten hingegen ein freundliches „Komm her und kuschel mich“. All das aber war nichts gegen die mürrische Miene und den starrenden Blick, mit dem er mich die ganze Zeit fixierte, während mir meine Freunde erklärten, der Hubert sei eigentlich ein ganz Netter, nur ein bisschen schüchtern.</p>
<p>Wie auf Stichwort trat der zwei Meter große und zwei Meter breite Koloss also auf mich zu, und ich wollte gerade entsetzt nach hinten zurückweichen, weil ich befürchtete, er würde mir jetzt mit seinen Baggerschaufelpranken eine runterhauen, da öffnete er den Mund und tönte in tiefstem Bass:</p>
<p>„Duä. Un ich. Mäddel. Am Samstach. Forschdähsd du dos?“</p>
<p>Und da ich mich nicht traute zu widersprechen, nickte ich nur und versuchte, mir nicht in die Hosen zu pinkeln vor Angst. Jetzt gab es kein Zurück mehr: ich würde also – wenn ich das richtig verstanden hatte &#8211; am Samstag mit diesem Stück Holz auf ein Metalkonzert gehen. Und, vielleicht, wenn alles gut ging, sogar wiederkommen.</p>
<p>Eine kleine Liste der Dinge, die Hubert mir verschwiegen hat, die mir meine Freunde allerdings nach dieser Begegnung der dritten Art freundlicherweise noch mitteilten:</p>
<ol>
<li>Hubert wohnt irgendwo in Sachsen in einem Wald.</li>
<li>Das Metalkonzert der Band, von der ich noch nie gehört habe und die ich nicht aussprechen kann, findet auch auf einer Felsenbühne im Wald statt.</li>
<li>Wir werden also Samstagabend zu dem Konzert vom einen Wald in den anderen Wald gehen müssen. Zu Fuß. Durch Dunkelheit und einen anderen Wald.</li>
<li>In das Dorf, an dessen Wald Hubert wohnt, fährt ein einziger Bus am Samstag rein. Und nur einer wieder heraus: am Sonntag.</li>
<li>Daraus folgt, das von mir erwartet wird bei Hubert zu schlafen.</li>
<li>Der fast dreißigjährige Hubert wohnt noch bei seiner Mutter.</li>
</ol>
<p>(Erinnert das den geneigten Lesen zufällig an den Film „Psycho“? Mh, nun – mich auch.)</p>
<p>Folgerichtig versuchte ich, mich zu weigern, aber meine Freunde schlugen mich, bezichtigten mich der Feigheit und des Vorurteilehabens und begründeten die Notwendigkeit eines Treffens mit Hubert mit der unwiderlegbaren Tatsache, ich hätte es nötig und müsste mal wieder raus. (Und damit meinten sie augenscheinlich, raus in einen Wald, aus dem ich nie wieder herausfinden würde.) Derart mürbe gemacht ergab ich mich schließlich und verpflichtete mich tränenden Auges dazu, ein Wochenende mit Neandertaler Hubert zu verbringen. Allein. Im Wald. Bei ihm. Und seiner Mutter.</p>
<p><span id="more-573"></span>Also ergab ich mich zwei Wochen darauf meinem Schicksal, behängte meinen Leib in Erwartung dessen, was passieren würde, schon mal mit schwarzen Kleidungsstücken und fuhr mit dem Bus eineinhalb Stunden in die sächsische Pampa, in ein Dorf, das genauso viele Einwohner wie Buchstaben im Namen hat und an dessen einziger Bushaltestelle ein schwarzgewandeter Klotz namens Hubert auf mich wartete, der mich mit einem freundlichen: „Mir gehen jetz zu meiner Muddor. Forschdähst du das?“ begrüßte, um die nächste halbe Stunde wortlos neben mir herzustapfen, bis wir an einem alten, ein bisschen verfallenen Haus im Wald ankamen, aus dessen Schornstein Rauch stieg. Hubert riss die Tür auf, stürmte hinein und schmiss seine Stiefel in die Ecke und bedachte mich keines Blickes. Das tat dafür aber seine Mutter, eine freundliche, etwas gebeugte scheinende, verschüchterte Frau – wer will es ihr verdenken! -, die mich, darum bemüht, ihren randalierenden Sohn in seinem Wüten nicht im Wege zu stehen, von oben bis unten musterte und mich dann fragte, ob ich Hunger hätte.</p>
<p>(Erinnert das den geneigten Leser zufällig an das Märchen von Hänsel und Gretel? – Mhm, nun… Mich auch.)</p>
<p>Ich verneinte dies und ließ mich von Hubert in seine Höhle, also, sein Zimmer schleifen, dessen Jugendzimmereinrichtung mit Totenköpfen und Plakaten von schreienden und bemalten Männern dekoriert war. Dort warf Hubert sich dann auf die Couch, blaffte: „Isch zeich dir ma por Wideohs, forschtähst du das?“ und führte mir dann den gesamten Nachmittag Musikvideos vor, zu deren gefolterten Gitarren und geschrienen Flüchen in jedem einzelnen Filmchen mindestens eine nackte junge Frau in einem einsamen Wald darniedergemetzelt und dem Satan geopfert wurde, was mich, in Kombination mit Huberts seltsamen Seitenblicken und der Tatsache, dass all dies in völligem Schweigen unsererseits geschah, langsam aber sicher in eine Art Angststarre verfallen ließ.</p>
<p>Auf meinen Einwand, ich fände das wenig lebensbejahend, sondern eher sexistisch und krank, meinte Hubert nur locker: „Dos forschdähst du ni.“, und er sollte Recht behalten.</p>
<p>Als nun der Abend graute und auch mir, zogen wir uns unsere Jacken über und liefen in der Dämmerung geschlagene eineinhalb Stunden durch den Wald, was ich nicht sonderlich schlimm gefunden hätte, hätte meine Begleitung nicht aus einem mürrischen Mann bestanden, der, in eisernes Schweigen verfallen, voranstürmte, mich keines Blickes würdigte und irgendwie wütend zu sein schien.</p>
<p>Das hörte sich ungefähr so an:</p>
<p>Er: „Stampf stampf stampf stampf.“</p>
<p>Ich: „Trippel trippel trippel, keuch.“</p>
<p>Er: „Stampf stampf stampf stampf.“</p>
<p>Ich: „Trippel, trippel, trippel, keuch.“</p>
<p>Vogelzwitschern. Laubrascheln.</p>
<p>Ich (von hinten): „Könntest du, bitte, eventuell ein bisschen langsamer laufen, ich kann nicht mehr.“</p>
<p>Er (mir weit voraus): „Growwwwl.“</p>
<p>Ich: „Hallo? Hallo, Hubert? Würdest du bitte mal auf mich warten? Wenns dir nichts ausmacht, meine ich? Also, ich kann auch einfach zurückgehen, wenn du keine Lust hast, mit mir da hinzugehen. Wir müssen das hier nicht machen, wenn, äh, meine Gesellschaft dir unangenehm ist!“</p>
<p>Er: „Growwwwlllmmmma. Isch muss dän Wäch suchne, forschdähsd du dos?“</p>
<p>Ich: „Ja, okay, aber, ich mein, weißt du, also, du redest nicht mit mir und so, ich hab grad nicht das Gefühl, dass du, mh, mit MIR hier sein willst.“</p>
<p>Hubert: „OH DOCH. Abor dos forschähsd du ni.“</p>
<p>Ich: „lautes schlucken“.</p>
<p>Der Rest des Weges: Schweigen.</p>
<p>Irgendwann, es war inzwischen duster geworden, kamen wir auf eine Waldlichtung, an der eine Felsenbühne stand ebenso wie allerhand menschlicher Abschaum, der uns mit lauten Gegröle begrüßte. So sahen also Huberts „Freunde“ aus. Hubert ließ mich sogleich im Stich und kam seiner Pflicht nach, das heißt, er stellte sich wie viele andere vor die Bühne, auf der bereits die Vorband spielte, und schleuderte in der Pose des einsamen, verbitterten Kämpfers sein verfettetes Haupthaar durch die Gegend, während ich mich weiter hinten auf eine der Bierbänke setzte und mir immer wieder sagte, dass das hier doch wenigstens noch als Sozialstudie tauge, vielleicht würde sogar noch ein lustiger Text dabei rumkommen, wenn ich es überlebte.</p>
<p>Doch die nächsten drei Stunden strapazierten mein Gemüt aufs Äußerste. Irgendjemand schien mir etwas in meinen Apfelsaft getan zu haben, denn ich war irgendwann nicht mehr in der Lage, Musik zu vernehmen, mir kam es eher so vor als würde ich die ganze Zeit angeschrien und verflucht. Zudem begann mein Herzschlag sich dem 170bpm-Trommelwirbeln anzupassen – bambambambambambambam! –, was mich in enormen Stress und Schnappatmung versetzte und in Kombination mit dem Gekreisch und dem gereimten Rülpsen des „Sängers“ unglaublich A!G!G!R!E!S!S!I!V!!!11elf machte, sodass ich irgendwann einfach nur dasaß, hyperventilierte und großäugig das Astloch auf der Bierbank anstarrte, von dem ich der festen Überzeugung war, es würde sich vergrößern um mich irgendwann zu verschlingen.</p>
<p>Wären nicht die überdeutlichen Annäherungsversuche einiger Metaller gewesen, die mir anboten, mir den Minirock hochzuschieben, damit ich mich leichter auf ihre Schultern setzen könne um das Geschehen auf der Bühne visuell zu verfolgen, wäre ich wohl in eine Art Hypnose verfallen, und so verbrachte ich also die drei Stunden damit zu versuchen nicht zu weinen, während ich Kopfschmerzen bekam und, ganz nebenbei, aus der Unterhaltung der sprachgestörten Menschen neben mir einige Synonyme für männliche wie weibliche Geschlechtsteile lernte, die ich noch nie gehört habe (und hier auch nicht wiedergeben will).</p>
<p>Irgendwann war der Krach mit einem Schlag zu Ende, nur das Pfeifen in meinen Ohren und das Wummern meines eigenen Herzschlages dröhnten noch in meinem Inneren nach, und dann löste sich die riesige Hubertgestalt aus der Menge, stampfte auf mich zu, schlug die Hand eines Nebenbuhlers mitsamt dem Nebenbuhler weg, umklammerte mich an der Schulter und schleifte mich von der Bierbank weg in den Wald mit den Worten: „Dös wor doll, abor nu müssmer gehen. Forschähsdn du dös?“</p>
<p>Oh mein Gott, mir war so schlecht. Halb weinend, halb erbrechend taumelte ich willenlos hinter Hubert durch den Wald, mein baldiges Ende erwartend, ja, in Anbetracht meiner Leiden und meines Gemütszustandes beinahe schon ersehnend. Ich meine, ich bin immerhin ein sensibler Mensch. Als ich damals, während meines Freiwilligen Sozialen Jahrs, noch im Hort gearbeitet habe, war ich mal mit den Kindern im Kino, wir haben „Ice Age“ geschaut, und die einzige, die geheult hat, als der Tiger starb, das war ich, während sich um mich eine mich streichelnde Kinderbande scharrte, die mir tröstenderweise immer wieder versicherte, der Tiger sei doch gar nicht wirklich tot. So eine bin ich. So eine wie mich darf man nicht mit einem Haufen Irrer nachts in den Wald schleppen und mit Krach und Geschrei zudröhnen. Da muss ich weinen von.</p>
<p>Kurz gesagt, es ging mir nicht so gut, zudem war es im Wald auch stockduster und weder Hubert noch ich waren im Besitz einer Taschenlampe, was aber wenigstens ihm nichts auszumachen schien, denn er stampfte fast fröhlich neben mir her und heiterte ab und an mit dem lockeren Spruch „Hörsd du däs ooch?“ die Stimmung auf.</p>
<p>„Hörsd du däs ooch?“, „Hörsd du däs ooch?“, „Hörsd du däs ooch?“ – bis ich wirklich begann etwas zu hören. Laubrascheln. Knackende Zweige. Das Gegrummel meines Gefährten und meinen eigenen wild rebellierenden Magen, den ich schließlich urplötzlich und auf einer Lichtung entleerte, weil es auch furchtbar anstrengend ist, stundenlang der Angst wegen diese kotzgrottige Übelkeit ertragen zu müssen.</p>
<p>Hubert beobachtete mich und meine Tätigkeit so interessiert wie teilnahmslos, kommentierte das Geschehen mit keinem einzigen Wort, erzählte mir, um mich aufzumuntern, allerdings eine knappe Viertelstunde später von dem Drang, der ihn ab und an überfalle, nämlich, anderen Menschen mal eine Gabel ins Auge zu stechen, einfach so, um zu sehen, was dann passiert und wie die Reaktion sei, aber das „förschdähsd du beschdimmd ni.“</p>
<p>Wir stolperten weiter durch den Wald, ich versuchte, mir Hubert nicht mit Besteck vorzustellen. Im Laufe der Zeit wurde mein Gefährte zunehmend unruhiger und mürrischer, was in mir einen schlimmen Verdacht aufkommen ließ: Wir hatten uns verlaufen. Nach einer halben Stunde des Grübelns darüber, ob das jetzt eine so gute Idee sei, fragte ich dann doch nach, und siehe da: „Des is nurn glainor Umwech, in zwei Stundne simmer daheeme, ich orientier mich einfach äm Mönd, so schwer is des ni, und mir müssne nach Osdn, forschähsd du das, nach Osdn.“</p>
<p>(Erinnert das den geneigten Leser zufällig an einen Film namens „Blair Witch Project“? – Mhm, nun… Lassen wir das besser.)</p>
<p>Ich war so müde. Mir tat der Kopf so weh. Mir war so schlecht. Es ging mir so übel, dass ich nicht mal mehr Angst hatte, und als unser Weg aus dem Nichts heraus von einer Bande Wildschweinen gekreuzt wurde, war ich kurz davor, mich vor ihnen auf den Weg zu werfen und sie zu bitten, mich mitzunehmen oder wenigstens zu fressen, so sehr bedurfte ich des Beistands und des Trostes und eines normalen, nicht geistesgestörten Wesens.</p>
<p>Meine Füße schmerzten unglaublich, aber nach nur insgesamt zwei Stunden des durchdenWaldirrens mit einem Psychopathen, des Frierens und Nichtssehens verkündete Hubert, er wisse jetzt wieder, wo wir seien, und es könne sich nur noch um eine halbe Stunde handeln, bis wir unser Ziel erreicht hätten, und dann erzählte er mir irgendetwas von Igeln und von Juden, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen, „abor däs forschdähsd du ni“. Allerdings war ich schon zu müde, um Angst zu bekommen vor den Igeln oder den Juden oder Hubert, und so schlurfte ich gebrochen und verzweifelt hinter ihm her, bis wir tatsächlich an das Haus kamen, in dem Hubert hauste. Ich konnte es kaum glauben.</p>
<p>Hubert gab sich große Mühe, liebenswürdig zu sein, und so lud er mich noch auf einen kleinen Snack in die Küche ein, den ich aber ablehnen musste, als sich mir das Bild von Hubert mit einer Gabel in der Hand darbot, und so verschwand ich unter dem Vorwand, mir sei noch zu übel, unter der Dusche, wo ich dann überlegte, was Hubert wohl nun da unten in der Küche täte, bis ich zu dem Schluss kam, er esse dort unten allein ganz sicher rohes, noch blutiges Ziegenfleisch zum Nachtmahl.</p>
<p>Auf der Suche nach einer Schlafstatt entdeckte ich im Flur auf allen Schränkchen Osternester, die sämtlich mit Schokolade und Keksen sowie einem Zettel versehen waren, auf dem Huberts Mutter mir mitteilen ließ, wenn ich Hunger bekäme, solle ich mich doch bitte bedienen. Ich war irgendwie gerührt. Wahrscheinlich war ich die einzige Frau überhaupt, die Hubert jemals mit nach Hause gebracht hatte, und ich fühlte mich unglaublich schuldig, wenn ich daran dachte, dass ich bereits morgen den zarten Keim der Hoffnung dieser mit einem Ungetüm von Sohn geschlagenen Dame würde zerstören müssen, indem ich ging und nie wiederkehrte, so viel stand für mich nämlich schon fest.</p>
<p>In Huberts Zimmer nun wartete eine Couch auf mich, auf der ich nächtigen durfte und die Hubert ganz nah an sein Bett heranschob mit der Bemerkung, das sei, damit ich keine Angst haben müsse, denn hier im Wald habe es manchmal komische Geräusche von draußen, „forschdähsd du däs?“, und ich nickte nur und dachte, dass das einzige, wovor ich mich fürchtete, sei doch eigentlich hier drinnen sei, in diesem Haus, in diesem Zimmer, direkt neben meiner Schlafcouch, aber ich sagte nichts, legte mich erst darnieder, als Hubert sich bereits in seinem mit Rennautos bedrucktem Bettzeug verkuschelt hatte und versuchte, in der Dunkelheit nicht zu atmen, um Hubert nicht an meine Anwesenheit zu erinnern, als dieser mit einem Mal aufsprang, die Fliegenklatsche neben seinem Bett ergriff und wie wild begann, irgendetwas mit selbiger zu jagen, wobei er auf alle möglichen Gegenstände im Zimmer schlug und einige davon auch umrannte, bevor er sich beruhigte, sich schwer atmend auf seine Bettkante setzte, mich mit einem irren Blick bestarrte und mir mitteilte, das sei eine Fliege gewesen, und die machten ihn dann immer so furchtbar aggressiv, „forschähsd du dös“, und obwohl ich mir sicher war, nichts gehört zu haben, nickte ich wie wild und versicherte ihm, ja, ich verstünde, bis Hubert mit einem Schlag wie ein Stein ins Bett fiel, sich umdrehte und schnarchte, was ich ganz gut fand, weil es mich daran hinderte einzuschlafen und eventuell die nächste Aktion Huberts nicht mitzubekommen. Die ganze Nacht sagte ich mir immer wieder, wenn ich diese Nacht überlebte, würde ich nie wieder vor etwas Angst haben müssen. Und irgendwann färbte die Morgensonne das Zimmer rot, Hubert erwachte, grunzte, warf mir einen bösen Blick zu und meinte, er habe so tief geschlafen weil er Tabletten nehme, „forschähsd du däs“, und um ehrlich zu sein, ja, das verstand ich, ich hatte mir das irgendwie schon gedacht, ja.</p>
<p>Auf das Frühstück verzichtete ich, ich hätte es nicht ertragen, Huberts Mutter am Küchentisch sitzen zu sehen, die, wohl schon in froher Erwartung einer Verlobungsverkündung, meiner harrte, während ihr wahnsinniger Sohn Hubert neben ihr saß und todsicher ein kleines Kind oder abgehackte Frauenbrüste zum Frühstück verschlang. Stattdessen beschäftigte ich mich damit, meine eigenen Haare und alles, was entfernte Ähnlichkeit damit aufwies, aus dem Abflusssieb der Dusche zu friemeln, nachdem Hubert mir versichert hatte, gestern Abend nach dem Duschen eins meiner Haupthaare in der Dusche gefunden zu haben, und wenn er mir Böses wolle, könne er durchaus damit Voodoo betreiben und mich verhexen, aber das sei gar nicht sein Anliegen, so sei er nicht und er wolle mir nichts Böses, „forschdähsd du das“.</p>
<p>Nun war die Zeit des Abschieds gekommen und der wahnsinnige Hubert, ganz Gentleman, brachte mich schweigend zur Bushaltestelle und wartete da mit mir, bis selbiger endlich erschien, doch bevor ich mich in ihn retten konnte, bellte er mich noch an: „Üsch mog düsch! Forschdähsd du das?!“, und ich machte, dass ich davonkam.</p>
<p>Nach diesem meinen Survivalwochenende ist mir eines klar geworden. Ich habe nichts gegen Kuppelversuche. Oder gegen Metaller im Allgemeinen. Oder gegen die Menschen, die ich vor dieser Aktion mal „meine Freunde“ genannt habe. Ich hab auch nichts gegen Männer. Okay, Psychos sind sie alle, aber verdammt, beim nächsten Kuppelversuch will ich das <strong>bitte</strong> wenigstens nicht gleich in der ersten Nacht merken. Ist das klar?!</p>
<p><strong>„Forschähsd du das?!“</strong></p>
<p>© Morne Mirastelle, Nebelung / November 2011</p>
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		<title>Ein kannibalischer Fleischer aus Dublin kann kein Faschist sein &#8211; Oder: Wer findet den toten Mann?</title>
		<link>http://samtbassherzschlag.de/2011/11/05/ein-kannibalischer-fleischer-aus-dublin-kann-kein-faschist-sein-oder-wer-findet-den-toten-mann/</link>
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		<pubDate>Sat, 05 Nov 2011 16:34:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[.
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Nichts passiert vor der Zeit und wir waren alle schon mal tot. Kein Problem.
Wir fragen uns eben nur, wer morgen früh zuerst den Mann, der sich an den Wäschestangen mitten im Plattenbaughetto auf der Grünfläche zwischen Block 3 und Block 4 aufgehangen hat, findet.
Anders gefragt: Was wäre denn schlimmer? Wenn ihn die Oma sieht, die, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>.</p>
<p>.</p>
<p>.</p>
<p>Nichts passiert vor der Zeit und wir waren alle schon mal tot. Kein Problem.</p>
<p>Wir fragen uns eben nur, wer morgen früh zuerst den Mann, der sich an den Wäschestangen mitten im Plattenbaughetto auf der Grünfläche zwischen Block 3 und Block 4 aufgehangen hat, findet.</p>
<p>Anders gefragt: Was wäre denn schlimmer? Wenn ihn die Oma sieht, die, wie jeden Morgen um 6 Uhr, ihre Blumen auf dem Balkon gießen will, gleich, ob es regnet oder nicht, und die diesmal sogar schon 5 Uhr diese Aufgabe verrichtet, weil ihr Wecker spinnt?</p>
<p>Das muss an den Akkus liegen, vielleicht hat sie vergessen, sie neu aufzuladen, vielleicht hat sie es auch noch nie getan, vielleicht tut das ihr Schwiegersohn aus Block 2, wenn er alle zwei Monate mal mit seiner Familie zum Kaffee trinken vorbeischaut? Vielleicht hat er sich gerade ein Bein gebrochen und ist deshalb unfähig, ihr einen Besuch abzustatten? So muss es sein.</p>
<p>Deshalb hat er die Akkus nicht aufladen können. Deshalb hat der Wecker 5 Uhr schon geklingelt. Deshalb fiel die senile alte Dame dem Glauben anheim, es sei 6 Uhr. Und deshalb goss sie ihre Blumen.</p>
<p>Aber es war 5 Uhr.</p>
<p>Deshalb ist sie die Erste, die den Mann dort unten an den Wäschestangen auf der spärlichen begrünten Fläche baumeln sieht. Das wäre schlimm, ein Trauma zweifelsohne.</p>
<p>Aber es geht noch schlimmer:</p>
<p><span id="more-568"></span></p>
<p>Vielleicht sehen ihn ja auch die Kids zuerst, die sich noch vor der Schule die sie entweder schwänzen oder mit der Pumpgun besuchen, vor den TV setzen, um sich gewaltverherrlichende Cartoons reinzuziehen. Daher auch die Pumpguns, ganz klar. Vielleicht will es der Zufall, dass sie allesamt und im selben Moment vom TV aufschauen und einen Blick aus dem Fenster werfen.</p>
<p>Aber wieso sollten sie das tun? Nun, vielleicht fliegt gerade en US-Bomber vorbei, in Richtung Afghanistan, Nordafrika oder Bayern, um Demokratie zu bringen. Angezogen von dem gewalt- und bildschlagzeilenversprechenden Geräusch stürzen sie alle zum Fenster. Und sehen den Mann aus Block 4. Tot. Ein Trauma sondergleichen.</p>
<p>Man stelle sich vor! Alle Kinder aus Block 3 und Block 4 traumatisiert! Das kommt rum. Gerüchte machen sich breit. Wenn sie groß werden, sofern dies nicht vorher von Pumpguns oder Koks oder der Zugehörigkeit zur falschen Ghettobande vereitelt wird, wird keiner sie einstellen wollen. „Die traumatisierten Kinder von Block 3 und Block 4“, wird es heißen, „weißt du noch?“</p>
<p>Dann eben kein Arbeitsplatz für die.</p>
<p>Weitere Aussichten: Prostitution / Zuhälterschaft, Drogen, Knast, Bewährung, wieder Drogen, Talkshowgastauftritte, Goldener Schuss.</p>
<p>Also soll doch lieber die Oma den Mann zuerst sehen, den toten.</p>
<p>Vielleicht schafft er es aber auch gar nicht, zu sterben. Das ist sehr wohl möglich. Dann müssten wir uns auch nicht die Frage stellen, für wen der Anblick eines entseelten Körpers an der Wäschestange schlimmer wäre, für die Oma oder für die Kiddies. Aber warum sollte er überhaupt sterben wollen?</p>
<p>Nichts liegt klarer auf der Hand als das. Er sitzt bei voller Deckenbeleuchtung bis nachts um 2 Uhr vor seinem PC. Vielleicht im Arbeitszimmer. Und seine Frau, die liegt im Schlafzimmer im Bett und liest Groschenromane und wartet. Die Groschenromane hat sie aus dem Wartezimmer des Arztes ihres Vertrauens weggefunden. Und sie ist sauer. Sie liegt also da und ist sauer und liest Groschenromane. Nachts um 2 Uhr. Und dem Einfluss des Verlags Bastei-Lübbe ist es zu verdanken, dass sie glaubt, dass ein eheliches Sexualleben sich auch anders gestalten kann als das ihre. Selbst nach 25 Ehejahren. Und überhaupt will sie erstmal wieder ein Sexualleben. Und ihr Mann sitzt vor dem PC. Das macht sie sauer.</p>
<p>Und morgen früh, denkt sie, morgen früh ist er wieder müde. Wer bis nachts um 2 Uhr vor dem PC sitzt – oder noch länger! -, der ist früh um 6 Uhr müde. Aber morgen früh um 6 Uhr macht der Zeitungsladen zwischen Block 28 und Block 29 auf. Und der führt die BILD. Und die Ehefrau denkt sich: Wenn ich schon kein Sexualleben haben kann, dann will ich wenigstens die BILD. Und zwar morgen früh um 6 Uhr. Und sie kombiniert: Mein Mann wird morgen früh nicht in der Lage sein, mir die BILD zu holen, wenn er noch länger vorm PC sitzt. Also geht sie rüber ins Arbeitszimmer und wirft ihm einen Pantoffel an den Kopf mit dem Fluch, er möge das Licht jetzt verdammt nochmal löschen und dann erledigt sie das doch gleich selbst. Und dann dreht sie sich um und geht wieder ins Schlafzimmer.</p>
<p>Und der Mann sitzt im dunklen Arbeitszimmer vor dem PC, dessen blaues Monitorlicht den Raum nur ungenügend beleuchtet, und fasst es nicht. Nach 25 Ehejahren! Und er sagt sich, dass es ihm jetzt reicht. Dass er das nicht mehr mitmacht. Nach 25 Ehejahren!</p>
<p>Seine rebellische Ader erwacht. Ja, sie erwacht erst nach 25 Ehejahren, weil er einen Ödipuskomplex hat. Nie hat er sich von seiner Mutter, deren auserkorener Liebling er gewesen war, lösen können, und gerade, als er, zeitlich gesehen, dazu in der Lage gewesen wäre, hat er geheiratet. Und die Braut, diese seine Frau, die ihm gerade den Pantoffel an den Kopf geworfen hat – nach 25 Ehejahren! – war natürlich ein Tipp seiner Mutter. Und jetzt trifft er zum ersten Mal in seinem Leben eine Entscheidung. Er hat es satt! Nie hat er unabhängig sein dürfen. Das muss man verstehen.</p>
<p>Und er steht auf und schwört feierlich in den schwachblaubeleuchteten Raum hinein, einsam und nur für sich selbst, maximalst noch für Gott, denn ja, obwohl er auch die BILD regelmäßig liest, glaubt er noch an einen Gott, dass er sich befreien wird. Auch das kann man verstehen, oder? Es reicht ihm! Und er beschließt, sich umzubringen, um es seiner Mutter und seiner Frau mal so richtig zu zeigen. Auch das ist tragisch. Aber wenigstens nicht ganz so tragisch wie die Vorstellung von den traumatisierten Kids aus Block 3 und Block 4, oder dem Gedanken, dass die Akkus der Oma schlappmachen, also, die ihres Weckers. Weshalb sie nämlich zu früh die Blumen gießen würde. Und alles nur, weil sich ihr Schwiegersohn das Bein gebrochen hat!</p>
<p>Aber halt! Er stirbt ja vielleicht gar nicht, unser Mann. Er ist nämlich Schlafwandler, müssen wir wissen. Na also! Ersparen wir uns die Omas und die Kids. Er schläft nämlich ein, weil er sich überanstrengt hat nach diesem ersten Entschluss. Das war ja auch schwer! Und so was hat er schließlich noch nie getan. Und sein Hirn, welches er gerade eben zum ersten Mal aktiviert hatte, setzt aus; er fällt in den Zustand des Schlafes und sein Kopf auf die Tastatur. Und da schläft er nun, in dem schwachblaubeleuchteten Zimmer, den Kopf auf der PC-Tastatur.</p>
<p>Aber nicht lange!</p>
<p>Denn er ist ja Schlafwandler. Also steht er auf und läuft in Richtung Tür. Wie er das eben jede Nacht tut. Nur, diesmal war es eben ein anderer Grund, weswegen er vor dem PC eingeschlafen ist. Nicht etwa, weil er zu lange davor gesessen hätte, so wie sonst, nein, des Beschlusses wegen, den er gefasst hat, weil seine Frau ihm den Pantoffel an den Kopf geschmissen hat, nach 25 Ehejahren!</p>
<p>Jede Nacht saß er vor dem PC. Dann wurden seine Augen müde. Und er schlief ein. Und schlafwandelte in Richtung Tür, stieß mit dem Kopf gegen den Lichtschalter und fiel nach links. Man muss wissen, links neben der Tür des Arbeitszimmers befindet sich nicht nur der Lichtschalter, sondern auch ein Sessel. Wahrscheinlich ein Geschenk von Mutti – ebenso wie seine Frau. Und jede Nacht fiel er nach links, in den Sessel. Und dort fand ihn dann regelmäßig seine Frau – des Morgens. Kein Wunder, dass sie frustriert ist. Nach 25 Ehejahren hat das jede satt! Nach 25 Ehejahren ist die Frustrationsschwelle überschritten! Und deswegen der Pantoffel am Kopf. Zum ersten Mal in 25 Ehejahren!</p>
<p>Aber in dieser Nacht ist alles anders. Denn der Mann, der eben gerade schlafwandelnderweise mit dem Kopf gegen den Lichtschalter stieß, fällt in dieser Nacht nicht nach links in den Sessel, wo ihn am Morgen seine Ehefrau (seit 25 Jahren schon!) finden würde, nein! Er fällt nach rechts. Zum ersten Mal seit 25 Ehejahren fällt er nach rechts. Aber er hat ja heute auch zum ersten Mal seit 25 Ehejahren einen Pantoffel an den Kopf gekriegt. Er fällt nach rechts. Und rechts ist kein Sessel. Er liegt also vor der Tür auf dem Boden. Zum ersten Mal seit 25 Ehejahren liegt er nicht im Sessel, sondern auf dem Boden vor der Tür. Und er schläft.</p>
<p>Und kann sich also gerade nicht umbringen. Aber er hat ein Problem, und das Problem ist seine Frau, und das zwar im Allgemeinen seit 25 Ehejahren, aber im Besonderen jetzt, denn sie hat, im Schlafzimmer liegend, wartend, lesend und sauer, den Aufprall gehört. Zum ersten Mal seit 25 Ehejahren, denn sonst fiel er ja immer nach links, in den Sessel, sanft und leise. Und das hört man ja nicht. Aber diesmal hört sie es, weil er ja nach rechts gefallen ist, auf den Boden. Und sein Problem seit 25 Ehejahren steht auf und will nachsehen, ob etwas passiert ist. Das kommt ihr nämlich komisch vor, dass sie etwas gehört hat. Schließlich hört sie sonst des nachts nie was von ihm: er fällt ja nach links, wie der geneigte Leser inzwischen weiß.</p>
<p>Und nun versucht sie als die Tür zum Arbeitszimmer zu öffnen, aber das klappt nicht. Die Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes lässt sich nämlich nur nach innen öffnen, und drinnen vor der Tür liegt unser Mann.</p>
<p>Und sie bekommt Panik. Das ist ihr noch nie passiert! Noch nie seit 25 Ehejahren! Und sie wirft sich gegen die Tür und schiebt auf diese Weise ihren Mann so weit weg, dass man die Tür ein wenig öffnen kann. Und ihr Mann wacht davon nicht auf, müde, wie er ist, von dem Beschluss, den er gefasst hat. Und seine Frau hat jetzt Angst, weil ihr Mann sich nicht regt. Sie hockt sich hin, hysterisch vor Panik, und will sehen, ob er noch lebt. Und sie hält ihm die Hand vor die Nase, um zu prüfen, ob er noch atmet.</p>
<p>Und er atmet.</p>
<p>Da wird sie sehr, sehr wütend, weil sie glaubt, dass er sie reingelegt hat. Und wenigstens aufwachen hätte er können, als sie solche Angst hatte. Der Gedanke macht sie ganz rasend. Und da schlägt sie ihn mit dem Pantoffel und trifft genau seinen Kopf. Zum zweiten Mal innerhalb einer Nacht, und nach 25 Ehejahren! Ganz klar, dass unser Mann aus Block 4 davon aufwacht. Aber die Frau, die ein Tipp seiner Mutter ist, ist schon längst wieder im Schlafzimmer verschwunden, und er weiß zwar nicht, wieso, aber es steht fest, dass sie ihn die nächsten 24 Stunden ignorieren wird – und dass sie ihn zum zweiten Mal innerhalb einer Nacht und nach 25 Ehejahren einen Pantoffel über den Schädel gezogen hat, hat er auch noch mitgekriegt. Ansonsten funktioniert sein Verdrängungsmechanismus ziemlich gut, und normalerweise hätte er den Suizidbeschluss schon wieder vergessen, aber der erneute Pantoffelschlag erinnerte ihn wieder daran.</p>
<p>Und da steht er auf und greift sich seine Lederjacke und schließt leise die Haustür hinter sich. Und wird doch noch sterben. Und dabei hätte er doch gar nicht sterben müssen, wäre er nach links gefallen, in den Sessel, sanft und leise. Dann hätte seine Frau den Aufschlag nicht gehört und wäre niemals auf die Idee gekommen nachzuschauen. Und sie hätte keine Panik und keine Wut gehabt und hätte ihm nicht den zweiten Pantoffel innerhalb einer Nacht und nach 25 Ehejahren an den Kopf gehauen. Er hätte seinen Entschluss vergessen. Weil doch sein Verdrängungsmechanismus so gut funktioniert.</p>
<p>Aber nein! Er musste ja unbedingt nach rechts fallen, zum ersten Mal seit 25 Ehejahren. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf, und jetzt ist er sowieso schon auf dem Weg zum Wäschesstangenplatz auf der Grünfläche zwischen Block 3 und Block 4. Das ist tragisch. Aber immerhin! Zum ersten Mal scheißt er auf etwas, nämlich auf seine Mutter, die ihn da reingeritten hat, auf die BILD, die er hätte holen müssen, auf das Puhdys-Konzert, auf welches er nächstens zum 25-Jahre-Jubiläum der Ehe mit seiner Frau gegangen wäre, auf die Fliesen, die er am Wochenende aus dem Baumarkt hatte holen wollen, um das Bad neu zu fliesen, auf den Rat seiner Mutter und sehr zum Wohlwollen seiner Frau, und ja, auf seine Frau scheißt er auch, und zwar ganz besonders, und auf das Leben an sich scheißt er jetzt sowieso.</p>
<p>Und er hängt sich auf, an einer Wäschestange auf dem Platz zwischen Block 3 und Block 4, nachdem seine Frau ihm zum zweiten Mal innerhalb einer Nacht und nach 25 Ehejahren einen Pantoffel an den Kopf geschlagen hat.</p>
<p>Und vielleicht sieht ihn gar nicht unsere blumengießende, der Akkus wegen zu früh aufgestandene Oma zuerst, und vielleicht auch nicht die pumpgunisierten, schuleschwänzenden, brachialcartoonschauenden Kids. Vielleicht halten die Akkus der Oma nämlich doch noch eine Nacht lang durch, dann passiert ihr das erst übermorgen, und dann ist unser Mann ja schon seit 24 Stunden tot und hängt bestimmt nicht mehr da.</p>
<p>Und vielleicht fliegt auch kein US-Bomber vorbei, und die Kids haben keinen Grund, ihren Blick vom TV, ihre Nase aus dem Pseudokoks oder die Hände von der Pumpgun zu nehmen und aus dem Fenster zu schauen.</p>
<p>Wenn das alles <em>nicht</em> passiert, dann ist die erste, die ihn sieht, seine Tochter, die früh um 5 Uhr von einer Party wiederkommt, und die überhaupt nur weggeht, weil sie sich in den Taxifahrer verliebt hat. Das heißt, sie sieht den toten Mann, ihren Vater, <em>wenn</em> der Taxifahrer sie nicht bis vor die Haustür fährt und zufällig den Kopf dreht – wohl möglich, dass er sich wegdreht, weil sie ihn küssen will – und so unseren toten Mann noch vor dessen Tochter sieht, unseren toten Mann aus Block 4, der jetzt der Pantoffel und der 25 Ehejahre wegen an der Wäschestange auf dem Platz zwischen Block 3 und Block 4 baumelt.</p>
<p>Ehre sei seinem Andenken.</p>
<p>© 2002, eine samtbassherzschlagTextproduktion präsentiert von Morné Mirastelle in Zusammenarbeit mit Thomas Richter</p>
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		<title>Tausend kleine Sonnen</title>
		<link>http://samtbassherzschlag.de/2011/06/07/tausend-kleine-sonnen/</link>
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		<pubDate>Tue, 07 Jun 2011 05:48:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schemenhaftes]]></category>

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		<description><![CDATA[
_
„Durch einer Geister Welt schien ich zu wandeln
Und fühlt mich selbst als Schatten eines Traums.“
Lord Alfred Tennyson (1809 – 1892), „Die Prinzessin“


Ob es einen Unterschied machen würde, wenn der kleine Karl wüsste, dass es jede Nacht exakt dieselbe Uhrzeit ist, zu der er aufwacht? Jede Nacht um 3 Uhr 8 wacht der kleine Karl auf, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --></p>
<p>_</p>
<p style="text-align: center;">„<em>Durch einer Geister Welt schien ich zu wandeln</em></p>
<p style="text-align: center;"><em>Und fühlt mich selbst als Schatten eines Traums.“</em></p>
<p style="text-align: center;">Lord Alfred Tennyson (1809 – 1892), <em>„Die Prinzessin“</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p>Ob es einen Unterschied machen würde, wenn der kleine Karl wüsste, dass es jede Nacht exakt dieselbe Uhrzeit ist, zu der er aufwacht? Jede Nacht um 3 Uhr 8 wacht der kleine Karl auf, jede Nacht. Aber auch ohne dass er es weiß, ist es für ihn ja stets dieselbe Uhrzeit: die Zeit, um die er den Schlaf verlässt. Daran orientiert sich alles. Was das in Zahlen bedeutet, ist gleich. Karl kann die Uhr ja so oder so noch gar nicht lesen.</p>
<p><span id="more-558"></span></p>
<p>Ein Zuckerzauber: heute Nacht war da der Winter. Der Winter und ein tiefer, gefrorener See. Der Horizont erstreckte sich bis zum Himmel, und die Erde war platt und glatt wie ein gebügeltes Bettlaken, und genauso weiß. Der Himmel so weit oben, als wäre kein Ende in Sicht, und wolkenwärts und ackerab nur Schnee und Schnee und Schnee und sonst nichts. Graue und weiße Flocken von oben und unten. Himmel und Erde berühren sich nicht, so weit das Auge reicht. Sie sind einander fremd und unerreichbar. Und mittendrin ein See aus Eis.</p>
<p>Auf dem steht Karl. Auf dem See. Auf dem Eis. Er hört den Schneeflocken beim Fallen zu, es klingt, als landeten flauschige Federn auf einem Bett, es klingt nach einem weißen, weichen Nichts. Vor ihm auf dem Eis, auf dem See, auf dem Karl steht, durchbricht ein Loch den Frieden des Bildes, ein Eisloch. In diesem Eisloch schwimmt ein Mädchengesicht. Es atmet nicht, es schaut Karl nur an. Und weil Karl weiß, dass, was er erschaut, das einzig Lebendige weit und breit ist, hockt er sich nieder und streckt dem Mädchen die Hand hin. Ein paar Sekunden später ist Karl nicht mehr alleine auf dem See und in dieser Welt. Kaum hatte die eisigklirrende Luft das emporgetauchte Mädchengesicht erreicht, atmete jemand mit ihm in diese grauflockige Welt hinein. Karl kennt das Mädchen, das er da an seinem kleinen Finger in das Leben hineingezogen hat. Es heißt Anastasia und ist in seinen Träumen jede Nacht.</p>
<p>Karl erwacht. Es ist dunkel und dämmrig und Karl sieht sich um. Umrisse und Schattenrisse. Jemand sitzt in diesem Schummernebel auf der Bettkante, Karl spürt es. Derjenige sitzt schon lange da. Karl rührt sich nicht, sein Körper ist noch nicht wach, er braucht noch eine Weile, um zu begreifen, dass die Welt nachts anders ist, weicher, ohne Übergänge, ohne Grenze zwischen Wesen und Farben und Karl selbst. Ein Wolkenschatten legt sich auf Karl nieder, das vom Warten erschöpfte Geschöpf auf der Bettkante beugt sich über Karl. Karl kann die dunkelgraue Wattewolke an seinem Ohr spüren, und ein Gedanke geht in Karl hinein, der sagt: Jetzt ist eine andere Zeit, Karl, wir sind alle hinübergegangen, auch du. Niemand weiß von nichts. Du darfst nichts vergessen. Lass nichts liegen. Zieh dich um, zieh aus und verstecke alles in deiner Seele, was nach Weite und Salz und Ostsee riecht. Alles, was noch hellblau ist. Wie wir alle.</p>
<p>Da vorne steht die hässliche Hexe, das weiß Karl. Die linke Ecke vor der Kinderzimmertür, das ist ihr Winkel. Sie steht da im Schwarz und schaut ihn böse an. Sie wartet darauf, dass er erwacht, weil sie nicht weiß, dass er schon längst wach ist. Sobald sie es bemerkt, wird sie fauchen und Karl wird zusammenzucken. Wellen aus Furcht werden gegen sein Herz branden und Karl wird nicht wissen, ob es standhält auch dieses Mal in dieser Nacht. Karl traut sich nicht, anders als steif zu sein und Schlafatem vorzutäuschen mehrere Zeiten lang. Er weiß, dass er aufstehen muss. Er muss Anastasia doch suchen gehen. Irgendwer muss Anastasia doch suchen gehen. Vielleicht ist heute diese Nacht, vielleicht findet er sie heute. Jemand muss sie doch finden irgendwann. Er muss raus aus dem Bett, aber er ist wie gelähmt. Es ist wie jede Nacht. Karl kann sich nicht rühren vor Angst, stundenlang.</p>
<p>Die erste Aufgabe ist immer schwer. Karl muss an der Hexe vorbei.</p>
<p>Er bewegt sich. Ganz, ganz langsam. Mit bloßem Auge wird es nicht zu erkennen sein. Karl gleitet auf die Bettkante zu. So langsam, wie ein Haus sich zur Seite neigt. Niemand bemerkt etwas. Er braucht viele Stunden, bis er sie erreicht hat. Viele, bestimmt tausend.</p>
<p>Karl steht auf. Er bemüht sich, nicht in die dunkle Ecke neben der Tür zu schauen. Da muss er jetzt hin. Da muss er dran vorbei. Und Karl weiß, in der Ecke steht die Hexe, in ihrem Winkel gefangen, und sie wartet nur darauf, ihn zu erschrecken. Karl spürt ihn, den hasserfüllten Blick, der auf ihm ruht. Er atmet ganz flach. Sie darf nichts hören. Er darf sie nicht provozieren. Er muss so tun, als sei er gar nicht da. Als sei sie gar nicht da. Als bemerke er sie nicht und wisse nicht, dass er selbst in bitterer Bedrängnis wandelt bis zur Tür.</p>
<p>Der Fußboden ist irre kalt. Prompt hat Karl das Bedürfnis, sich zu erleichtern. Er hat Angst. An der Tür spätestens passiert es sicher sowieso. Wenn sie faucht, hat Karl solche Angst, dass er alles vergisst. Dabei ist er doch schon vier.</p>
<p>Aus der Ecke strahlt saphirgrüne Wut. Spitze kleine Nadelstiche treffen Karls Haupt, ein graueisiges Prickeln wie von tausend niederfallenden Eiszapfen. Eine düstere Ahnung kriecht seinen Hals hinauf und legt ihm einen Felsen auf den Kehlkopf. Karl kann nicht mehr schlucken. Das wäre auch zu laut. Schritt für Schritt. Kaffeebohne für Kaffeebohne. Zur Tür. Sein Blick haftet am Boden. Links ist die böse Ecke, und Karls linker Arm wird kalt, als er sie beinahe erreicht hat. Tausend kleine Sonnen, denkt Karl. Tausend kleine Sonnen sind auf meinem Schlafanzug.</p>
<p>Leise atmen. Gleich ist es vorbei.</p>
<p>Als er die Hand auf den Türgriff legt, als er sich nach ihm streckt, passiert es: ein leises, zischendes Fauchen. Ein Geräusch, als schöbe jemand einen Eisblock durch das Zimmer. Karl fühlt sich böse beblickt von oben bis unten. Da ist keine freie Stelle mehr an ihm. Alles ist Frösteln. Sie sitzt in der Kinderzimmerecke, die sie niemals verlassen darf, und ist gebündelter Kummer. Und sie ist böse. Auf Karl. Weil er lebt. Weil er sich bewegt.</p>
<p>Deswegen bedroht sie ihn mit ihrer Anwesenheit.</p>
<p>Die einzige Möglichkeit, die Karl hat, ist, sie zu ignorieren. Er darf ihr seine Angst nicht zeigen, das weiß er. Sonst ist er verloren. Es ist ein Spiel um seine Seele jede Nacht.</p>
<p>Er steht trotzdem auf und läuft zur Tür. Es gibt etwas sehr, sehr wichtiges zu tun. Und niemand kann es tun außer Karl.</p>
<p>Karl muss zu der schwarzen Katze. Vielleicht sagt sie heute Nacht etwas. Die Katze ist die letzte, die seine kleine Schwester Anastasia gesehen hat. Sie muss doch wissen, wo Karl Anastasia suchen kann.</p>
<p>Die Türklinke fühlt sich warm an, als wäre sie gerade berührt worden. Karl drückt sie nach unten und schlüpft durch die Tür. Schließt sie. Schließt die Hexe ein in seinem Kinderzimmer. Steht auf dem Flur und versucht, nicht zu weinen vor lauter ausgestandener Angst. Atmet tief ein. Schaut und hört und fühlt sich um.</p>
<p>Andere sind da. Als Geister, als Wesen, als Stimmung. Als Wattewolken, scharfe Schattenrisse, als Kraftfelder. Sie flirren durch den Flur wie Licht im Wasser. Geschöpfe, die Karl kennt. Aber keins von ihnen ist böse wie die Hexe. In diesen Ecken lauert nichts Gekränktes, mit Gift getränktes. Wo ist Anastasia?</p>
<p>Karl schleicht über den Flur. Wird zu einem von den schemenhaften schlurfenden Wesen, die sich bewegen, als puste man flüssige Farbe über ein Blatt Papier.</p>
<p>Am elterlichen Schlafzimmer vorbei. Karl weiß, dass Mama und Papa jetzt nicht wirklich da sind. Sie sind in einer anderen Welt. Sie wissen nicht, dass Karl etwas sehr, sehr wichtiges zu tun hat. Dass es eine Möglichkeit gibt, Anastasia wieder zu finden. Dass das seine Aufgabe ist. Wenn die Katze nur endlich mit ihm sprechen würde!</p>
<p>Im Flur ist ein Fenster. Karl sieht den Baum davor, er steht ganz still. Das Mondlicht hat ihn zu Blei gegossen, und schwarze Blütenästenornamente zieren ein gemalt und bemalt anmutendes Mondscheibenlicht. Karl staunt. Der Baum ist in den Himmel gewachsen und hat sich mit dem Mond vermählt. Unter dem Baum schimmert ein sich spiegelnder schwarzer Teich. Die moorige Flüssigkeit ist sicher zäh. Da steigen nachts sicher die Gespenster raus. Kämpfen sich frei und irren dann durch die Gegend. Suchen nach klarem Wasser und Korallen.</p>
<p>Und dahinter die Berge. Die Berge sind so heilig und alt, dass man sie nicht besteigen kann. Das weiß Karl, ohne dass ihm das jemand hätte sagen müssen. Da wohnt ein weises Wesen, das nicht spricht.</p>
<p>Etwas fällt vom Himmel. Ein schillerndes Ding. Was halt so vom Himmel fällt. Kinder. Sterne und Atombomben.</p>
<p>Karl steht am Fenster und hält Zwiesprache. Mit dem Baum, mit dem Berg, mit dem Mond. Mit dem Hauch, der darin wohnt, und der Jahrtausende alt ist. Jahrmillionen. Sie verständigen sich mit einem Wimpernschlag, bis Karl sich leise verabschiedet. Er muss weiter. Karl öffnet das Fenster, er möchte, dass es hereinkommt als Wind. Er braucht jetzt Stärke und Beistand. Solche Angst hat er, enttäuscht zu werden.</p>
<p>Er dreht sich um und da steht sie. Wie jede Nacht. Sie wird ihm über die Küchenfliesen helfen.</p>
<p>Vor denen fürchtet sich Karl. Er öffnet die Küchentür. Nur durch die Küche kommt er in die Stube und von da in Anastasias Kinderzimmer, in dem sie schon lange nicht mehr ist. Wenn er sie gefunden hat, wird er sie fragen, warum sie so plötzlich nicht mehr da war.</p>
<p>Mama und Papa haben ihm nicht gesagt, wo sie hingegangen ist, seine kleine Schwester, aber das müssen sie auch nicht. Das können sie auch nicht. Sie wissen es sicher selber kaum. Anastasias Seele hat sich eines Tages einfach so aus der Wiege geschaukelt. Und deswegen sind die Tage jetzt so bleischwer und so abgrundtief traurig. Und seine Mama weint nur noch. Und mit Karl redet keiner mehr so richtig.</p>
<p>In der Küche ist Winter. Es ist kalt. Das hochgewachsene Mädchen an seiner Seite atmet Schneeflocken. Es ist ganz zart. Und ganz weiß. In seinem Haar liegen Eissplitter. Und die Augen sind so hellblau, als schwämmen tausend Tränen darin. Karl hat das fast durchsichtige engelhafte Wesen Clara genannt. Weil es so klar ist, dass man hindurchschauen kann.</p>
<p>Clara pflückt eine Sonne von Karls Schlafanzug und pustet sie über die Fliesen hinweg durch die ganze Küche bis zu der anderen Tür. Der Goldstern hüpft auf den geschliffenen Steinen. Er springt einen Weg für Karl. Jede Fliese, auf der die kleine Sonne gelandet ist, ist jetzt nicht mehr Karls Feind. Karl darf sie betreten. Sie wird ihm nichts tun.</p>
<p>Die kleine Sonne hüpft einem Flummi gleich durch den Raum, bis sie an der Tür zum Wohnzimmer langsam erlischt. Clara nimmt seine Hand. Sie ist kühl und fühlt sich gut an. Danke, Clara, denkt Karl ihr zu, und dann holt er so viel Luft in seine Lunge wie er kann und läuft los.</p>
<p>Die Aura Clara bleibt stehen, wo sie immer stehen bleibt. Hinter ihm. Durch die Küche laufen muss er allein. Clara von der hohen Erde pustet die Sonne jede Nacht. Jede Nacht pflückt sie eine Sonne von seinem Schlafanzug. Irgendwann werden sie alle sein. Es sind sicher schon nicht mehr tausend.</p>
<p>Er spürt ihren Blick im Rücken und kämpft die Panik nieder. Eigentlich muss er keine Angst haben. Er hat sich doch jede sonnenbehüpfte Fliese eingeprägt. Er weiß, welchen Weg er zu gehen hat. Ein Schritt. Und noch einer. Er gibt sich große Mühe, nicht auf den Fugen zu landen mit dem Fuß. Es ist nicht sicher, was dann geschieht. Vielleicht geschieht nichts. Vielleicht etwas ganz schlimmes.</p>
<p>Tap tap – tap. Tap. Die auch noch. Da war die Sonne drauf. Hab keine Angst, Karl. Clara steht am Rand des Fliesenfeldes und schaut dir hinterher. Das Fliesenfeld ist rot und braun. Es hat viele kleine Risse, weil es lange nicht geregnet hat. Tap tap tap. Tap.</p>
<p>Karls Atem beginnt zu zittern. Er hat die Mitte des Feldes erreicht. Mit dem linken Fuß auf der einen, dem rechten Fuß auf einer anderen Fliese steht er wie im Schritt erstarrt. Er lauscht dem Flüstern. Jetzt kommen sie. Aus den Ecken, in denen Gräser wachsen und Blumen. Viele kleine anmutige schwarze Frauen kommen auf ihn zu aus allen Winkeln. Sie wispern und sie wuseln.</p>
<p>Da ist Entsetzen hinter Karls Augen, das drängt hinaus. Die schwarzbiegsamen Weidenrutenfrauen flüstern ganz leise und laufen umher auf den Fliesen, die die Sonne nicht berührt hat. Sie wuseln umher und knien auf den Rechtecken, auf denen nie wieder etwas wachsen wird. Irgendwo in weiter Ferne tropft ein Wasserhahn Leben in die tote Erde.</p>
<p>In der Mitte des Feldes steht Karl und weiß, dass es ein Gräberfeld ist. Unter jeder Fliese liegt ein Toter. Karl steht auf dem Feld und es ist riesig weit. Ihn erschauert. Die Frauen flüstern. Karl atmet so flach wie möglich. Wagt zögernd einen neuen Schritt. Würde lieber fliegen, hat aber keine Kraft mehr. Die versteinerte rotbraune Erde lähmt ihn irgendwie, zieht alle Kraft aus ihm heraus. Er darf nicht auf die falschen Fliesen treten. Nur die, die die Sonne geküsst hat, sonst keine. Ein Schritt, ein Sprung und immer weiter.</p>
<p>Die Erde wird schlammig um ihn herum. Mit einem Mal schwemmt es Dinge an die Oberfläche, die verborgen bleiben sollten. Karl springt über die letzten Fliesen wie eine Figur über ein Schachbrett, er hängt sich förmlich an die ihn rettende Wohnzimmertür. Hinter ihm bilden sich bodenwärts Totenmasken aus Schlamm.</p>
<p>Es ist wie jede Nacht: Karl geht buchstäblich über Leichen für seine kleine Schwester. Dass auch sie auf einem Gräberfeld liegt, weiß Karl nicht. Seine Eltern haben ihm ja nichts gesagt. Und Karl wäre sicherlich auch viel zu klein, das zu verstehen.</p>
<p>In der Stube sieht es aus wie in einem Aquarium. Das kommt von dem Efeu, das vor dem Fenster leuchtet. Ein Aquarium, in dem Bücher schwimmen.</p>
<p>Etwas platscht in der Heizung. Platsch, tropf. Platsch.</p>
<p>Karl weiß, das ist der Teufel. Das Platschen verändert seinen Rhythmus, wird schneller. Je schneller es ist, desto näher ist er. Wie die Eltern da drüben bloß schlafen können? So ruhig und unwissend darüber, dass sich die Welt nachts so verändert. So unbedacht im Angesicht der Dinge, die des nachts an ihnen geschehen.</p>
<p>Auf der Couch liegt Karls Fuchs. Den hat er gestern am Tage hier liegen lassen. Karl geht zu ihm, streicht ihm trostsuchend über das rostrote Fell, aber der Fuchs beginnt mit einer Stimme zu reden, die Karl nicht kennt, die ihm fremd vorkommt, und er sagt böse Dinge, Dinge, die Karl nicht versteht, Dinge, die seine Seele aufwühlen und bloß und verletzt und nackt liegen lassen wie eine von Wildschweinen zerwühlte Wiese.</p>
<p>Karl schluckt. Von der Decke blicken ihn die Stuckköpfe heimtückisch an. Sie wirken wie Gesichter aus Stein, deren Schattenfall sie leise lebendig macht.</p>
<p>Mit einem Mal schlägt die Standuhr. Dong. Dong Dong. Dong. Die Zeiger beginnen, sich auf dem Ziffernblatt wie wild zu drehen, so schnell, dass Karl sie kaum noch erkennen kann. Sie bilden eine rasende dunkle Scheibe, bis mit einem schrägen Ton und einem lauten Knall die Gewichte zu Boden fallen.</p>
<p>Etwas öffnet sich. Ein Ort, an dem einen ein entsetzliches Grauen packt. Ein Wesen, das keine Ahnung hat von Karls Anwesenheit. Es wirft die Tür hinter sich lärmend zu, läuft durch den Raum und verschwindet in der Mauer.</p>
<p>Karl zittert. Vögel flattern. Kreischende Krähen kreisen über Kreuzwegen. Irgendwo auf der Welt verliert ein Verrückter den Verstand. Ein unheimlicher Zauber gespenstert durch den Raum und träumt Düsteres.</p>
<p>Erschüttert erhebt sich Karl. Durchläuft den Raum. Hat große Angst. Würde sich am liebsten auf den Boden werfen und schlafen. Etwas anderes wahrträumen.</p>
<p>Seine Augen suchen die Tür zu Anastasias Zimmer. Hinter ihr liegt das erste Buch seiner kleinen Schwester. Das mit der schwarzen Katze vorne drauf. Die kann sogar quietschen, die Katze, denn das Buch ist aus Gummi. Man kann es sogar mit in die Badewanne nehmen, wenn man will. Die Katze ist die letzte, mit der seine kleine Schwester gesprochen hat. Sie weiß, was zu tun ist. Karl muss zu ihr. Die Katze ist Karls Orakel. Nur sie allein kennt die Wahrheit.</p>
<p>Da, ein Riss. Karl verstummt vor Furcht. Etwas Anwesendes überwältigt ihn, da donnert ein Poltergeist alle Bücher aus dem Regal, alle. Das Getöse und Geschmetter ist ohrenbetäubend. Als rutschte eine ganze Burg vom höchsten Berg der Welt. Hunderte, tausende Bücher fallen, regnen vor Karl hernieder, ihre dicken Einbände schlagen auf dem Boden auf, lassen die Welt erzittern. Und es hört nicht auf, vor Karl türmt sich ein Gipfel hoch wie eine Mauer. Donner und Blitz ergießen sich über Karl, und eine eisige Kälte kriecht in den Raum jahrhundertelang.</p>
<p>Über den Berg muss Karl. Zur Zimmertür. Aber er ist erschöpft und seine Kräfte schwinden. Er zieht die Nase hoch. Holt die Tränen zurück in seinen Kopf. Allein den Fuß, den Arm zu heben macht ihn schwer wie Beton. Karl muss hier weg. Er weiß, dass man sich mit einem bösen Ort verbindet, wenn man zu lange an ihm verweilt.</p>
<p>Karls Seele schwebt schon an der Schädeldecke, so gottverlassen und matt fühlt er sich. Er beginnt zu klettern, er will über den Berg. In das Kinderzimmer. Das Sonnenkind muss zum Sternenkind. So ist die Bestimmung. Karl erklimmt den Berg, er rutscht oft ab, nichts Festes ist unter seinen Füßen. Bücher rutschen lawinenartig, lassen ihn zurückfallen. Neben dem Berg äussert sich etwas Ausserweltliches. Ein Mann steht da und erzählt von Schlaf an Kreuzwegen und vor seiner Rede ist kein Entkommen. Karl weint. Er ist so müde. Er würde so gerne schlafen. Die Bücher lassen sich nicht mehr greifen, sie werden zu Pappe, sie biegen sich, Karl hat keinen Griff, keinen Halt mehr, er schwankt auf dem Bücherberg, als sei er ein Herbstsonnenstrahl auf stürmischer See. Von großen Veränderungen erzählt der Mann, von kosmischen Zeiten und kosmischen Zeichen. Karl ist schon ganz wirr im Kopf. Er spürt, dass das Vergessen nach ihm greift. Dass ihm entfällt, was er tun soll. Dass es einfach aus seinem Kopf herausfällt, auf die Bücher, und den Berg hinunterkullert. Der alte Mann saugt alle Kraft aus ihm heraus und alles Ziel. Mit jeder Träne vergiesst und vergisst Karl, was seine Aufgabe ist. Seltsame Stimmen surren und zirpen um ihn herum, und die Klage des alten Mannes ist ein lila Farbstrom im Flussbett.</p>
<p>Um sich zu trösten, beginnt Karl zu summen. Und zu singen über die knöchernen Körper hinweg: da wird es wieder still im Raum, nur Karls Lied tönt über allem, lullt das wirre Waldwesen ein und treibt seine grausigen Gedanken von Karl weg. Der alte Mann spricht nicht mehr. Karl erinnert sich daran, welches Buch ihm so wichtig war. Und wo es ist. Er rutscht den Bücherberg auf der anderen Seite hinab, stolpert, als er auf dem Boden aufkommt. Die Müdigkeit macht, dass ihm übel ist. Karl ist so erschöpft. Als seine Hände die Türklinke zu Anastasias Zimmer herunterdrücken, zittern sie, als wären es die Hände eines alten Mannes.</p>
<p>Aber in Anastasias Zimmer herrscht Frieden. Da steht das Gitterbett, und von draußen gleißt ein strahlendes Licht durch Steinkreise. Es wird die Toten wecken.</p>
<p>Karl geht zum Gitterbett. Hebt sich unter Aufbietung der letzten Kräfte über das Gatter und lässt sich fallen. Liegt in einem grünen Garten voller Blumen. Ein weißer Zaun umgibt ihn, nichts Böses wird jemals darüber hinwegsteigen können. In lilienweißes Holz hat seine kleine Schwester mit ihren Zähnchen Zeichen eingeritzt. An diesem Ort herrscht Frieden.</p>
<p>Hier liegt Karl zusammengekrümmt wie ein ungeborenes Kind. Er ruht wie auf Watte. Beinah fallen ihm die Augen zu, er kann sie kaum noch offen halten. Neben ihm im Gittergartenbett liegt das Gummibuch. Als Karl es in die Hand nimmt, quietscht es.</p>
<p>Da ist die schwarze Katze. Die muss er fragen. Nur sie weiß, wo seine kleine Schwester ist. Wo er sie noch suchen kann.</p>
<p>So wird es sein jede Nacht: Karl findet seine kleine Schwester Anastasia im Traum. Sie sitzt da im Schnee und braucht jemanden, der ihr eine Decke gibt und einen neuen Namen. Karl erwacht und sucht. Jede Nacht geht er den weiten Weg durch die elterliche Wohnung, steht Ängste und Furcht aus, begegnet großer Gefahr. Sucht seine kleine Schwester und findet nur eine stumme Katze.</p>
<p>So wird es sein jede Nacht, bis die tausend Sonnen alle sind und Anastasia wiederkommt.</p>
<p>Und so werden die Eltern Karl finden, wenn es hell wird: Karl liegt im Bett seiner kleinen Schwester. In seinen Händen hält er ihr Lieblingsbuch, das Buch mit der schwarzen Katze vorne drauf. Das erste Hell fließt in Anastasias Kinderzimmer, das nicht leer ist. Denn darin liegt ihr vier Jahre großer Bruder und träumt von ihr. Und neben ihm räkelt sich eine schwarze Katze im Licht von tausend kleinen Sonnen. Und sagt nichts.</p>
<p>© Morné Mirastelle, Brachet / Juni 2011</p>
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		<title>Der Panzerknacker</title>
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		<pubDate>Thu, 19 May 2011 17:59:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Scheitern]]></category>

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Oder: Die ein bisschen traurige Geschichte von Horst Flieger
Wir schreiben das Jahr 2011, und in diesem Jahr 2011 hockt eines späten Sommerabends, auf einem verlotterten Hof in einer Gegend, die so trostlos ist, dass sie nicht einmal eine Bezeichnung hat, im Niemandsland quasi, ein Mensch im Licht einer flackernden Funzel in seiner Küche und versucht, [...]]]></description>
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<p><span style="text-decoration: underline;"><strong>Oder: Die ein bisschen traurige Geschichte von Horst Flieger</strong></span></p>
<p>Wir schreiben das Jahr 2011, und in diesem Jahr 2011 hockt eines späten Sommerabends, auf einem verlotterten Hof in einer Gegend, die so trostlos ist, dass sie nicht einmal eine Bezeichnung hat, im Niemandsland quasi, ein Mensch im Licht einer flackernden Funzel in seiner Küche und versucht, einen ordentlichen Knoten in ein unterarmdickes Seil zu schlagen, mit dem er seinem Leben noch heute ein Ende zu bereiten gedenkt. Dieser Mensch, der gerade mit einer so ungewöhnlichen Tätigkeit zugange ist, trägt den ebenso ungewöhnlichen Namen Horst Flieger, und seine Geschichte soll hier erzählt werden.</p>
<p><span id="more-553"></span></p>
<p>Was ist geschehen, dass dieser Mensch sein Leben zu beenden trachtet? Nun, vielleicht hilft es, das Ende des Lebens von Horst Flieger, welches gleichzeitig auch das Ende dieser Geschichte ist, zu verstehen, wenn man sich daran erinnert, wo und wie alles begonnen hat. Warum sitzt Horst Flieger also da und wünscht sich selbst den Tod? Die Erklärung ist lang aber einleuchtend.</p>
<p>Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass Horsts elendiges Leben bei seiner Geburt seinen Anfang nahm. Mitten hinein in die Wirren des Zweiten Weltkrieges war Horst geboren worden, von denen verspürte man allerdings zur Zeit seiner Entbindung auf dem Hof nichts außer großer Erleichterung, weil der tyrannische Hofherr nun endlich außer Haus, weil an der Ostfront weilte, was weder seine Frau noch der polnische Zwangsarbeiter Pawel allzu sehr bedauerten, wenn man es recht bedenkt. Nachdem die Mutter nun die ihr lästige Leibesfrucht aus ihrem Bauche geworfen hatte, konnte sie sich vermehrt dem jungen Polen und dem Vergessen ihrer bäuerlichen Pflichten und Tätigkeiten widmen, was dazu führte, dass der Hof der Logik gemäß umso mehr verlotterte, umso häufiger sie sich mit dem Polen einem Lotterleben hingab.</p>
<p>Störte das Kleinkind bei der Verrichtung in dieser Gegend normalerweise der Ehe vorbehaltener Tätigkeiten, stellte sie die Ruhe mit einem in ein Leintuch gewickeltes, in Schnaps getränktes und mehr oder weniger liebevoll in das Mäulchen des plärrenden Kindes gepfropftes Stück Brot wieder her, und so kam Horst bereits im zarten Alter von ein, zwei Tagen in den Genuss diverser Alkoholika. Aber Horst bekam nicht nur seine tägliche Ration Fusel, sondern auch einen Namen, und diesen hatte Horsts Vater, der Kommandeur eines Panzerbataillons an der Ostfront war, per Ferndirektive aus der damaligen Sowjetunion übermittelt, und man möchte beinahe meinen, Horsts Vater hätte in der Namensfindungsphase unter einem etwas eigentümlichen Humor gelitten.</p>
<p>Als Horsts Vater denn endlich fiel, was seine Mutter gut fand, war auch bald der Krieg zu Ende, was seine Mutter dann schon nicht mehr so gut fand, weil der junge Pawel sie nun verließ und in seine Heimat zurückkehrte, während Horsts Mutter alleine, nur mit dem Kind eines Mannes, den sie nie geliebt hatte und über den man im Dorf nun herzog, weil er ein Hundertzehnprozentiger gewesen war, auf ihrer Scholle zurückblieb, was ihr ein derartiges Unglück tat, dass sie dazu überging, sich Horsts Schnapsbrotstücke selber in den Mund zu schieben, sobald das Kümmernis ihr zu arg wurde, und als das irgendwann nicht mehr reichte, ließ sie das Brot einfach weg. So kam es, dass die Witwe des Hundertzehnprozentigen im Laufe der Zeit auf andere Hochprozentigkeiten umgestiegen war.</p>
<p>Als Horst denn in das Alter kam, das einen Schulbesuch unausweichlich machte, kollidierte seine bisherige bauernhöfische Sicht auf diese Welt mit der dörfschen Realität, was konkret bedeutete, dass Horst dreierlei Dinge sein Leben betreffend zu begreifen genötigt wurde, erstens, dass sein Vater ein Nazi gewesen war, dessen durch den Tod begründete Abwesenheit man Horst als Makel ankreidete, zweitens, dass seine werte Frau Mutter als versoffene Polenhure dargestellt wurde, was argumentativ zu entkräften ein Ding der Unmöglichkeit darstellte, weil es der Wahrheit entsprach und drittens, dass Horst einen Namen trug, der ihn der Lächerlichkeit preisgab, was zu vergessen den Klassenkameraden durch den Lehrer verunmöglicht wurde, der sie alle jeden Morgen antreten und der Horst auf die in der Frühe gebellte Frage „Flieger, Horst?!“ stets mit einem schneidigen „Anwesend!“ antworten ließ.</p>
<p>Alles in allem nun waren die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start in ein an freundlichen Erfahrungen reiches Leben erdenklich schlecht, und so quälte Horst sich durch die gesetzlich vorgeschriebenen Schuljahre, während derer er mehrere Phantasien entwickelte, die den Alltag durchzustehen ihm helfen sollten. So träumte Horst vor allem in den ersten Schuljahren davon, beim morgendlichen von Lehrer Vogel durchgeführten Pseudoappell käme eine Handgranate durch das Fenster des Klassenzimmers geflogen, so dass er einmal, nur dieses eine Mal, darum herumkäme, sich seines Namens wegen auslachen zu lassen. Später phantasierte er von Soldaten, die seine Klassenkameraden erschössen, weil diese seine Mutter als Polenhure zu betiteln nicht aufhörten, aber der Tagtraum, den Horst am häufigsten aufrief, handelte von seinem Vater, den Horst ja nie kennen gelernt hatte, von dem er allerdings wusste, dass er groß und stark und bepanzert sein würde, und eines Tages würde er mit seinem Panzer auf dem Dorfplatz vorfahren und alle Kinder, die Horst bis dahin so gequält hatten, alle, die Steine nach ihm geworfen, ihn wahlweise Nazikind oder Kind einer Rassenschänderin – was einer gewissen Ironie nicht entbehrte – geschimpft, alle, die ihn auf dem Nachhauseweg seiner Mütze oder seines Ranzens beraubt hatten, mit seinem gewaltigen Panzer und einem noch gewaltigeren Grinsen im Gesicht überrollen würde, bevor er seinen lang vermissten, geliebten Sohn endlich in die Arme schlösse.</p>
<p>Sein Vater kam zwar nie wieder, aber der kleine Horst entwickelte dennoch unbekannterweise eine ungeheure emotionale Zuneigung zu ihm, gleichwohl sein Vorfahr ihm ja nichts hinterlassen hatte als einen Namen, der Teil und Anstoß seiner täglich durchlebten Qual war.</p>
<p>Und da Horst in seinem Leben nicht viel Edles und Heroisches fand, sondern sich umgeben sah von ohne Scham zur Schau gestellten menschlichen Schwächen, beschloss er unbewusst, seinen Vater zu Vorbild und Held zu stilisieren und bewusst, es ihm gleichzutun und zur Armee zu gehen, um glorreiche Taten zu vollbringen, oder aber, sollte dies misslingen, eines Tages selber auf dem Dorfplatz vor- und einige Menschen, die es verdient hatten, umzufahren.</p>
<p>So kam Horst zur Bundeswehr, oder besser gesagt, er kam nicht, er lief im Eilschritt und kratzte bereits vor der Zeit am Tor der Kaserne, denn er konnte es kaum erwarten, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Als mindestens ebenso erfreulich wie diese Aussicht erwies sich zu dieser Zeit, dass Horsts kleines, von Kindesbeinen an gepäppeltes und sich immer deutlicher abzeichnendes Alkoholproblem bei der Armee natürlich nicht weiter auffiel, und diese Zeit war es auch, in der er sich beinahe vorkam wie ein normaler Mensch, ja, zum ersten Male in seinem Leben überhaupt wie ein Mensch, und das selbst in einer uniformen und uniformierten Gemeinschaft, der die Entmenschlichung des Individuums über alles geht, was an sich schon traurig genug ist.</p>
<p>Leider war es genau die große, heroische, von Horst so liebevoll gepflegte Vision, die ihn schlussendlich stolpern ließ, und es war so oder so stets eine diffuse Ahnung Horsts gewesen, dass das alles hier viel zu schön sei, um wahr zu sein. Folgerichtig geschah es eines Tages, dass Horst mit stolzgeschwellter Brust und einer nicht unerheblichen Fahne, die allerdings nicht die Farben der Bundesrepublik Deutschlands, ja, die überhaupt keine Farben führte, sondern ebenso unsichtbar wie Unheil erregend aus seinem Munde flatterte, in seinem heiß geliebten Panzer saß, den er im Schritttempo über das Kasernengelände rollen ließ, immer dem Einweiser hinterher, der eine orange Warnweste anhatte, auf die in schöner Regelmäßigkeit das Licht der Panzerwarnblinkanlage fiel. Es hätte ein so wunderschöner, romantischer Moment sein können, wäre Horst nicht so betrunken und übermütig gewesen, und so kam alles, wie es kommen musste, und als der Einweiser zwischen Wand und Panzer stand und ihm per Handzeichen zu verstehen gab, wie er am Besten einparken könne, da überfiel Horst eine Art Tollkühnheit, und er dachte an seinen Vater, als er waghalsig rief, er brauche keinen Einweiser, er wisse genau, dass deutsche Panzer immer nach Osten müssten, deutsche Panzer immer nach Osten, und genau das setzte er dann auch um und ließ seinen Panzer gen Osten rollen, wo unglücklicherweise auch der Einweiser stand, den Horst mit seinem Panzer im Laufe der folgenden vierzigsekündigen Fahrt langsam aber gründlich zwischen Wand und Kriegsfahrzeug zerquetschte. Als Horst eine kleine Weile später aus dem Panzer stieg, um den herum sich des toten Einweisers wegen bereits ein buntes Gewühl und Gewimmel gebildet hatte, zeigte er sich der Aufregung und Betroffenheit der anwesenden Soldaten gegenüber vollends resistent und murmelte nur, er könne die ganze Unruhe nicht verstehen, ein bisschen Schwund sei eben immer, so habe man es ihm doch hier überhaupt erst beigebracht, und dann erbrach er sich dem präsenten Brigadegeneral vor die Füße. So endete Horsts Karriere bei der Armee noch vor seiner Beförderung zumObergefreiten, es war eine zugegebenermaßen kurze Zeit und die Tat, die er vollbracht hatte, war nicht ganz die Art glorreichen Männerwerkes, die Horst vor Augen gehabt hatte, als er der Armee beigetreten war.</p>
<p>Und so nahm man Horst Führerschein und Freiheit ab, und zwar in genau dieser Reihenfolge, zuerst entzog man ihm die militärische, dann auch die zivile Berechtigung, Kraftfahrzeuge zu führen und dann steckte man ihn in den Knast, wo er die paar Jahre wegen fahrlässiger Tötung absaß, die man ihm dafür aufgebrummt hatte.</p>
<p>Als Horst gewisse Zeit später das Gefängnis wieder verließ, erwartete ihn nichts als die ihm schon bekannte Dorfwelt, in die er sich auch prompt wieder begab, ebenso wie in seinen Alkoholabusus, den er in der Zeittotschlagzeit auf Eis hatte legen müssen. Und so zog Horst nicht hinaus in die weite Welt, wo er seiner Auffassung nach eventuell noch mehr Unheil angerichtet hätte, sondern zurück zu seiner Mutter, die den Hof und sich selbst mittlerweile erfolgreich heruntergewirtschaftet hatte.</p>
<p>In Ermangelung einer Arbeit, die diesen Namen auch verdient hätte, beschloss Horst, Hof und Mutter beim stetigen Verfall Gesellschaft zu leisten, und so tranken Horst und seine Mutter mehr oder minder fröhlich vor sich hin, bis Letztere schließlich eines Tages den Löffel abgab. Zu eben jener Zeit war es, dass Horst der Anwesenheit eines Nachbarn gewahr wurde, dieser hieß Götz Schneiderath und wohnte auf dem Hof nebenan. Dass Horst ihn erst in dieser Phase seines Lebens kennen lernte, hatte zum Grunde, dass Götz Schneiderath sich auf den Nachbarhof eingeheiratet hatte, was er Zeit seines Lebens bereuen sollte. Seine Frau galt dorfintern als ewig kabbelnde Keife, und sie konnte auch Horst nicht leiden, weil der jedes Mal, wenn er Götz traf, mit diesem ein Bier trinken musste, und sie trafen sich so fünf bis sechs Mal am Tag. Bei diesen „zufälligen“ Zusammentreffen saßen Götz und Horst dann stets im Schuppen oder auf der Bank davor und tranken und schwiegen, zumindest, bis Götz Horst mit seiner Leidenschaft für das Sammeln von Militaria ansteckte, denn ab da saßen Horst und Götz da und tranken und diskutierten, wenn sie nicht gerade, weil wieder Samstag war, mit Götz´ Auto auf dem Weg in die Flohmärkte der nächstgelegenen Stadt waren.</p>
<p>Da Horst nun im Besitz von Leidenschaft und Platz war, stapelten sich in seinen Wohnräumen bald die Stahlhelme, später kamen Orden hinzu, wobei Horst eine besondere Vorliebe für Eiserne Kreuze des Zweiten Weltkrieges hegte.</p>
<p>Als Götz eines schönen Tages denn an einer Leberzirrhose verendete, wie seine Frau es ihm tagein, tagaus, gepredigt hatte, fühlte Horst sich eines erheblichen Stückes Lebensqualität beraubt, denn man hatte ihm nicht nur die einzige Möglichkeit menschlichen Austauschs, sondern auch die Mitfahrgelegenheit zu den Flohmärkten genommen, und so verlegte er sich darauf, künftig allein weiterzutrinken, denn der Rausch, das wusste Horst, ist zwar keine Lösung, erleichtert aber ungemein das Warten auf eine Lösung (und ist damit Teil des Problems, was Horst allerdings gut zu verdrängen in der Lage war). Einen Zuwachs an Orden und Stahlhelmen konnte Horsts Sammelsurium innerhalb der nächsten Jahre also nicht verzeichnen, da Horst ja die Möglichkeit fehlte, zu den Quellen zu gelangen; ein Bus aus dem Dorf heraus fuhr nicht, das lohnte nicht, und den Führerschein hatte man ihm ja abgenommen. Also saß Horst jetzt jeden Abend vor dem Fernseher, in dem ein grauhaariger Geschichtenmensch namens Guido Klopp seine Märchen erzählte, was Horst aber nicht weiter aufregte, weil er zeitgleich damit beschäftigt war, Bausätze mit Hilfe von Sekundenkleber, der dem PVC wie auch den Fingern eine wunderschöne, feste Vereinigung zukommen ließ, zu kleinen Plastikpanzern umzuwandeln, die er dann auf einem Regal in der Küche ausstellte, bis das Regal zu klein wurde und schließlich im Laufe der Jahre den Ausgangspunkt einer sich im Haus verbreitenden Plastikpanzerpandemie geworden war.</p>
<p>Zusammenfassend lässt sich zu diesem Punkt also sagen, dass Horst in seinem bisherigen Leben zu genau zwei Zeitabschnitten so etwas ähnliches wie glücklich gewesen war, nämlich in der Zeit als Soldat, bevor er den Einweiser totgefahren hatte und auch, als das Schicksal ihm genehmigte, so etwas wie einen Gefährten und ein Hobby zu haben, hatte sich Horst irgendwie aufgeräumt gefühlt.</p>
<p>Aber nun war das alles ja weggefallen, und das Schicksal meinte, es sei an der Zeit, Horsts Leben ein Ende zu setzen und ihn glauben zu machen, dies sei seine Entscheidung gewesen, allerdings nicht, ohne ihn vorher zumindest ein Mal noch aus seiner trostlosen Guido-Klopperei und seinem Plastikpanzerwahn zu befreien. Das Ende kam in der Gestalt einer schwarzen Katze, von der Horst wusste, dass sie Götz gehört hatte, und von der er vermutete, dass sie bei ihm, Horst, Asyl suchte, was Horst gut verstehen konnte, denn wenn der Wind günstig, also, eigentlich ungünstig wehte, tönte das Gekeif des ehemalig Schneiderathschen Weibes bis zu seinem Hof herüber, und wer, fragte sich Horst, sollte das schon aushalten, also nahm er die Katze auf und taufte sie gedankenlos auf den Namen Erwin. Erwin strich über ein Jahr einfach nur auf Horsts Hof herum, ab und an, wenn Horst es nicht vergaß über seine kleinen grünen Schmuckstücke, gab er ihr etwas zu fressen, aber im Prinzip verband die beiden nichts außer ihrem gemeinsamen Wohnort. Das änderte sich jedoch eines Frühlings, als die Katze namens Erwin Horst etwas auf den Hof schleifte, das verdächtig nach einem Storch aussah. Horst fühlte sich jäh aus seiner Lethargie und seinem Trott gerissen ob dieses Wunders in Form eines toten, aus Afrika zurückgekehrten Vogels, er wusste ja nicht, dass Erwin keinesfalls der Grund für den Tod des Storches gewesen war, sondern eine Windschutzscheibe, und so beschloss Horst, dieses Kuriosums wegen der Katze Erwin, die sich in seinen Augen ihres Namens als würdig erwiesen und gezeigt hatte, dass sie ein echter Rommel war, in würdiger Zeremonie im abendlichen Fackelschein auf seinem Hof einen Orden zu verleihen.</p>
<p>Folgerichtig geschah es, dass Horst und Erwin im feuerscheinerleuchteten Sommerabend standen, Horst betrunken, Erwin eher verwirrt, und nachdem Horst seine Ansprache gehalten hatte, in der viel von Ehre und Tapferkeit die Rede gewesen war, legte er Erwin ein Halsband um, an dem Horsts schönster und wertvollster Besitz hing: das Eiserne Kreuz mit Eichenlaub, welches er auf einem Flohmarkt einst erstanden und seitdem gehütet hatte wie seinen Augapfel.</p>
<p>Tränen standen in selbigen, so gerührt war Horst, und als er die Katze da so sitzen sah, das Köpfchen des Gewichts um den Nacken wegen ein wenig gebeugt, als verneige sie sich vor ihm und dieser Zeremonie, und als er das Eiserne Kreuz blitzen sah im Fackelschein und die Stille der Nacht nur vom Prasseln der Flammen untermalt wurde, da war er so ergriffen, dass er entschied, nun erst einmal ein Bier zu benötigen, und so ging er hinein in die Küche und nahm sich aus dem mit eiskaltem Wasser gefüllten Spülbecken eine Flasche Bier. Währenddessen hatte auch die Katze Erwin, nun stolzer und würdiger, nun ja, aber immerhin irgendwie Träger des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub, Durst bekommen, weil der Rauch der billigen selbstgebauten Fackeln ihr ständig ins Näschen geweht war, und so ging sie zum Gartenteich und trank ein Mal ausgiebig und dann nie wieder, denn das Eiserne Kreuz war nicht nur Horsts exquisitester Besitz gewesen, sondern auch fähig, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, und so fiel sie konsequenterweise kopfüber in den Gartenteich und Horst war, aus dem Wohnhause tretend, gerade noch in der Lage, ihr letztes Miau in Form von Bläschen an der Wasseroberfläche zu sehen.</p>
<p>Horst hatte, wie man erkennen konnte, so einiges mitgemacht in seinem Leben, aber dies hier, beschloss er, sollte den Schlusspunkt darstellen, denn tiefer, befand er, könne und wolle er nicht sinken, und so kam er mit sich überein, sich aufzuhängen, denn wer schon „Horst Flieger“ heißt, der will ja mindestens ein Mal in seinem Leben hoch hinaus, und sollte es auch das letzte Mal sein und nichts als den Scheunenbalken zum Ziele haben.</p>
<p>Und genau deswegen sitzt Horst Flieger jetzt in seiner Küche und strengt sich an, den richtigen Knoten zu knüpfen, und man weiß nicht genau, was war der Grund, was war der Anlass, war es die Katze oder das Eiserne Kreuz, war es das verpfuschte Leben in seiner Gesamt- und Gemeinheit, man weiß so vieles nicht, vielleicht gerade, dass es möglicher- und tröstlicherweise schlimmere Leben gibt und gegeben hat als die von Horst, vermutlich sogar Leben, die noch furchtbarer geendet hatten als das seine es denn so in eventuell einer Viertelstunde tun würde, und so kommt man nicht umhin, Horst Flieger zu bedauern, zumindest, ein wenig Mitgefühl zu zeigen und Horst Erfolg bei seinem zeitnah auszuführenden Unternehmen zu wünschen, in der Hoffnung, dass er das nicht auch noch vermasselt.</p>
<p>© Morné Mirastelle, Wonnemond Mai 2011</p>
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		<title>Kasernenkatze  &#8211; Oder: Milli und der Offizier – eine Liebesgeschichte der etwas anderen Art</title>
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		<pubDate>Sun, 08 May 2011 13:38:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schemenhaftes]]></category>

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Gestatten: Ich bin die Kasernenkatze.
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<p>_</p>
<p>Gestatten: Ich bin die Kasernenkatze.</p>
<p>Nun, eigentlich bin ich hier die Kasernenkommandantin, aber das wissen die, die in meinem Revier rumstreunen, fünf Mal am Tag ihren Anzug wechseln und planlos über das Gelände hetzen, scheinbar nicht, weil ihnen das keiner gesagt hat, und sie wissen nur das, was man ihnen sagt und sie tun auch nur das, was man ihnen sagt. Damit, ihnen zu erzählen, wer hier <em>wirklich </em>das Sagen hat, verschwende ich allerdings nicht meine Zeit. So lange sie meine Vorhaben nicht durchkreuzen, dürfen sie gern hier zu Gast sein, in meiner Kaserne. Wir kommen uns nur selten in die Quere, denn für die wirklich wesentlichen Dinge haben sie kein Verständnis und wohl auch keine Zeit: sie haben damit zu tun, in Rudeln umherzulaufen, sich gegenseitig mit wirrem Zeug zu beschwatzen – im günstigsten Fall, im ungünstigsten Fall schreien sie einander an, was meinen feinen Katzenohren gar nicht gut tut – und der Prüfungen wegen nach Angst zu riechen, bevor sie sich gegenseitig beweihräuchern und sich mit ernstem Gesichtsausdruck Blechgebamsel an ihre grauen Uniformen hängen.</p>
<p><span id="more-545"></span></p>
<p>Alle halben Jahre kommt hier ein neuer Schwung lauter Menschen, und in meinem großen, großen Revier, an dessen Eingang sie mit metallenen Lettern „Offizierschule des Heeres“ geschrieben haben, sollen sie lernen, mit ernster Miene Kopfbedeckungen zu tragen, unter denen es fürchterlich jucken muss und die sie der Lächerlichkeit preisgeben, vor allem aber sollen sie lernen, Wesen der eigenen Art umzubringen, wenn sie ein anderes Fell anhaben als sie selber. (Wie sie das zu tun gedenken? Nun, ich vermute, sie verwirren ihre Feinde zuerst, indem sie mit losen Papierfetzen in der Luft herumfuchteln, um sie dann im Augenblick der Schockstarre mit einem oder mehreren der Aktenordner zu erschlagen, die sie hier ständig hin- und herschleppen, das ist, wenn ich das mal so sagen darf, eine ungewöhnliche, aber vielleicht nicht mal die schlechteste Taktik. Es könnte auch sein, dass sie ihre Gegner mit dem Ausfüllen von tausenderlei bunten Formularen, Durchdrucken, Scheinchen und Genehmigungen einfach mürbe machen, bis diese von selber aufgeben. Das zumindest proben sie hier mehrmals am Tag in den eigenen Reihen.)</p>
<p>Apropros Fell: Das meine ist schwarz. Wer hier ein schwarzes Fell hat, was eigentlich nur auf mich selber zutrifft, hat weitreichende Kompetenzen und darf die Kaserne verlassen oder betreten wie er lustig ist. Zumindest mich lassen die Wachen zu allen Zeiten und Unzeiten durch das Tor, über die Mauern und durch die Gitter, und noch nie wurde ich wegen der Sache, die sie hier Zapfenstreich nennen, angeschnauzt, aber das mag eventuell auch damit zu tun haben, dass sie mich gar nicht erst sehen. (Vielleicht steht aber auch irgendwo auf irgendeinem wichtigen Papierchen, dass schwarzes Fell die wandelnde Genehmigung für alles ist.) Nur meine weißen Pfötchen könnten mich verraten in der Nacht, denn ich sehe ein bisschen so aus, als wäre ich in einem Mehlhaufen herumgetapst. Das mache ich auch, nicht allzu oft, aber es kommt vor, denn in der Truppenküche gibt es genug Mehl, und auch ein paar Mäuse, die der Truppenkoch sehr lieb hat, denn er schließt die Mäuse immer ein, damit sie nicht abhauen können, er setzt er sie quasi auf Freiheitsentzug, was vollkommen sinnlos ist, denn warum sollten Mäuse aus einer gut bestückten, warmen Vorratskammer zu fliehen versuchen? Menschen sind seltsame Wesen, und diese Männer hier, die sind noch ein bisschen seltsamer, laut, stocksteif und mit ebenso putzigen wie sinnlosen Dingen beschäftigt. Männer im Allgemeinen, vor allem aber diese Männer hier, sind sozusagen die Hunde unter den Menschen, sie wollen beschäftigt werden, aber dass <em>ich</em> mich mit ihnen beschäftige, kann nun wirklich niemand verlangen, denn ich verschwende nicht gern meine Energie an Effektivlosigkeiten. <em>Ich </em>lebe lieber lösungsorientiert.</p>
<p>Also habe ich schon vor langer Zeit ein heimliches Friedensabkommen mit ihnen geschlossen, nun ja, nennen wir es lieber „friedliche Koexistenz“, was ich da ausgerufen habe. Ich ignoriere sie und sie ignorieren mich, und so hätten wir eigentlich jeder für sich ein lustiges Leben – wenn General Troll nicht wäre. General Troll ist von allen Hundemenschen hier der lauteste und unberechenbarste, was daran liegt, dass er im Prinzip machen kann, was er will. Und er will gerne hier in der Kaserne sein: deswegen bleibt er einfach immer da, wenn wieder ein Offizierslehrgang nach einem halben Jahr die grünen Säcke packt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. (In die grünen Säcke werfen die Menschen hier ihre Besitztümer. In die gelben Säcke werfen sie hingegen die Besitztümer, derer sie nicht mehr bedürfen. Manchmal riechen die grünen Säcke allerdings so ähnlich wie die gelben, vor allem an Freitagen, wenn sie voller benutzter Felle sind.)</p>
<p>Eigentlich sagen die Soldaten hier immer, wenn sie mit Papierchen in der Luft wedeln: „Wer schreibt, der bleibt.“ Auf General Troll trifft das nicht zu. General Troll schreit – und bleibt. (Warum der General dauernd schreit, hat sich mir erst vor kurzem erschlossen. Die Hundemenschen haben ihn nämlich zum Hundemenschenrudelführer ernannt, obwohl er nicht richtig riechen kann. Seine Nase ist ständig verstopft, und ab und an spuckt er grüne Rotzklumpen aus. Da er nicht in der Lage ist, mögliche Feinde zu erschnuppern, versucht er, eventuell im Gebüsch lauernde Gegner mit seinem Gebrüll einzuschüchtern und so zu vertreiben, und da man nie weiß, wann ein Angriff erfolgt, geht General Troll auf Nummer sicher und schreit einfach ständig. Manchmal kippt dabei seine Stimme, das nennen sie hier „natürliche Autorität“. Dass General Troll nicht richtig riechen kann, tut mir wirklich Leid für ihn, denn er hat eine Frau, die sehr gut riecht. Er bringt sie am Ende des Lehrgangs immer zum Abschlussball mit, wo sie dann neben ihm am Tisch sitzt, versucht, den Reden, die er schwingt, zu folgen und nach Keksen duftet. Sie besitzt nämlich eine Keksfabrik, aber General Troll scheint das bisher entgangen zu sein. Vielleicht ist sie auch nur noch nicht dazu gekommen, ihm davon zu erzählen, weil er ständig selber redet und redet, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie ihm eines Tages mit ihren Keksen den Mund stopfen wird.)</p>
<p>Die Hundemenschen tun sich schwer damit, zu begreifen, dass die einzig richtige Art, mit dem Troll umzugehen, ist, ihn zu ignorieren. Stattdessen werden sie unsicher und stocksteif, wenn er auch nur in ihre Nähe kommt, und lassen sich anbellen. Mich bellt dieser ordinär laute Mensch auch an, wenn ich mal wieder  an meinem Lieblingsplätzchen auf der Birkenwiese zwischen Truppenküche und Offizierheim liege, aber davon lasse ich mich nicht stören. Mehr als einen verächtlichen Blick war mir der kleine, zappelige Mann mit den Fellresten auf dem Schädel noch nie wert, und wer wird sich schon stören lassen, wenn einem die liebe gute Sonne den Pelz wärmt und man sich gerade mit Mäusen den Magen vollgeschlagen hat. Aber wie gesagt: für die wirklich wichtigen Dinge haben diese Kreaturen so oder so keinen Sinn.</p>
<p>In diesem Frühjahr ist also ein neues Rudel Hundemenschen hier eingetroffen. Wenn sie dann hier sind, bekommen sie einen neuen Vornamen: „Oberfähnrich“. Den Nachnamen dürfen sie behalten, er steht auf den Namensschildchen, die sie tragen, damit man sie noch unterscheiden kann, obwohl sie alle gleich aussehen. Weil das dem General aber zu mühsam ist, alle einzeln mit ihrem neuen Vornamen und dem alten Nachnamen anzubellen, hat er sein Rudel einfach „soundsovielter Fachoffizierlehrgang Graf von Schlechtenfelden“ genannt, und wenn er das bellt, weiß man, dass alle gemeint sind. Der Graf von Schlechtenfelden war ein Mensch, von dem die Hundemenschen hier erfahren, dass er in irgendeinem Krieg mal versucht hat, einen Menschen umzubringen, der genauso viel rumgeschrien hat wie General Troll. Das muss zu einer Zeit gewesen sein, in der man Menschen, die Riechprobleme hatten, noch nicht als Führer akzeptiert hat, selbst wenn sie versuchten, ihr Geheimnis zu vertuschen, indem sie sich eine mächtige Rotzbremse wachsen ließen. Weil der Rotzbremsenschreier also schlecht roch, wollte Schlechtenfelden ihn umbringen, hat es aber nicht geschafft, und nun schaut er selber übel gelaunt von den hier hängenden Plakaten, wozu er allen Grund hat, weil er nämlich tot ist.</p>
<p>Und genau dieser Lehrgang war es, in dem ich doch tatsächlich jemand Besonderen entdeckte.</p>
<p>Es war an einem Montag, und ich hockte unter dem Rosenbusch am Offizierheim und beschäftigte mich damit, eine lästige Zecke aus meinem Fell zu kratzen, was mir aber nur bedingt gelang, weil die Köpfe immer stecken bleiben in der Haut und es fürchterlich unangenehm ist, sie rauswachsen zu lassen. Ich pulte also mit Krallen und Zähnen an mir herum – sie steckte im Bauchfell -, als die Offizieranwärter sich zu ihrer Sherryrunde im Offizierheim trafen. (Im Offizierheim treffen sich die Offizieranwärter, die niemand mehr haben will. Dort warten sie darauf, dass jemand kommt, der sie aus dem Heim holt, aber es kommt nie jemand. Das macht sie dann immer so furchtbar traurig, dass sie ganz viel Sherry trinken müssen und sich gegenseitig unter etwas, dass sie „Schweigerose“ nennen, von all den Fürchterlichkeiten, die sie hier erleben und denen sie ausgesetzt sind, erzählen. Was man unter der Schweigerose sagt, das muss geheim bleiben, und das ist auch besser so, denn hier lästern immer alle über General Troll und über die Papierchen, was sie anderswo nicht dürfen, aber hier wiederum darf ja keiner petzen. Hier waschen sie mal so richtig ihr Gemüt, und wenn sie dann wieder verschwinden, sind sie aufgekratzt und fröhlich und alles geht wieder seinen torkelnden Gang. Die Schweigerose ist also ein wichtiges Instrument der Truppenseelenhygiene und soll verhindern, dass jemand mal unaufgefordert zurückbellt, wenn General Troll Laut gibt.)</p>
<p>Da saßen sie nun und hatten vergessen, die Tür zuzumachen, so dass ich ihren ruppigen Reden zu lauschen nicht umhin kam. Das geschah nicht zum ersten Mal, und ich kannte ihre Vorträge bereits, sie waren stets nach dem gleichen Schema aufgebaut: Zuerst zogen sie über General Troll her, dann über die Papierchen, die Lage der Nation und schließlich bewerteten einige von ihnen die Brüste der Frauen, die sich hierher verirrt hatten. Das taten aber meist nur die Kameraden, die sich das leisten konnten, weil sie selber eine viel schönere Oberweite hatten als die Kameradinnen in der Kaserne, und ich finde, wer eine schöne Brust hat, für die er nicht mal einen Büstenhalter braucht, weil sie vom Bauch gehalten wird, kann sich das auch leisten. Waren sie dann so weit, dass sie nicht einmal mehr geradeaus atmen konnten, hielten sie auch Referate über nichtanwesende Truppenteile, und dabei fiel dann oft das Wort „Weichei“. Dazu muss man wissen, dass kasernierten Menschen bei ihrem Eintritt in diese uniformierte Welt nicht nur der Vorname abgenommen wird, sondern auch das Gefühl, und ein Held ist hier nicht der, der nicht zu seinen Gefühlen steht, sondern der, der so tut, als habe er erst gar keine Gefühle, zu denen er nicht stehen könnte. Das ist natürlich ein Täuschungsmanöver, denn Gefühle haben sie hier alle, sonst röchen sie ja nicht ständig nach Unsicherheit, Angst, Langeweile und Frust und sind froh, dass General Troll das wegen seiner kleinen Behinderung nicht erschnuppern kann.</p>
<p>Heute plauderten sie über ein graues Wesen namens „Oberfähnrich Ehern“, dem eine ausgereifte Weicheiigkeit und Zugeknöpftheit attestiert wurde, bevor alle noch einmal auf die Kameraden tranken, die das alles bereits hinter sich hatten, und ich hörte ihnen nur mit halbem Ohr zu, weil ich mit anderem Ungeziefer beschäftigt war, als zwei schwarze, glänzende Schuhe am Rosenbusch auftauchten. Ich hielt inne und schnupperte.</p>
<p>Das musste er sein. Und es stimmte. Sie hatten Recht. Er roch ganz anders als die anderen. Dieses Exemplar hier roch nach Heimweh.</p>
<p>Ich wagte mich mit meinem Köpfchen gerade so weit unterm dem Busch hervor, dass ich ihm nachblicken konnte, als er langsamen Schrittes am Offizierheim vorüberging. Er trat nicht ein, scheinbar glaubte er selber nicht daran, dass ihn jemand da wieder rausholen und adoptieren oder in Pflege nehmen würde. Wie er da so lief, langsam und so verdammt verträumt, dass man schon fürchten musste, er könne stolpern und sich weh tun, konnte ich es gar nicht fassen. Einen Menschen, der so in sich selbst versunken war, hatte ich hier noch nie gesehen. Wusste er denn nicht, dass man hier immer wachsam sein musste? Was würde geschehen, wenn die Feinde mit Blumen auf dem Kopf und Ästen in den Händen plötzlich aus dem Gebüsch sprängen – und weit und breit kein General Troll in der Nähe, der sie mit seinem Geschrei verjagte? Das wäre schlecht für diesen Menschen. Andererseits wäre auch General Trolls Anwesenheit schlecht für diesen Menschen, denn waren keine Feinde in der Nähe, eröffnete Troll gerne seine „friendly Schreier“ und lenkte seine verbalen Attacken auf die eigenen Untergebenen um.</p>
<p>Da schlich er nun zur Unterkunft, der ernsteste und abwesendste Mensch, den ich in dieser Kaserne jemals gesehen habe. Er tat mir Leid. Jemand musste auf ihn aufpassen.</p>
<p>Ich beschloss, ihn unter Beobachtung zu setzen.</p>
<p>Wie sich in den nächsten Tagen herausstellen sollte, war das Skurrile an Oberfähnrich Ehern, dass er gar nicht bemerkte, dass er beobachtet wurde, weil er selber beobachtete, wenn er nicht gerade da saß und träumte und die inneren Gardinen zugezogen hatte. Um ihn herum existierte eine Aura der Friedlichkeit und der Stille, die mich ungemein faszinierte. Er war oft allein, scheinbar gehörte er doch irgendwie nicht zum Rudel. Als ich am Donnerstag durch die Glasfenster des Unterrichtsgebäudes schielte, sah ich ihn in der letzten Stuhlreihe sitzen und auf grüne Papierchen starren, und als der Unterricht vorbei war, blieb er einfach sitzen und starrte weiter.</p>
<p>Der Mensch Ehern gefiel mir ungemein.</p>
<p>Als ich am Donnerstag Abend den Tanzkurs hinter den Glasscheiben beobachtete, machte ich die Entdeckung, dass er von allen der Beste war. Im Tanzkurs lernen die Offizieranwärter, sich nicht zu trauen und schwitzige Hände zu bekommen, wenn sie Frauen anfassen müssen, deren Schicksal es ist, sich auf die Füße treten zu lassen. Sind diese Frauen da, kommt es darauf an, möglichst ungelenke Bewegungen auszuführen und auf ihnen herumzutrampeln, während man gleichzeitig versucht, ihre Hüften und Hintern zu begrapschen und sie zum Stolpern zu bringen. Danach sitzt man beisammen und tauscht sich über die körperlichen Vorzüge der Damen aus, während man damit prahlt, welche davon man heute en detail zu fassen bekommen hat. Ehern hatte das gar nicht nötig, in dieser Disziplin bestach er durch seine Eigenschaft, mehr Mann der Taten als der Worte zu sein. Hatte er wieder eine der ihm zugeteilten Weibspersonen dazu gebracht, sich still und heimlich Tränen des Schmerzes aus den Augenwinkeln zu wischen, bekam er, bescheiden, wie er war, nur einen roten Kopf und beließ es dabei. Ehern hatte es nicht nötig, damit anzugeben, dass er im ganzen Tanzkurs einfach der Beste war. Selbst der Tanzlehrer, über den die Offizieranwärter hintenrum stets erzählten, dass er hintenrum sei, kam zu dieser Erkenntnis. Als er bemerkte, dass die blonde Frau an Eherns Seite erfolgreich niedergetanzt und besiegt worden war und sich weinend die Schuhe von den schmerzenden Füßen zog, ging er dazwischen, beglückwünschte ihn und stellte ihn für den Rest des Abends frei und in eine Ecke. Ich muss gestehen, dass ich einem Menschen, der als Pomadenluigi in spitzen Schnallenschuhen und silbernen Glitzeranzügen durch die Gegend läuft, weswegen ihn hier alle „the gay Garry Glitter“ nennen, so viel Beobachtungsgabe gar nicht zugetraut hatte, aber wir sind ja im Endeffekt alle nur Opfer unserer eigenen Vorurteile.</p>
<p>Da stand Ehern nun in der Ecke, als sein Blick durch die Glasscheibe fiel und mich traf. Wieder tat Ehern etwas, das die anderen nicht taten: er bemerkte mich, und da er bemerkte, dass auch ich bemerkte, dass er mich bemerkte, schenkte er mir ein Lächeln. Es sah ein bisschen gequält aus, was wohl daher kam, dass er beim Frauentreten nicht mehr mitmachen durfte. Ein bisschen gemein war das schon, ihm etwas zu untersagen, worin er gut war, andererseits hebt es eben nicht unbedingt die Truppenmoral, wenn einer im Rudel mit so glänzenden Leistungen heraussticht, weil alle anderen sich dann minderwertig vorkommen könnten.</p>
<p>Nun wusste er also, dass es mich gab. Ich ließ es dabei bewenden und beschloss, auch etwas zu tun, worin ich gut war, nämlich den Truppenkoch zu ärgern und ihm eine seiner geliebten und behüteten Mäuse zu stehlen.</p>
<p>Für den darauffolgenden Dienstag hatte ich mir vorgenommen, Ehern vom Taktikseminar abzuholen, in dem die Hundemenschen lernen, welche Aktenordner sich am besten für den Feindbeschuss eignen. An der Ecke des Kreuzweges wartete ich auf ihn, und da mein Beobachtungsposten optimale Bedingungen bot, konnte ich erkennen, wie sich die Unterrichtsgruppe vor dem Gebäude auflöste. Heute hatte Ehern General Troll gezeigt, wie man verhindert, dass die Truppe einschläft, wenn man redet, und es war ihm aussergewöhnlich gut gelungen: als er an der Tafel stand und hochroten Kopfes vor sich hin stotterte, hatten sich die Hundemenschenhäupter gehoben. In ihren Gesichtern war Verwirrung zu lesen, aber sie blieben immerhin die ganze Unterrichtsstunde wach. Die Spannung war beinahe mit Pfoten zu greifen gewesen. Neidischen Blickes hatte General Troll auf seinem Stuhl in der Ecke gesessen und immer wieder den Kopf darüber geschüttelt, dass er selber nicht auf diese Idee gekommen war. Hätte er früher gewusst, dass diese Methode Erfolg zeigte, so hätte er sich nicht all die Jahre lang mit vor ihm sich hinflezenden Hundemenschen zu tun gehabt, deren Füße genauso eingeschlafen waren wie ihr Geist.</p>
<p>Als sich die Gruppe vor dem Gebäude auflöste, blieben nur General Troll und Oberfähnrich Ehern zurück. „Oberfähnrich Ehern, Sie müssen das Maul aufmachen!“, hörte ich General Troll brüllen, „Auf dem Papier klappt das alles, da können Sie´s doch auch! Was war das denn für eine Vorstellung! Mensch, reißen Sie sich mal zusammen! Bauch rein, Brust raus! Und nehmense die Schultern zurück, Herjottnochma!“</p>
<p>Ich fand, der einzige, der hier was zurücknehmen sollte, war General Troll selbst. Manche Menschen sind einfach schlechte Verlierer.</p>
<p>Ehern entdeckte meine Anwesenheit erst, als ich bereits eine Weile neben ihm hergelaufen war, jedoch schien er darüber keineswegs verblüfft. Er hockte sich nieder und begann, mich mit seiner warmen Stimme zu locken: „Na komm doch mal her, du kleine Eckensteherin, du hast wohl auf mich gewartet?“, murmelte er. Ein kluger Mensch musste der Ehern sein, wenn er das sofort begriffen hatte, aber eine Eckensteherin war ich nun wirklich nicht. Wer von uns beiden der Eckensteher war, hatte ich ja in der Tanzstunde gesehen! Hoffend, dass Ehern den Unterschied zwischen mir und den Frauen, auf denen er so formvollendet herumtrampelte, kannte, kam ich schließlich näher und gestattete ihm, mein Köpfchen zu streicheln, dass ich ihm vertrauensvoll in die Hände schmiegte. Auf seiner Oberlippe glänzte noch immer der Angstschweiß, der ihm aus Trollgründen ausgebrochen war, aber jetzt schien er mit seinen Gedanken ganz bei mir zu sein, und so begleitete ich ihn ein Stück zu seiner Unterkunft, während er die ganze Zeit auf mich einsprach. „Ich bin Hagen, und wer bist du, kleines Fräulein?“, fragte er, aber ich konnte ihm gerade nicht antworten, weil ich damit beschäftigt war, um seine Beine zu streunen und zu schnurren. „Na, wenn du hier in der Kaserne wohnst, heißt du wohl Milli, was?“, lachte Ehern und fing an zu singen: „Aus dem stille Raume, aus der Erde Grund, hebt sich wie im Traume dein verliebter Mund &#8211; wenn sich die späten Nebel drehen, werd´ ich bei der Laterne stehen, wie einst Lilli Marleen!“ Fröhlich pfeifend marschierte Ehern in die Unterkunft, und als er wieder heraustrat, legte er mir ein Stück Wurst vor die Pfötchen. Die Wurst war von der Sorte, die man eigentlich nur Hundemenschen andrehen kann, weil die eh wahllos alles in sich hineinstopfen, was die Truppenküche ihnen ausgibt, sie war viel zu fett und aus etwas gemacht, das ich nicht wirklich kennen wollte, aber ich fühlte mich derart geschmeichelt, weil Hagen Ehern mir einen Namen gegeben hatte, dass ich sie ihm zuliebe aufaß. Bei mir war sein kleines Geheimnis sicher. Niemals würde ich irgendwem, und schon gar nicht General Troll, verraten, dass Oberfähnrich Ehern seinen Vornamen gar nicht abgegeben, sondern heimlich behalten hatte, als er die Kaserne betrat.</p>
<p>Von da an trafen wir einander oft, und mir gefiel, wie Oberfähnrich Ehern mit mir sprach und mich streichelte, aber was wirklich zu nerven begann, waren die Wurststückchen, die er seitdem ständig in der Hosentasche mit sich herumtrug, um sie bei der nächstbesten Gelegenheit hervorzuzaubern und mir zu kredenzen. Manchmal erbrach ich mich nach unseren konspirativen Treffen willkürlich und heimlich, weil die Wurst so fett war und wirklich übel schmeckte, aber ich brachte es einfach nicht fertig, meinem neuen Bekannten diesen Wunsch abzuschlagen, denn ich sah, wie glücklich es ihn machte, wenn ich vor ihm saß und versuchte, den Brocken herunterzuwürgen.</p>
<p>Bei unseren Scharmützeln waren wir stets allein, niemals bekam uns jemand anders zu Gesicht. Ich passte ihn ab, wenn der Unterricht vorbei war oder wartete einfach in der Nähe der Unterkunft auf ihn. Manchmal liefen wir nur gemeinsam ein Stück des Weges, bevor wir uns trennten, dann wieder setzte er sich zu mir, redete und sah mir dabei zu, wie ich ihm zuliebe auf dem unaussprechlichen Wurstungetüm herumkaute. Ehern war ein ganz, ganz Lieber, und nie wäre er auf die Idee gekommen, mich respektlos einfach so hochzuheben oder festzuhalten. Nur manchmal stellte er sich ein bisschen dämlich, nämlich, wenn er Sachen sagte wie: „Naja, Milli, du wartest bestimmt auch nur wegen der Wurst auf mich, was?“ Sag ich doch: Menschen sind allein noch fähig, ihre eigenen niederen Instinkte auf andere Geschöpfe zu projizieren. Aber auch ein Oberfähnrich Ehern kann eben nicht ganz heraus aus seinem Hundemenschenfell.</p>
<p>Immerhin entdeckte er den eingewachsenen Zeckenkopf an meinem Bauch und drehte ihn kurzerhand heraus, wofür ich ihm wirklich dankbar war.</p>
<p>Wochen vergingen, und noch immer zuckte Offizieranwärter Ehern zusammen, wenn General Troll brüllend seine aktuelle Tagesstimmung und den dazu passenden Befehl kund tat. Missmutig musste ich zur Kenntnis nehmen, dass Ehern jedes Mal, wenn das schreiende Männchen auftauchte, mit plötzlichen Schweißausbrüchen und Stotterstimme geschlagen war und immer kleiner wurde, bis er in seinem Dienstanzug fast verschwand. Ich konnte es nicht begreifen. Wieso ignorierte er Troll nicht einfach? Es war mir vollkommen unverständlich, wie jemand vor einem Hundemenschen, der nicht mal richtig riechen konnte, eine derartige Angst zur Schau stellen musste. Eines Tages, als General Troll auf dem Appellplatz meinem Hagen lautstark erklärte, wenn Knöpfe an der Uniformjacke offen seien, dann doch bitte die unten, niemals die oben, offen immer nur unten, und wo überhaupt die kurzen schwarzen Haare an Eherns Jacke herkämen, von seiner neuen Freundin wohl, was?, hahaha, &#8211; wenn er nur wüsste, wie recht er damit hatte! -, beschloss ich, General Trolls Schreckensherrschaft zu beenden und ihm einen ordentlichen Stüber auf seine funktionsuntüchtige Nase zu geben.</p>
<p>Das Ende des Lehrgangs nahte, und die Zeit des Abschlussballs stand an. An diesem Abend war ganz komisches Kino in der Kaserne, die Offizieranwärter bewegten sich noch steifer als sonst, auch General Troll war schon steif, lange vor seiner Zeit, aber das lag weder am Anzug noch am Anlass. Manche Hundemenschen hatten Frauen aus dem Tanzkurs mitgebracht, nämlich die, die wegen ihrer hohen Hacken nicht schnell genug hatten fliehen können, andere Hundemenschen wiederum hatten ihre eigenen Frauen zum Treten mitgebracht, und gemeinsam lächelten sie sich alle dümmlich durch den Abend und wurden nicht müde, einander zu versichern, dass es ja so gar nicht langweilig sei und wie wunderschön überhaupt, dass man einander mal wieder- oder überhaupt mal sehe. Auch die gut duftende Keksfrau war wieder da, und diesmal hatte sie einen wunderschönen Glitzerpo, auf den General Troll an diesem Abend mehrmals mit der flachen Hand zielte, den er aber wegen unvorhersehbarer Schwankungen und spontaner Richtungswechsel stets verfehlte, was seine Stimmung allerdings kein bisschen trübte. An langen Tischen saßen sie und dinierten, und nur manchmal kamen sie trüppchenweise heraus um zu Rauchen und dabei Dampf abzulassen. Während sie aßen und einander den Nachtisch neideten – manche von ihnen waren so klug gewesen, am Buffett gleich zwei Stück einzuheimsen, zu ihnen gehörte auch Hagen, der kluge Junge – tarnten sie erfolgreich ihre Unlust und täuschten Interesse vor, als Oberst Dreibein zu seiner langatmigen Rede ansetzte, die er an jedem Lehrgangsende hielt und die er schon seit Jahren auswendig konnte.</p>
<p>Ich  amüsierte mich königlich über das Mienenspiel der Hundemenschen, die in diesem Glaskasten eingesperrt waren und sich weder gegen den Redeschwall noch gegen das verdrossene Gallegesicht Graf von Schlechtenfeldens, der von allerlei Bildchen auf sie herabsah, wehren konnten, während ich draußen in der Nähe der Feuerschalen im Nieselregen umherstrich und darauf wartete, dass Hagen wieder rauskäme, um mir meinen angeforderten Nachtisch in Form von Vanillepudding endlich zu überreichen, was er auch ordnungsgemäß ausführte. Derweil ich allein das Gläschen ausschleckte, froh darüber, dass Hagen mich heute mit seiner Hundemenschenwurst verschonte, wurde drinnen die Tanzfläche eröffnet, und die Offizieranwärter durften zeigen, wie gut sie im Treten und Trampeln waren. Manche standen auch nur auf der Tanzfläche rum und versuchten, nicht zu schwanken, während sie einander Geringfügigkeiten in unangemessener Lautstärke ins Ohr brüllten und danach trachteten, ihrem Gegenüber den Inhalt ihrer Gläser möglichst gleichmäßig über das Hemd zu verteilen.</p>
<p>Auch draußen hatte derweil ein mächtiger Regenguss eingesetzt, und als sie schließlich dazu übergingen, sich im Kollektiv am Schrubberlimbo zu erproben, trat Hagen aus dem Glaskasten, die Hände in den Hosentaschen und meinte: „Komm, Milli, lass uns hier verschwinden, bevor es hier noch wirklich trübe wird.“</p>
<p>Wir trabten los in Richtung Unterkunft, und als ich mich noch einmal zum Glaskasten umdrehte, sah ich gerade noch, wie General Troll sich auf einem der Tische seiner Stiefel entledigte und sich in Frauenschuhe warf, um dort ein ordentliches Tänzchen hinzulegen.</p>
<p>Bereits auf der Hälfte der Strecke war ich waschelnass, und auch Hagen sah aus, als wäre er ein gescheckter Hundemensch. An der Unterkunft angekommen, bedachte er mich mit einem langen zweifelnden Blick, bevor er die Tür öffnete und mich mit einem Diener hereinbat. Wir strichen durch die langen Flure, und nachdem er mich in seine Stube eingeladen und eingelassen hatte, kroch ich sofort in seinen Schrank, platzierte mich auf einem Hemdenstapel und trocknete mir den Pelz. Hagen folgte meinem Beispiel, allerdings zog er seinen Pelz gleich fast ganz aus und entkorkte eine Flasche Rotwein, von deren Etikett uns das trübsinnige Antlitz des toten Grafen von Schlechtenfelden anstarrte. „Prost, meine kleine Milli!“, erklärte er, schwenkte die Flasche in meine Richtung und betrank sich dann, auf seinem Bürostuhl sitzend, langsam aber zielstrebig, während ich es mir in seinem Hemdenhaufen gemütlich machte und ihm noch mehrmals zublinzelte, bevor ich einschlief.</p>
<p>Ich würde lügen, wenn ich behauptete, diese Nacht sei ein Genuss gewesen. Mehrmals schreckte ich auf, weil die Türen knallten, was für mich nach Pistolenschüssen klang, um die die Hundemenschen hier doch normalerweise immer ein großes Tamtam und Trara machen. Normal war in dieser Nacht allerdings nichts, ständig tobten wildgewordene, frei- und ausgelassene trunkene Hundemenschen über die Flure und sangen Lieder, deren Inhalt ich weder wiedergeben kann noch möchte. Am nächsten Morgen schreckten mich Geräusche aus dem angrenzenden Bad auf, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können: von Insklokotzen bis InsWaschbeckenschneuzen war alles dabei, von anderen Abscheulichkeiten zu sprechen, verbietet mir meine gute Erziehung. Auch Hagen erwachte gegen 6 Uhr, als ich ihm auf den Bauch sprang, um ihm klarzumachen, dass ich in einem Haus, in dem derartige Sitten und Gebräuche herrschen, auf gar keinen Fall bleiben könne. Während er mir verschlafen das Köpfchen streichelte, um mich zu beruhigen, dachte ich darüber nach, dass es wohl nur logisch ist, wenn man in derartiger Umgebung zu einem Geschöpf verrohten und verdrehten Gemüts wird.</p>
<p>Eine halbe Stunde später schmuggelte Hagen mich an einigen wenigen grüngesichtigen Hundemenschen, die sich in den Fluren an die Wände lehnten, um diese zu stützen, vorbei nach draußen. Dort trennten sich unsere Wege und ich beschloss, erst einmal ein ordentliches Frühstück zu mir zu nehmen, bevor ich im Glaskasten nach dem rechten – und dem linken – Stiefel von General Troll suchen würde.</p>
<p>Traditionell beginnt der letzte Tag des Lehrgangs mit einem Wettlauf durch den Wald. Wer diese perfide Idee in die Welt gesetzt hat, habe ich nie verifizieren können, aber allein der Blick in die Gesichter der teilnehmenden Hundemenschen war in der Lage, mir das klammheimliche Gefühl der Genugtuung für die erlittene Schlafschmach zu verschaffen. Auch Hagen hatte sich sicher schon in sein Sportzeug geworfen und stand quasi in den Startlöchern, bereit für den großen Knall, der das kollektive Weglaufen einläuten sollte.</p>
<p>Ein Stündchen später lag ich im Wald auf der Lauer. Die Abnahme der Parade vorbeiziehender keuchender, schwitzender Restalkoholisierter wollte ich mir nicht entgehen lassen, und da war ich nicht die einzige: einige Meter von mir entfernt hatten General Troll und Oberst Dreibein sich aufgebaut, um die sportelnden Soldaten mit aufmunterndem Gebrüll zu Höchstleistungen anzuspornen. Im Gegensatz zu ihnen ging es mir prächtig, denn vor mir lag ein frisch gefangenes Vögelchen, welches ich zu verspeisen gedachte, während ich die Läufer beobachtete.</p>
<p>Einer nach dem anderen zog an mir vorbei, und gerade, als mein Vögelchen die letzten Zuckungen von sich gegeben hatte und meiner kleinen grausamen Spielerei zum Opfer gefallen war, sah ich Hagen nahen. Ruhig und konzentriert lief er auf uns zu, und gerade als er so nah war, dass ich meine eigenen schwarzen Haare auf seinem T-Shirt erkennen konnte – es war eines der Hemden gewesen, auf denen ich genächtigt hatte – donnerte General Troll los: „Auf, Oberfähnrich Ehern, nu zeigen Sie mal, wie Sie heißen! Sie wolln Leutnant werden, dann laufen Sie mal schön dafür! Der Mensch ist eine Maschine, und diese Maschine läuft auf Hochtouren, hahaha!“ Ich sah Hagen zusammenzucken. Er stolperte, er stolperte über seine eigenen Beine und seine eigenen Gedanken. Der Mensch <em>ist</em> keine Maschine, und Hagen weiß das. Aber jetzt war der wirklich ungünstigste Moment, über General Trolls gedröhntes Geschwurbel zu philosophieren, fand ich. Hagen taumelte, er wurde langsamer. Da war viel Verwirrung in seinem Gesicht, als er bemerkte, dass seine Beine ihm nicht mehr so richtig gehorchten, und er schwankte. Seine Augen irrten über den Weg zum Wegesrand und fanden mich. Ich hielt seinen Blick fest.</p>
<p>Er schaute zu mir, schaute zu meinem Vögelchen, schaute zu Troll. Wurde noch langsamer. Ich nahm wahr, wie es ihn ihm arbeitete. Die Katze. Der Vogel. Der Troll. Und endlich begriff er. Der Troll ist auch so ein Vogel, so ein zerfledderter, war mit einem Mal in seinem Gesicht zu lesen. Ganz richtig, Hagen, dachte ich. Du solltest es machen wie ich und ihn zerlegen. Eiskalt, präzise und voller stillem Triumph. Mit Genuss. Jetzt bloß nicht verzagen, Hagen!</p>
<p>Und dann setzte Hagen dem Troll die Tarnkappe auf und machte ihn einfach unsichtbar. Strich ihn weg. Mit Leuten wie Troll ist eh kein Sieg zu machen, also raffte er sich auf und zog an General Troll einfach vorbei, als sei der gar nicht vorhanden. Sah nicht einmal in seine Richtung, sondern lief einfach weiter, ruhig, konzentriert und zielstrebig. Ich kann nicht sagen, dass General Troll das geschmeckt hätte. Mir allerdings schmeckte es wohl. Triumph und tote Vögelchen munden mir immer.</p>
<p>Nachdem einige der Hundemenschen, unter ihnen auch Hagen, noch Treppen steigen und beweisen mussten, dass sie auf ihnen eine gute Figur machen, gingen sie duschen und gewandeten sich neu, um sich der Abschlusszeremonie zu unterwerfen, die darin bestand, Flaschen mit Säbeln zu köpfen und sich, als seien sie Flatterviecher, beringen zu lassen, zu allem Überfluss waren auf den ausgeteilten Fingerreiflein innen wie außen auch noch Vögel abgebildet – als ob Hundemenschen mit denen was anfangen könnten.</p>
<p>Da steht er nun, der Hagen. Ganz ruhig. Gerade. Jetzt passt sie ihm, die Uniform, er muss sich wohl was demnächst was anderes zum Verkriechen suchen. Er lächelt sogar ein bisschen. Ich weiß, heute komme ich um die scheußlichen Wurststückchen herum, dafür schenkt mir Hagen, dem sie schon wieder einen neuen Vornamen gegeben haben, einen langen, warmen Blick, als er mich am Rande der Gesellschaft entdeckt. Das hat er sich von mir abgeschaut, einen derart unergründlich anzustieren, dass man meinen könnte, er schaue einem auf den Grund der Seele herab. Es sei ihm gegönnt, ebenso, dass er jetzt keinen Grund mehr für sein Heimweh hat. Sein grüner Sack ist schon gepackt. Ich zwinkere ihm ein letztes Mal zu, dann drehe ich mich um und schleiche von dannen. Wozu einen Abschied trauriger machen, als er so schon ist, und traurig bin ich wohl ein bisschen. Aber ich gestehe mir auch ein, dass ich jetzt erst einmal genug habe von so viel Hundemenschenkontakt. Anstrengend sind sie ja auch, irgendwie.</p>
<p>Ich liege unter dem Rosenbusch am Offizierheim und döse vor mich hin, da kommen zwei Hundemenschen an mir vorbei, ohne meine Tarnung zu durchschauen. Sie wirken aufgekratzt und vorfreudig und plappern vor sich hin. Als sie vorbeihasten, weht der Wind ein paar Wortfetzen der Unterredung zu mir. „Sag mal, ist dir auch aufgefallen, dass der General Troll heute komisch gerochen hat?“ – „Ja, streng irgendwie, ganz… komisch. Undefinierbar.“</p>
<p>Dumme Hundemenschen. Natürlich riecht General Troll. Naja, eigentlich ist es nicht General Troll, der da so riecht, eigentlich sind es seine Stiefel. In die hat mein süßer kleiner Plüschpo gerade noch so reingepasst. Alle riechen das, dass der Troll jetzt riecht, nur der Troll selbst riecht nichts, nie. Weder Kekse noch Katzenpisse.</p>
<p>Mal schaun, was der nächste Lehrgang dazu sagt.</p>
<p>© Morné Mirastelle im Wonnemond Mai 2011</p>
<p>Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.</p>
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		<title>&#8220;Damit die Welt es erfährt&#8221; &#8211; Oder: &#8220;Ich würde gern Zeugnis ablegen, wenn ich eins hätte&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Feb 2011 18:26:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schlammschlachten]]></category>

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		<description><![CDATA[.
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Liebe Bunzelwehrmenschen, liebe Primaten der Politik,
euch ist auch wirklich nichts zu peinlich, oder? Habt ihr euch schonmal überlegt, was eigentlich euer Problem ist? Habt ihr schon mal darüber gegrübelt, warum euch keiner mag, ihr lieben kasernierten Kameradinnen und Kameraden?
Bisher meintet ihr, es läge daran, dass ihr in Uniform rumlauft, den ganzen Tag rumbrüllt und ab [...]]]></description>
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<p>Liebe Bunzelwehrmenschen, liebe Primaten der Politik,</p>
<p>euch ist auch wirklich nichts zu peinlich, oder? Habt ihr euch schonmal überlegt, was eigentlich euer Problem ist? Habt ihr schon mal darüber gegrübelt, warum euch keiner mag, ihr lieben kasernierten Kameradinnen und Kameraden?</p>
<p>Bisher meintet ihr, es läge daran, dass ihr in Uniform rumlauft, den ganzen Tag rumbrüllt und ab und an ein paar Leichen produziert, aber das stimmt nicht.<br />
Euer Problem heisst nicht Gorch Fock, nein, und es liegt auch nicht an den seltsamen Aufnahmeritualen, die normale Menschen eventuell als unwürdig empfinden könnten (diese schwulen Weicheier!).<br />
Nein, euer Problem trägt einen anderen Namen: L-E-G-A-S-T-H-E-N-I-E.</p>
<p>Klar, dass die Bunzelwehr nur noch aus Deppen besteht, wenn ihr auf eurer Weltnetzpräsenz, mittels derer ihr den Nachwuchs rekrutiert, nur so mit eurer DEPPENRECHTSCHREIBUNG protzt!</p>
<p>Da merkt man irgendwie: das Bild, das ihr nach aussen vermittelt, tangiert euch denn doch nur peripher.</p>
<p>Uns tangiert es wohl, denn wir empfinden eure Darstellung als Ohrfeige ins Gesicht eines jeden halbwegs gebildeten Menschen &#8211; deswegen haben wir uns erlaubt, euch mal eure ganzen Rechtschreibfehler herauszusuchen. Damit ihr nicht gleich anfangt zu weinen &#8211; denn es sind wirklich sehr, sehr viele &#8211; haben wir nur einige eurer Seiten herausgepickt und vor allem: korrigiert. Offenbar schafft ihr es ja nicht ohne Hilfe von aussen. Eure Fähigkeiten erreichen gänzlich ungeahnte Dimensionen! Wer könnte auch damit rechnen, dass ihr es schafft, in einem Abschnitt mehr Rechtschreibfehler einzubauen als Worte vorhanden sind?!<br />
Aber man kann auch schon mal &#8220;durcheinanader&#8221; kommen, wenn mal viel mit &#8220;Gesetzten&#8221; und wenig mit &#8220;Vorgesetzten&#8221; zu tun hat.<br />
Wir wetten, der feurige Chef zu Guttenberg &#8220;krigt&#8221; die &#8220;Kriese&#8221;, wenn er das lesen muss.<br />
(Wenn er lesen kann.)</p>
<p>Gleichwohl, ihr schuldet uns was.</p>
<p>Mit einem herzlichen &#8220;Wegtreten!&#8221; grüssen:</p>
<p>Gahi &amp; Morné</p>
<p>P.S.: Falls ihr noch kluge Mädels braucht &#8211; Menschen mit Studium, Menschen, die lesen und schreiben können &#8211; hier sind wir, eure tollen neuen potentiellen Offiziersanwärterinnen. Wir würden euch vor weiteren derartigen Blamagen bewahren, vertraut uns, mit uns wäre euch sowas erst gar nicht passiert. Meldet euch &#8211; gebt uns ´ne Einzelstube und wir können über alles reden. Nehmt uns &#8211; ihr braucht uns.</p>
<p><a href="http://samtbassherzschlag.de/wp-content/uploads/2011/02/BWI.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-530" title="BWI" src="http://samtbassherzschlag.de/wp-content/uploads/2011/02/BWI-300x153.jpg" alt="" width="300" height="153" /></a></p>
<p><a href="http://samtbassherzschlag.de/wp-content/uploads/2011/02/BWII.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-531" title="BWII" src="http://samtbassherzschlag.de/wp-content/uploads/2011/02/BWII-300x154.jpg" alt="" width="300" height="154" /></a></p>
<p><a href="http://samtbassherzschlag.de/wp-content/uploads/2011/02/BWIII.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-532" title="BWIII" src="http://samtbassherzschlag.de/wp-content/uploads/2011/02/BWIII-300x154.jpg" alt="" width="300" height="154" /></a></p>
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		<title>Gänseblümchen im November</title>
		<link>http://samtbassherzschlag.de/2011/01/13/ganseblumchen-im-november/</link>
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		<pubDate>Thu, 13 Jan 2011 19:14:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schemenhaftes]]></category>

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		<description><![CDATA[
Befund:
Sich befinden in der
Stadt der goldgrünen Lichter


Es ist ein Tag wie geborgen, ein Tag wie geborgt.
Die Sonne hing an der Eiche die ganze Vollmondnacht, jetzt schläft sie tief im Holz. In der Stadt der grüngoldenen Lichter ist nicht wichtig, was es ist, sondern was es bedeutet, bezeichnet, und Zeichen brechen durch den Asphalt und strecken [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><!-- 		@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --></p>
<p>Befund:</p>
<p>Sich befinden in der</p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;">Stadt der goldgrünen Lichter</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><br />
</span></p>
<p>Es ist ein Tag wie geborgen, ein Tag wie geborgt.</p>
<p>Die Sonne hing an der Eiche die ganze Vollmondnacht, jetzt schläft sie tief im Holz. In der Stadt der grüngoldenen Lichter ist nicht wichtig, was es ist, sondern was es bedeutet, bezeichnet, und Zeichen brechen durch den Asphalt und strecken als Recken die Äste in den hohen Himmel, die Wurzel tiefer in die Mitte, gebrochen durch die Erdenhaut.</p>
<p>Diesen Tag beblicke ich durch Wimpern, die wirr sind wie Wälder. Die Stadt ist benetzt vom Nebel, der nicht vom Himmel kommt; angefüllt mit warmem Menschenatem. Als schliefe sie noch, zugedeckt, warm, beschützt. Nichts Schlimmes kann sie je erreichen, kein Schauder durch die Stille dringen. Ein Tal, in innerem Frieden abgeschnitten von Welt, Zeit und Weltzeit.</p>
<p>Hier geht die Reise los, die Reise zurück</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">in den Berg</p>
<p style="text-align: center;">in die Zeit</p>
<p>Die Reise beginnt am Bahnhof, dem grauen, wattigrunden, pulsierenden Herzen der Stadt.</p>
<p>Die Reise beginnt wie…</p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;">Durch den Wesenwald</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><br />
</span></p>
<p>… Nieselregen, der als Nebel über den bebaumten Bergen hängt. Stollengeister hausen da, zwischen den Steinen. Nach Hause kommen ist wie in einen Schacht einfahren: Dringen zum Herzen, Dringen zum Gewohnten, Geschützten, Geborgenem, Geliebten von der Welt. Zum Mittelpunkt der Welt, der geschützt, der so gemauert ist, dass ich selbst keiner Mauern mehr bedarf.</p>
<p>Und alles ist so richtig, dass selbst die Trostlosigkeit tröstet, weil sie an ihrem Platz ist wie alles. Tropfen kalten Regens, aber die Füße sind warm: Das kommt von dem Pulsieren unter der Erde, das immer stärker wird, immer wärmer wird, das Kraft hat und Leben und Erinnerung.</p>
<p>Das uns begrüsst.</p>
<p>Willkommen zurück.</p>
<p>Hier, im Wesenwald, beginnt sie: die Heimat, die uns erkennt, weil sie uns kennt.</p>
<p>Und die Geister aus den Stollen und die Geister am Fluß sind noch dieselben aufregenden, vertrauten Unbekannten wie damals.</p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;">Einheitsamkeit</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><br />
</span></p>
<p>Zwischen RadRattern und ZugZuhause dringt durch den Wesenwald die Einheitsamkeit.</p>
<p>Ein Flüstern und Wispern und Tuscheln an jedem Stein, an jeden Baum. Ein jeder wesenbelebte Nebelfetzen im Astgewirr raunt es dir zu: Ich weiß und du bist mir bekannt und willkommen zurück.</p>
<p>Heimat ist, wo die Landschaft dir so vertraut ist, dass du die Veränderungen erkennst, wo du in einer…</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;">In der Spielzeugstadt</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><br />
</span></p>
<p>… Spielzeugstadt ankommst und gehst durch einen Ort, der zwischen Burgmauern dich auf Erinnerungen statt Steinen und Strassen laufen lässt.</p>
<p>Wo nicht man, aber du, nicht fallen kannst, weil das Fundament vertraut heisst und dir traut ist. Wo die Anderen fremd sind, weil es deine Stadt ist, deine Strassen, deine Steine, selbst nach Jahrhunderten noch.</p>
<p>Eine aus der Zeit gefallene Scholle Land, ein Stück abgebrochene Welt, ein Ort, der sich mit dir</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">verbündet</p>
<p style="text-align: center;">hat</p>
<p style="text-align: center;">auf</p>
<p style="text-align: center;">immer.</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;">Das verlorene Dorf</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><br />
</span></p>
<p>Das verlorene Dorf durchschreitet man nur als Spuk. Die TraumZeit darf niemand vergessen. Dafür bin ich hier. Ein Mal, nicht aus Stein, ein Ge-Denk-Mal-an gegen das gehasste hässliche Haus.</p>
<p>Schneewittchentanten ruhen in sich selbst und heulen richtig, und wenn, dann ist das richtig.</p>
<p>Kehren zurück und kehren hervor.</p>
<p>Im verlorenen Dorf gibt es keine Teppiche mehr.</p>
<p>Im verlorenen Dorf die verlorene Sprache.</p>
<p style="text-align: center;">Die Sprache</p>
<p style="text-align: center;">Geht tiefer</p>
<p style="text-align: center;">Und tiefer</p>
<p style="text-align: center;">Zum</p>
<p style="text-align: center;">Spruch</p>
<p style="text-align: center;">Wir treffen uns</p>
<p style="text-align: center;">Am Wiesenbrunnen</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;">Am weißen Brunnen</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><br />
</span></p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">…immergün steht sie</p>
<p style="text-align: center;">An Urds Brunnen.</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">(Edda, Der Seherin Gesicht, 13)</p>
<p style="text-align: center;">
<p>Verwunschen und verzaubert und verschlafen. Da liegt er, zwischen weiten Wiesen und Wesenwald: der Brunnen.</p>
<p>Wurzel und Fluss zugleich.</p>
<p>Im Frühjahr der Schlamm, aus dem ein jedes Lebewesen kroch. Die Sehnsucht hangelt sich von den verkrümmten Ästen.</p>
<p>Im Sommer eine Zigarette unter dem weitesten, blauesten Himmel und im würzigsten, weichesten Heu.</p>
<p>Im Herbst ein trauriges Schlaflied im Blätterwirbelsturmschicksal.</p>
<p>… spät im Jahr deckt Glitzerschnee die WinterWunden zu.</p>
<p>Nachts treffen wir uns auf dem tiefen, tiefen Berg und verzaubern und besprechen Wald und Welt.</p>
<p>Ein Flug durch Licht und Luft, durch Baumkronen und Blättergewirr.</p>
<p>Ein Wispern aus der Zeit.</p>
<p>Sicht im Schatten und Schatten in Sicht.</p>
<p style="text-align: center;">Nachts am weißen Brunnen: Feuer, Runen und Kreuzwege.</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;">HeilLand</span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><br />
</span></p>
<p style="text-align: center;">…vielwissende,</p>
<p style="text-align: center;">drei, aus dem Born, der unterm Baume liegt.</p>
<p style="text-align: center;">(Edda, Der Seherin Gesicht, 14)</p>
<p>Am Brunnen steht ihr unter dem Baum, der die Welt ist, der sie schliesst, rundet, der den Himmel näher an die Erde bettet und sie bedeckt jeden Abend, bevor die Nacht heranbricht und herein-einbricht.</p>
<p>Da klingt es an, wenn wir uns an den Händen halten: etwas in uns, das Tiefe, Wahre, allen Wesen eigene.</p>
<p>Das Alte.</p>
<p>Das Heilige sind Punkte aus Licht in der Schwärze des Himmels, konsequent und klar.</p>
<p>Ein Schatz am Brunnen, heilig, nicht heil.</p>
<p>Von diesem Ort aus wird gebaut ein Paradies ohne Erwachsene, für lose, von Baum und Nest gefallene Blätter, die die Welt hinter der Welt kennen.</p>
<p>Nur hier, an diesem Ort, an diesem Brunnen, an diesem Wortortbrunnen wachsen sie,</p>
<p style="text-align: center;">die</p>
<p style="text-align: center;">Gänseblümchen</p>
<p style="text-align: center;">im</p>
<p style="text-align: center;">November.</p>
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p style="text-align: center;">
<p>© Morné Mirastelle, Hartung 2011</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Irrlichtern</title>
		<link>http://samtbassherzschlag.de/2010/12/19/irrlichtern/</link>
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		<pubDate>Sun, 19 Dec 2010 09:52:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Morné Mirastelle</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schemenhaftes]]></category>

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		<description><![CDATA[Mein Irrlicht


Oder: Ein Notwendfeuer auf offener See


„Kinder sind keine Fässer, die gefüllt,
sondern Feuer, die entzündet werden wollen.“
(François Rabelais)


Aus der Tiefe eines Traumes steigen die Bilder. Mit blauen Eisschleiern im Hinterkopf ein Starren in den Schnee. Noch schläft die Welt, riechen die Menschen nach Traum, flattern Fetzen archaischer Allgewalten um Häuser und Hirne. Wir sind die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><!-- 		@page { size: 21cm 29.7cm; margin: 2cm } 		P { margin-bottom: 0.21cm } --><span style="text-decoration: underline;"><strong>Mein Irrlicht</strong></span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><strong><br />
</strong></span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><strong>Oder: Ein Notwendfeuer auf offener See</strong></span></p>
<p style="text-align: center;"><span style="text-decoration: underline;"><strong><br />
</strong></span></p>
<p style="text-align: center;">„<em>Kinder sind keine Fässer, die gefüllt,</em></p>
<p style="text-align: center;"><em>sondern Feuer, die entzündet werden wollen.“</em></p>
<p style="text-align: center;"><em>(François Rabelais)</em></p>
<p><em><br />
</em></p>
<p>Aus der Tiefe eines Traumes steigen die Bilder. Mit blauen Eisschleiern im Hinterkopf ein Starren in den Schnee. Noch schläft die Welt, riechen die Menschen nach Traum, flattern Fetzen archaischer Allgewalten um Häuser und Hirne. Wir sind die ersten, wir haben die Augen offen gehalten die ganze Nacht, und bar und bloß liegen die Seelen ungeschützt.</p>
<p>Und sind gefallen in eine andere Welt, ohne es zu merken, ohne das Tor zu durchschreiten. Da haben wir den kleinen Schwestern die Seele zermatscht, blutig und klein lagen sie auf den hässlichen Händen, herausgerissen und leblos. Und jetzt sind die kleinen Schwestern blond, süß und leer. Wandeln unter den Lebenden und nur wir können wissen, dass sie doch schon tot sind. Sie weichen unseren Blicken aus, erkennen uns nicht mehr, und Schmerz und Schuld reißen vom Scheitel zur Sohle einen heißblauen Blitz in unsern Leib. Niemand weiß von einer Gewissensnot, die gierig ist wie ein Geier. Und genauso geheim.</p>
<p>In ein Grab haben wir sie geworfen, und als wir die Erde aufbrachen, erkannten wir die Wirklichkeit: dass Särge sind wie Mülltonnen. So künstlich wie Kunststoff, passend zu Leben, die sind wie der Tod selbst: unwichtig, wenn sie nur in die richtige Form finden. Wie Menschenkinder: Hüllen, die es zu befüllen gilt mit Unrat.</p>
<p>Und in der Grabkammer brennt noch ein nacktes Neonlicht. Bis einer die Tür schliesst.</p>
<p>Es ist ein Unterschied, ob man mit Boden unter den Füßen losläuft und beflügelt von Gaben und Geschenken oder bepackt mit einem schweren Rucksack, der größer ist als man selbst und größer, als man jemals sein wird. Und der immer größer wird.</p>
<p>Und statt auf Reise zu gehen, erledigen wir das Leben statt es zu erleben. Erledigen es mit einem Zettel, einem Stift und einem Pistolenschuss. Dabei sind wir fern, wir nennen es All-Tag, und so treiben wir und ankern höchstens an den Wänden noch.</p>
<p>Ein Erdbebenleben eben.</p>
<p>Was nutzt ein Stein am Seil, wenn Sturm ist im offenen Meer? Und ist die Oberfläche doch glatt, die Allgewalten bezwingen wir nicht, in der Nacht reißen sie uns wieder mit, sie haben ein Anrecht auf uns, sie sind wie wir und wir wie sie. Man kennt sich. Man grüßt sich.</p>
<p>Im kastigen Betonbordell, das Weiber ebenso wie Vergewaltigung verwaltet, fehlt eine Frau. Auf der Liste. Liesse sich ersetzen, aber spannend wäre es doch, zu erfahren, wo sie ist. Ob sie wieder kommt. Wieder weitermachen wird.</p>
<p>Am Strand habe ich sie gefunden, das, was noch sie selbst war, also eigentlich: nur den Kopf. Angemalt und selbst im Tode lächelnd. Hat sich ein Gesicht gezeichnet über und gegen die Zeichnung des Schicksals. Und bricht man ihren Schädel auf, gegen den die Wellen schlagen am Tag und in der Nacht, so findet man eine Kerbe auf der Seele, nein, es sind mehrere, viele, es ist, als habe man am Türrahmen festhalten wollen, wie groß das Kind geworden ist, wie es wächst, verewigt im Holz, doch Wachstum ist es nicht, was da geschnitzt wurde als Zeichen, da ist nichts er-wachsen als das liebe, liebe Leid. (Das Schicksal liebt das Leid. Und leidet an der Liebe. Leider.) Und die Schuld hat die Seele ganz grau gemacht. Mit einem Blick kann man das erkennen, leider müsste man dazu erst den Schädel spalten, so tief sitzt es und liegt dann doch bloß. Es bedürfte hier, in diesem Fall, ganz eindeutig einer Kennzeichnungspflicht. Aber das riecht dann auch wieder nach Schädelvermessung. Und das will ja wieder keiner.</p>
<p>Und weil wir dann außen so rau waren und innen ganz rot und wund, und weil es nicht mehr auf nichts ankam, haben wir dann noch eine Menschenfigur aus dem Fenster gestoßen. Die Befriedigung war nicht so groß wie das Ziehen und das Zerren an ihren Haaren, aber zumindest war ein Gefühl da. Für den arkanischen Augenblick. Und vor dem Ausstoßen haben wir sie ausgezogen. Für den Fall. (Den Fall des freien Falls.)</p>
<p>Jetzt warten wir auf das Zeichen. Die Sonne wird nicht aufgehen an diesem Tag, aber müde Menschen werden wach. Haben Schleier auf den Augen und traumwandeln vor sich hin, durch den Tag, geschützt von einer warmen Decke, die sie bettet. Sich unter diese Menschen mischen, auf ihr Käferkrabbeln durch das Glas zu glotzen, das sind die Haken an den Wänden. An denen machen wir fest, machen wir uns fest. Dann schaukelt das Schiff nicht mehr so schlimm, bis eine Fetzenfee, blassblau wie durchsichtiger Donner, wieder im Türrahmen steht und schweigt statt spricht. Wir nehmen es mit. Das Geheimnis. Durch die Nacht, durch den Tag und durch das ganze Leben. Wir lassen es nicht los.</p>
<p>Wir bluten nicht aus.</p>
<p>Es wird nicht das Richtige passieren, wenn wir nicht das Richtige tun. Es ist Notwendfeuerzeit.</p>
<p>© Morné Mirastelle, Julmond 2010</p>
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