02.12.2010
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Räder müssen rollen für den Sieg
Oder: Gibt es eigentlich auch Halbidioten?
Jedes Jahr im Winter packt mich Silberstädterin das Bedürfnis nach Schnee statt Matsch, und so wünsche ich mich um diese Jahreszeit stets hinfort in das kleine Spielzeugdorf, in dem ich einige einsiedlerische Jahre verbracht habe; das Dorf heisst Weißenborn und ist toll, da gibt es Ponys, auf denen man reiten, Wald, den man durchstreunen, alte Bergwerksschächte, in denen man verbotenerweise herumgraben, neugierige Nachbarn, die man ärgern kann und ausserdem eine Feuerwerksfabrik im Wald, und das ist alles wirklich genauso spannend, wie es klingt. Kommen wir aber nun zum eigentlichen Problem, Weißenborn hat nämlich zwar eine Kneipe an der Hauptstrasse, wo die Betrunkenen dann nachts immer rausfallen und angefahren werden, aber keinen Bahnhof und ich kein Auto und das ist immer wieder ein Fiasko, nicht für mich, aber für die Deutsche Bahn, aber dazu gleich mehr.
In Anbetracht meines schrottreifen Germanistikstudentinnenfahrrads und einer fehlenden Kutsche beschloss ich, doch einfach mit der Deutschen Bahn zu fahren und in irgendeinem Nachbardorf auszusteigen und die paar Kilometer nach Weißenborn zu laufen, was meinem Bedürfnis nach Schnee sicher entgegenkäme, und so wandelte ich zu einem Dresdner Bahnhof, den ich jetzt nicht namentlich nennen mag, weil sich die, die dort arbeiten, mit diesem Text sonst zu Recht denunziert und diskriminiert fühlen könnten.
04.09.2010
15.08.2010
Es gibt eine neue Rezension von “Kopf-Stein-Pflaster” im madgoth Magazine:
Sonntag, 18. Juli 2010 | Von: Soul69 | Kategorie: Bücher
Es ist schwer zu beschreiben was ich hier vor mir habe: Ein Meisterwerk, eine Ode an die deutsche Sprache, ein Hochgenuss an Ausdruck und anspruchsvoller Literatur. Ein Drahtseilakt mit Worten. Wie ein Gemälde das sich zufällig und doch detailreich und voller Tiefe auf der literarischen Leinwand manifestiert. Ebenso ist es unklar ob die Geschichten und Storyfragmente zusammen gehören oder nur zufällig zueinander fanden. Und doch haben wir hier etwas ganzes vor uns. Etwas das anders nicht sein sollte.
Sowohl deprimierend als auch erheiternd, beanspruchend und entspannend ehrlich kommt dieses Buch daher. Die Texte wirken teilweise sinnlos im ersten Moment, doch im nächsten Moment sind sie tiefgreifend, emotional fordernd und somit sinngefüllter als vieles was man sonst zu lesen bekommen. Man kann keine einzelnen Teile aus diesem Buch beschreiben, jedes Wort muss selbst gelesen werden um sich darüber ein Bild zu machen. Selber die Bilder der Schreiberin im Kopf entstehen zu lassen. Hier kann man nicht vorgeben worum es geht, was man sehen oder denken soll.
Morné’s Schreibstil fließt durch die Hirnwindungen als wären er nichts weiter als flüssige Materie oder Luft. Die Worte schweben im Raum, man kann sie beachten oder auch nicht. Man kann sie fangen und oder auch nicht. Doch sollte man bedenken, dass sie sich eben so schwer aufs Gemüt legen. Sie fressen sich regelrecht durch unsere emotionales Gewebe. Bringe Dinge ins Rollen, stoßen Gedanken an und sorgen für ein ordentliches Durcheinander im Kopf. Diese Kritik am Leben, am Dasein, an der Gesellschaft und dem, was unser Zusammenleben ausmacht wird hier mit dunklem Witz, Sarkasmus und ordentlichem Zynismus vorgetragen. Und vor allem mit Ehrlichkeit. Mehr als so mancher vielleicht verträgt.
Das ganze ist eingeflochten in Geschichten mit Tagebuchzügen. Teils nicht mehr als Gedankengänge die ohne Anstrengung zu unseren eigenen werden. „JA!“ Möchte man sagen. „Ja, das kenne ich!“, „Das bin ich!“. Das sind wir und das Leben heute. Gefasst in Buchstaben, Worten die man einfach zu sich genommen, erlebt haben muss.
Hier bekommt man mehr Poesie als man vielleicht mag. Denn oft muss man Poesie mehr als einmal lesen um ihre Tiefe, ihren Grund zu erreichen und zu verstehen. Vielleicht ist sie auch zu schwer für so manches Gemüt und zu leicht um sie zu halten. Man muss ein Auge, ein Ohr und vor allem auch einen Gedanken frei haben um diese Kunst schätzen zu können. Das ist der Spiegel den ich vor dieses Werk halte. Für manche vielleicht blind für andere vielleicht eine Offenbarung.”
Quelle:
http://www.madgoth.de/5814/reviews/buecher/morne-mirastelle-kopf-stein-pflaster
Die Firma dankt.
28.07.2010
Viertes und vervorletztes Staubozeanmärchen
Es liegt ein Ding im Bett des Königs, im Bett der Könige liegt ein Ding. Einen hellernen Holzring hat es um den Finger, der ist genauso scheintot, genauso schreinrot wie das Ding, das diskrete Ding, das wartet dass die Sonne aufgeht irgendwann. Eine Sphinx steht vor dem fliederfarbenen Felsen und weint, im grünen Gras ihr hellschwarzer Schatten, die Tränen grau, grauunsichtbar, verloren in maroden Maschen mäandernder Mädchenaugen.
15.03.2010
Ha!
Als ich noch klein und Grufti war (ja, damals hiess das noch so) habe ich, im Gegensatz zu heute, wo ich zwar immer noch klein, aber kein Grufti mehr bin und kaum noch was an mir schwarz ist (ausgenommen Haare und Humor), immer davon geträumt, dass eines Tages mal irgendein Schreiberling beim Szenemagazin Orkus sich meiner erbarmt und mein tolles erstes Buch rezensiert, damit meine literarischen Ergüsse nicht mehr nur im Kleinanzeigenteil, indem sonst nur schwarze Engel und tote Teufel unterwegs sind, erscheinen.
Nun denn! Der Tag ist gekommen. HIER ist sie, die Rezension aus dem Print-Orkus und damit eindeutig ein Grund, sich diesen nach annähernd 10 Jahren mal wieder zu kaufen:
“Morné Mirastelle / Kopf-Stein-Pflaster (ubooks)
Wieder einer dieser Tage – vierundzwanzig Stunden, angefüllt mit farblosen Belanglosigkeiten, einzig eingefärbt durch verlogene Floskeln aus Höflichkeit, Oberflächengekratze und Scheinbar-glücklich-Geschichten. Erfüllung? Sinn? Fehlanzeige! Such´ woanders! Wer sich jetzt schon vor seinen dunkelsten Stunden sieht und den Kopf lieber frei hält für Sommersonnentage und Schönwettergedanken, sollte Morné Mirastelles Kopf-Stein-Pflaster besser gleich wieder zum Verstauben ins Regal stellen, denn hier regnet es Tristesse, versinnbildlichte Pflastersteine und nachdenkliches Gedankenmaterial in Kurzgeschichten.
Angereichert mit interessanten wie traurigen Gestalten, deren Lebenssinn wohl niemals gegeben war. “Lichtquellenkonzentrationspunkt”, “Stadtmorgennebel”, “nachtseidenschwer” – der Autorin gefällt es ohne jeden Zweifel, ungewöhnliche und doch so bildgebende Wortschöpfungen zu kreieren, mit ihren zum Teil wirren Erzählungen zum Philosophieren anzuregen und – das ist wirklich schade – mit ihren oftmals (gewollt?) komplizierten Sätzen zu verwirren. Ist es ein Dienst am leser, ihn mit scheinbar endlosen Schachtelsätzen ins Abseits des Verstehens zu stellen? Ergibt das Sätzebilden allein um der Wortfindung willen einen Sinn?
Nun, schon darüber liesse sich trefflich diskutieren, doch sollte dies den philosophischen Gedanken hinter den Geschichten vorbehalten sein, die sich zwar recht oft verborgen im Schreibstildickicht zeigen, gleichwohl aber reichlich vorhanden sind und zeigen: Kopf-Stein-Pflaster beschreibt vielleicht den Stillstand des Daseins in all seinen grauen Farben, lässt aber dem Stillstand der Gedanken keinen Raum.
Gelegentlich ein bisschen verkopft, mitunter auch zu gewollt, aber absolut interessant! Erhältlich jenseits der traumsequenzen für reale 9,95 Euro im ubooks-Verlag, ISBN 978-3-86608-119-2.
(c) Doreen Krase”
Quelle: Orkus (Printausgabe) No.3 / März 2010
19.02.2010
Auch wenn die Schweizer grad nicht so gut auf uns zu sprechen sind, dafür, gute Worte für gute Worte zu spenden, reicht es zum Glück noch. Neue Rezension von “Kopf-Stein-Pflaster” auf :
http://www.art-noir.ch/art-noir/mirastelle-morne-kopfsteinpflaster-buch.htm
Autor: Morné Mirastelle
Titel: Kopfsteinpflaster
Verlag: Ubooks
Geschrieben von: Luke J.B. Rafka
Heavy Metal der Literatur – so hart kann das Leben sein!
Selten findet man ein Bildnis des Autors oder der Autorin direkt auf dem Frontcover des gedruckten Werkes. Es ist schon vorgekommen, dass ein Autoren-Selbstportrait auf der Rückseite zu erblicken ist, aber wie bei diesem zu rezensierenden Buch ist es mir noch nicht erschienen. Morné Mirastelle trägt ein weisses Hemd, dazu eine schicke Krawatte unter einem Regenschirm stehend, während hinter ihr einzelne Pflastersteine um die Ohren sausen und sie erwartungsvoll streng und ernst mit hochgezogenen Augenbrauen und kirschroten Lippen dreinschaut.
Frau Mirastelle ist lt. eigener Aussage in einem Bergwerksstollen im Ostbergland geboren, in einer Stadt, wo die Mormonen wohnen. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum ich mich beim Durchforsten dieser Seiten gefragt habe, ob diese Schriftstellerin nicht alle Tassen im Schrank hat. Aber ihre Wohnqualitäten sind mir bisher noch unbekannt und sollten es vielleicht auch besser bleiben. Es könnte allerdings auch nur daran liegen, dass sie in ihrer Kindheit oftmals mit dem Kopf auf dieses Gestein geknallt ist, so durchgeknallt wirken die Kurzgeschichten in “Kopf-Stein-Pflaster“. Oder sie hat sich diese Steine einfach zu häufig gegen die Stirn gehämmert.
Trotzdem sind die Worte der Autorin eine kritische, wenn nicht immer durchschaubare, Hommage an die Welt des Lebens, der Träume und Ängste, die uns allen sehr wohl bekannt sein sollten. So schreibt Morné geschickt in Bildern, die allerdings einen wirren Film im Kopfe des Lesenden hinterlassen. In mehreren Kurzgeschichten präsentiert sie nüchtern das triste Dasein und die immer wieder auftauchende Gleichgültigkeit, die mit so manchem spiessbürgerlichen Leben im Einklang sind. Dabei nimmt sie kein Blatt vor ihren zarten Mund während, sie ihre Finger – frei nach Schnauze – über die Tastatur des Notebooks gleiten lässt und feststellt, dass der Stillstand des Lebens sehr facettenreich sein kann. Mal erlösend und Ruhe bringend, aber doch auch sehr Nerven aufreibend und anstrengend.
Madame Mirastelle jongliert mit Worten und der deutschen Sprache, wie manch andere mit Bällen spielen. Ein mehrfaches Lesen scheint dieses Werk in jedem Fall wert zu sein, aber dafür muss man auch geboren sein. Für mich als Nachdenker und Gesellschaftskritiker jedenfalls ist dieses Buch doch eine schwere Kost gewesen und ob ich mich diesem ein weiteres mal anvertraue bin ich mir nicht sicher.
Heraus gestochen ist mir die Geschichte “Waffenstillstand“. Mit welcher Leichtigkeit des Wahnsinns in dieser Kurzgeschichte mit der Angst des Terrorismus umgegangen wird, ist einfach ein Genuss wie der Kaffee und Kuchen am Nachmittag. Das kann zum Beispiel aus den elendigen, immer wieder auftauchenden Terrormeldungen der Medien resultieren, wenn man nur ein Internetcafe besuchen möchte.
Wortgewandt ironisch sowie kritisch und zum vor dem Kopf hauen ist dieses Werk als Heavy Metal der Literaturszene zu betrachten.
Gruß und Dank
Luke J.B. Rafka
14.01.2010
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Hier die Rezension von “Kopf-Stein-Pflaster” im aktuellen Gothic-Magazin. Geschrieben hat sie Christian Schönwetter, und weil sie nirgendwo online ist, musste ich sie abtippen:
Morné Mirastelle -”Kopf-Stein-Pflaster” (Ubooks)
So manches Selbstportrait auf dem Umschlag ist nur ein netter Versuch, den Autoren potentiellen Lesern vorzustellen.
Doch hier ist das Coverdesign äußerst gelungen, denn die Autorin hat die passende Ausstrahlung und sie trägt eine schicke Krawatte. Und für alle, die sich ab und an Pflastersteine vor die Stirn schlagen wollen, um innerlich nicht zu veröden, kommt hier Abhilfe; weil “kopf-Stein-Pflaster” wirklich knallt.
Eine junge Autorin, die weiß, wohin sie mit ihren Metaphern will, direkt zum Herz-Hirn-Zentrum. Das Buch ist ein wahrer Druckverband für die lesemüde Kopfwunde. Es fasziniert mit treffenden Betrachtungen und starken Wortassoziationen, die Morné Mirastelle scheinbar mühelos aneinander schraubt. Sehr persönlich, aber auch überaus mitreißend.
Schreiben, Leben, Träumen fließen ineinander. Bilder von Schnee und Blutlachen, Schlaflosigkeit und Leichenblässe fügen sich mit unheimlicher Leichtigkeit aneinander. Irgendwie sind die Motive vertraut, doch die originelle Sprachverwendung macht sie spannend und neu, nie aufdringlich, angenehm anders.
Man solte sich einfach hineinfallen lassen in das elektrisierende Gefühl, das dieses Buch durch seine frei schwebenden Worte verbreitet.
(Christian Schönwetter)
Fazit: Öfter Krawatten tragen. Macht scheinbar Eindruck. Freut mich sehr.
Eure M. M.
15.12.2009
Es gibt übrigens wirklich Menschen, die mein Buch lesen.
Und eine Rezension darüber schreiben.
Zum Beispiel die hier:
Rezension:
“Eine Nacht in dieser Stadt – erschaffen und tödlich für Träumer und Realisten zugleich. Die Träumer, verloren in kafkaesken Gedankenwelten, von Rotwein und der grünen Fee benebelt, von der Melancholie fortgespült: Gefangen in dieser Stadt und behaftet mit dem Fernweh, das doch selbst weiß, dass es in einer Nacht wie dieser nichts anderes geben kann. Die Realisten, konfrontiert mit dieser nackten Wahrheit und unfähig, sie ganz zu ertragen; zu schwer ist das Wissen darum, dass es sinnlos ist, jetzt der Einsamkeit entfliehen zu wollen. Denn träfen sich jetzt zwei Menschen, so wären sie doch allein.
(Seite 33)
Kopf – Stein – Pflaster.
Selten sieht man den Verfasser auf dem Cover seines eigenen Buches. Dass sich Morné Mirastelle mit Hemd und Krawatte und ernstem Blick unter einem schwarzen Regenschirm vor fallenden Kopfsteinpflastersteinen versteckt auf dem Cover ihres Buches zeigt, gibt dem Leser bereits vor dem Lesen des Klappentextes einen guten Einblick, was ihn im Inneren erwarten wird – keine fliegenden Pflastersteine, aber jede Menge schlagfertige Kritikpunkte des Lebens.
Nüchtern und teilweise verwirrend schreibt sie das Leben in seiner hässlichsten Form, die am zahlreichsten vertreten ist, nieder und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Stumpfe Gleichgültigkeit und tristes Dasein sind nur zwei Seiten, die in Kopfsteinpflaster ihren Platz finden.
In mehreren Kurzgeschichten werden verschiedene Charaktere vorgestellt, die jeder für sich ein eigenes Buch verdient hätten und denen man doch am liebsten nie wieder über den Weg lesen will, weil sie den Leser in ihrer desorientierten und desinteressierten Art anwidern und runterziehen. Als Leser denkt man sich einige Male „hoffentlich ende ich nicht irgendwann genauso“ und weiß doch, dass es kaum einen Ausweg aus der Tristesse des Lebens gibt oder geben kann.
Morné Mirastelle befasst sich mit dem Stillstand des Lebens, der so viele Gesichter hat – für den einen erlösend und Ruhe bringend, für den anderen anstrengend und an den Nerven zehrend. Wie das Leben selbst ist auch der Stillstand vielseitig und schwer definierbar, wie man in jeder einzelnen Kurzgeschichte des Buches feststellen kann und wie jeder einzelne Charakter zeigt.
Kopfsteinpflaster ist ein literarisch-philosophisches Kunstwerk, das in Bruchteilen schwer zu lesen und zu verstehen ist, manches Kapitel muss zweimal gelesen werden, um den Sinn wirklich und vollständig erfassen zu können. Die Autorin spielt mit Worten und der deutschen Sprache, wie andere mit Bällen oder Schachfiguren spielen. Rundherum gelungen und ein mehrfaches Lesen in jedem Fall wert.
Philosophisch und wortgewandt glänzt Morné Mirastelle mit ihrem Debüt, das seinesgleichen sucht. Ein Gewinn für jedes Nachdenker- und Gesellschaftskritiker-Bücherregal.”
von
http://www.literatopia.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2420:kopfsteinpflaster-morne-mirastelle&catid=69:sonstiges&Itemid=104
Oder hier:
http://www.monstersandcritics.de/artikel/200943/article_159719.php/Buch-Kritik-Kopfsteinpflaster-R%C3%A4cht-die-Ruinen-nach-dem-Regen-von-Morn%C3%A9-Mirastelle
Oder auch hier:
http://www.schwarzeseiten.de/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=32&idart=1308
Kein Schlusswort,
Morné
27.11.2009
Schon mal gezwungen worden, etwas zu tun, das ihr niemals tun wolltet?
Ja, ich auch.
War mit auf Jonglierconvention in Nürnberg (ja, wirklich! Unglaublich, aber wahr!).
Hier ist der Beweis:

Quelle:
http://photos.albapasser.de/show.php?mode=single&id=09nuernberg&which=43&showcom=true
(Und mit liebem Dank an die Person, die mich in der Samtbassherzschlagkommentarspalte darauf aufmerksam gemacht hat!)
Ja, und weil ich ja zu allem meinen Senf dazugeben muss, folgt hier ein Text. Es geht um Uwe, einen Schriftsteller, der von Manfred, seinem Freund, dazu gezwungen worden ist auf eine Jonglierconvention zu fahren. Autobiographische Ähnlichkeiten sind selbstredend ausgeschlossen, alles rein fiktiv etc.
Und schöne Dinge zu erwähnen wurde natürlich ausgespart, weil Uwe keine schönen Dinge mag.
Hier die Auszüge aus Uwes Tagebuch:
Jongleurophobie
Oder: Uwe wehrt sich
Uwes Tagebuch
Freitag, der 20. November 2009
14:30 Uhr
Sitze auf Manfreds Beifahrersitz und nehme übel. Kann nicht nachvollziehen, wie es Manfred gestern gelungen ist, mich nach dem zehnten Bier dazu zu überreden, mit ihm nach Nürnberg auf eine Jonglierconvention zu fahren. Drei Tage unter Jongleuren, und das als normaler Mensch, sprich Schriftsteller, Sarkast, Soziopath. Weiß nicht, was ich dort soll. Mit Worten jonglieren, oder was?
Manfred ist nicht mehr mein Freund. Hasse Manfred.
14:35 Uhr:
Dachte heute Mittag noch, wäre alles Scherz von Manfred, bis er mich abholte, ich in sein Auto stieg und sein chinesisches Navigationssystem mir entgegenlächelte, das „Ziel Nülnbelg“ sei jetzt „eingespeichelt“.
Denke, wie gut, dass ich keine Freunde mehr habe.
14:45 Uhr:
Versuche, die guten Seiten von Manfreds Autobahnraserei zu sehen. Lieber einen schnellen, schmerzvollen Tod sterben als drei Tage in Nürnberg auf Jonglierconvention dahinzusiechen. Ist doch kein Leben, so was. Denke gerade, ist langer Prozeß bis nach Nürnberg und dass ich keinen Bock mehr habe, da saust Schild mit Abbildung von Göltzschtalbrücke an uns vorbei. Eindeutiges Zeichen.
18:15 Uhr:
Befinden uns kurz vor Nürnberg. Autoschlange schleicht vor sich hin. Wollen wohl alle nicht in die Reichsparteihauptstadt. Kann ich nachvollziehen.
18:30 Uhr:
Sind angekommen. Eintritt sollen wir auch noch zahlen. Hab mich erst aufgeregt, dann ist mir eingefallen, dass man für Horrorfilme und Geisterbahnen ja auch Eintritt zahlt. Warum also nicht. Zu bewohnendes Objekt ist Schule. Jongliert wird in der Turnhalle, geschlafen in den Klassenzimmern, je 25 Mann und Frau. Gibt sogar ein Schnarcherzimmer. Weiß, dass ich extrem schnarche, Problem ist, kann nicht schlafen, wenn andere Leute schnarchen. Hab Schlafsack ergo neben Manfreds im Nichtschnarcherzimmer postiert. Werde hier eh kein Auge zu tun.
19:15 Uhr:
Überall fröhliche Menschen, Wiedersehensfreude, bunte Farben, gute Laune. Manfred ganz in seinem Element. Hasse Manfred. Hasse Jongleure. Den Nachbarskindern dabei zuzusehen wie sie Katzenkacke aus dem Sandkasten im Hinterhof sieben ist definitiv spannender als diese Clownsbrigade hier um sich zu haben.
20:00 Uhr:
Sitzen an Tisch in Mensa. Manfreds feine Freunde unterhalten sich mit ihm über Dinge, die ich nicht verstehe. Fragen nicht mal, was ich mache. Uninteressiertes, asoziales Pack. Fühle mich ausgegrenzt, so als einziger Mensch unter Leuten, denen in ihrem Leben definitiv zu viele Bälle und Keulen auf den Kopf gefallen sind. Machen sich über meinen Rentierpullover mit den Bommeln lustig.
Gibt Abendbrot. Ein Teller Eintopf für jeden. Überlege, mich als Küchenhilfe zu bewerben, um den Jongleuren in die Suppe zu spucken. Selbst Tisch wackelt. Egal, verlasse mich hier sowieso auf nichts und niemanden. Hoffe, Manfred hat noch Rotwein im Auto. Wenn nicht, nehme ich seinen Spiritus.
Hasse Manfred, den Verräter.
22:15 Uhr
Prost. Habe Rotwein gefunden und beschlagnahmt. Manfreds feine Freunde entpuppen sich mehr und mehr als Nervennager. Reden gerade über Thomas, der Manfred nicht mehr mag, wegen einer Vermittlung über eine Agentur zu einer Zeit, in der ich noch mit den Fingern Löcher in die Aludeckel der Milchflaschen im Konsum gebohrt habe. Erinnert mich an Geschichten aus dem Krieg, was hier kursiert. Manfred niedergeschlagen, weil Thomas ihn mit Verachtung straft. Tröste Manfred, indem ich ihm versichere, er müsse nicht traurig sein, dieser Thomas sei sicher nicht der Einzige, der ihn nicht leiden könne.
23:30 Uhr:
Wurde jetzt doch wahrgenommen und gefragt, was ich denn so mache. Habe auf Grund erhöhten Blutpegels im Rotwein zurückgeschnauzt, ich sei eigentlich Schriftsteller und alles, was sie sagten, würde aufgeschrieben und gegen sie verwendet werden. Habe mich ausdrücklich distanziert von allen Anwesenden. Sie sich leider nicht von mir, vor allem im Schlafraum nicht.
Ist wirklich sehr unangenehm, dem Typen, dessen Schlafsack sich unter meinen Füßen befindet, dauernd an den Kopf treten zu müssen, nur weil er wieder an meinen Zehen rumlutscht.
Hasse Schule, hasse Jongleure, hasse Manfred.
Gibt definitiv zu viele Jongleure auf der Welt, vor allem aber in dieser Schule.
Samstag, 21. November 2009
09:05 Uhr:
Habe wohl doch geschlafen. Muss irgendwann zwischen 4 und 7 Uhr gewesen sein. Obwohl, gegen 5 Uhr nachts kamen dann noch ein paar Rumpubertierende in den „Schlafraum“ und haben sich gegenseitig fotografiert. Mit Blitzlicht. Hat nichts geholfen, derweil an Blitzkrieg zu denken. Habe ausserdem von Jongleuren geträumt, die mit meinem Kopf ihre Tricks vollführen. Beunruhigende Vorstellung. Gehe jetzt duschen.
09:15 Uhr:
Gehe doch nicht duschen. Schwer angenervt von all den Menschen. Sie sind überall, nie ist man allein. Beim Schlafen nicht, beim essen nicht, beim dumm rumstehen nicht, sogar beim Pinkeln kann man sicher sein, dass jemand neben einem steht. Mag keine überfüllten Gemeinschaftsduschen und beschliesse, in der die Zeit, die ich hier zu verbringen genötigt bin, für die Anderen wenigstens spannend zu riechen, wenn schon nicht spannend zu sein.
12:00 Uhr:
Habe kaum Zeit, Tagebuch zu schreiben. Muss schlechte Laune verbreiten. Fühle mich als verschleppte Geisel und versuche standhaft, schlechte Laune beizubehalten, indem ich krampfhaft an tote Eichhörnchenbabys denke. Muss durchhalten. Durchhalten.
14 Uhr:
Sind alle in der Turnhalle, um zu trainieren und sich gegenseitig mit ihren Tricks zu beeindrucken. Sollen sich bloß nichts darauf einbilden, dass sie jonglieren können. Ich kann dafür Mandalas ausmalen.
Haben sich ausserdem wieder über die Bommeln an meinem Rentierpullover lustig gemacht.
Habe Telefon neben Knabentoilette entdeckt. Ist Schild daneben, da steht: „Bei Störungen und Problemen drücken sie bitte die rechte untere Taste.“ Überlege, genau das zu tun. Jongleure stören schliesslich. Machen Probleme.
16 Uhr:
Lachen noch immer über meine Pulloverbommeln. Habe die Bommeln ein bisschen hin- und hergeschwenkt und behauptet, ich spiele Pulloverpoi und dies sei meine Erfindung. Waren alle beeindruckt. Dumme Jongleure.
19 Uhr:
Beschliesse, mich als Dokumenteur und Beobachter zu sehen, wenn ich schon nicht dazugehöre. Werde einfach Spion, bis es mich dahinwallrafft. Werde alles über Jongleure herausfinden und dann bösen Text über Jongleure schreiben. Danach wird niemand mehr mit mir reden wollen, die Betroffenen nicht und die Getroffenen erst recht nicht. Finde, ist gute Idee.
19:15 Uhr:
Habe alles Wissenswerte über Jongleure herausgefunden. Ist leider nicht allzu viel. Gibt nur zwei Typen von Jongleuren, die einen sind halbe Hippies, die anderen Mathe- und Informatikstudenten. Bemerkenswert aber, dass die Jongleurinnen alle barfuß herumlaufen, sogar draussen. Scheinen immun gegen Frauenkrankheit Blasenentzündung zu sein.
21:00 Uhr:
Jetzt Fackelzug der vereinigten Jongleure Deutschlands durch Nürnberg. Mit Feuer, Bällen, Keulen und viel, viel Krach. Laufe gezwungenermaßen mit. Denke, das ist also alles, was Jongleure können. Werfen und nerven.
23:00 Uhr:
Habe Manfred vom Fackelzug weg in eine Bar hineingelockt. Habe leider Portemonnaie vergessen, aber Manfred fragt, was ich haben will. Ich sage: „Deinen Autoschlüssel“. Steht aber schon ein Bier vor mir. Fluchtversuch gescheitert. Schmiede Rachepläne.
Sonntag, 22. November 2009
11:00 Uhr:
Betrachte durch Glasscheibe Jongleure in Halle. Habe großartige Geschäftsidee. Halle abschliessen und Eintritt nehmen. Bin sicher, dass normale Menschen viel dafür bezahlen würden, Leuten zuzusehen, die mit einer Konzentration, die ihresgleichen sucht, bunte Dinge in die Luft werfen, um sich daran zu erfreuen. Sehen alle so infantil glücklich aus wie mein Lieblingswaschbär im Zoo, wenn er an den Gemüseresten herumspielt.
11.10 Uhr:
Kann Schlüssel für Halle nicht finden, werde also kein reicher Mann. Manfred fragt, ob ich mit reinkomme, jonglieren. Betrete Halle, finde es deprimierend, dass sogar Siebenjährige mit fünf Bällen jonglieren können. Und das auch nur, weil sie den sechsten Ball Zuhause vergessen haben. Fühle mich untauglich, sage mir aber, sind nur Handwerker, keine Künstler.
11:15 Uhr:
Genervt von dicken Frauen, die mit Tüchern herumwedeln, das Kunst nennen und einen auf Elfe machen, während unter ihren Schritten und Sprüngen die ganze Halle bebt.
14:00 Uhr:
Habe mit Manfred jongliert. War großartiges Massaker. Bin Naturtalent. Kann vier Bälle auf einmal hochwerfen, Fangen üben wir das nächste Mal. Manfred hat mir die erste wichtige Jonglierregel beigebracht: Wenn was runterfällt, nie bücken, denn da kommt immer noch was nach. Regel klingt logisch. Muss an Gemeinschaftsduschen denken.
16 Uhr:
Bin schon halber Jongleur. Wen Manfred mich fremden Leuten vorstellt, zucke ich immer wild mit dem Kopf, so, als hätte dieser bereits viele Rendezvous mit Keulen gehabt und behaupte, schon auf vielen Jonglierconventions gewesen zu sein. Seltsamerweise glauben mir alle.
17 Uhr:
Kreativität hat mich angesteckt. Gibt viele Workshops hier, jeder darf machen, was er will. Habe auch Workshop gegeben, Vortrag über die Tradition der Keulenjonglage vom Neandertalertum bis heute gehalten. Fand aber niemand witzig. Waren auch nur fünf Leute da, aber immerhin für drei Minuten.
18 Uhr:
Abfahrt. Ziehe Resüme: Sich über die Frisuren von Tornadoopfern lustig zu machen wäre sinnreicher gewesen als die Zeit hier zu verbringen. Der Türsteher, den ich für meine Lesungen immer engagiere, wird demnächst eine weitere Instruktion erhalten, nämlich nicht nur, wie sonst, keine Neonazis und keine Antifa reinzulassen, sondern jetzt auch noch: keine Jongleure!
(c) Morné Mirastelle, Nebelmond 2009
Oder, um es mit Sebastian Krämer zu sagen: Die Welt braucht keine Jongleure. Genau, und Danke für das schöne Wochenende!
11.10.2009
. . . wurden wahr.
Ihr erinnert euch an den Text “In die Röhre geschaut” und an dessen Fazit, welches da lautete, man möge mir, so man mir wohlgesonnen, Ponys schenken, Backöfen oder Geld, aber bitte keine Fernseher?
Nun, nur einen Tag später kam das erste Paket hier an. Darin:

Mamapony, Babypony, Papapony. So muss das sein, und Auslauf bekommen sie auch, wie man sieht. Ich bedanke mich und verspreche, dass alle Ponys, die hier auch zukünftig eintrudeln, ein ordentliches Heim finden werden.
Tausend Dank,
eine glückliche Morné